Jörg Rowohlt Geschrieben am 28 September, 2018

Kolumne Oktober 2018

Integration oder wirtschaftlicher Missbrauch?

Bürger auf der Bühne

Gerade in Zeiten, in denen sich ein Teil der Gesellschaft ins Abseits stellt, sollte das Theater einen Beitrag zu verloren gehender Kommunikation leisten: Die Bürgerbühnen, deren erste vor fast zehn Jahren in Dresden gegründet wurde, können dabei helfen. Bürgern auf Bühnen können aber auch auf gleich mehrfache Weise missbraucht werden – der Einsatz von Laien anstelle von teureren Profis ist nur eine dieser Gefahren.

Als 2009 der damalige Intendant des Staatsschauspiels Dresden, Wilfried Schulz, die erste Bürgerbühne in Deutschland ins Leben rief, wollte er Menschen auf die Bühne holen, „die eine Realität mitbringen, die wir sonst in ihrer Vielfalt nicht erfahren würden“: Auf der Dresdner Bürgerbühne können sich seither die Bürger der Stadt selber, als auch die sie betreffenden Themen, Probleme und Theaterstücke darstellen. In der sächsischen Landeshauptstadt präsentiert die Bürgerbühne fünf Produktionen innerhalb einer Spielzeit, für die die Schauspielerinnen und Schauspieler in einem sorgfältigen Entdeckungsprozess ausgewählt werden, der dann in eine fast zweimonatige Probenzeit übergeht. Geprobt wird wegen der beruflichen Verpflichtungen der Spieler meist am Abend und an ausgewählten Wochenenden. Acht sogenannte Spielclubs der Bürgerbühne mit so poetischen Namen wie „Club der verliebten Bürger“ oder „Club der neuen alten Meister“ arbeiten unter Anleitung von Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen, Regieassistentinnen und Regieassisten oder Schauspielerinnen und Schauspielern des Ensembles einmal in der Woche themenzentriert. In Dresden sind es etwa 80 Dresdner Bürgerinnen und Bürger, von denen die Theatermacherinnen und Theatermacher meinen, dass sie einmal miteinander reden und spielen sollten – Hebammen mit Bestattern, Pastoren mit Huren oder Banker mit Punks. Neu war damals, „Hauptdarsteller des Lebens“ auf die Bühne zu holen. Neu war auch, dass sie ihr eigenes Theater bekamen, einen „Identifikationspunkt, einen Ort bei uns“, so damals Wilfried Schulz. Die strukturelle Einbettung dieser Theaterform in ein Staatstheater hat nicht bloß in Dresden weitreichende Konsequenzen. Dieses nämlich schafft für seine spielfreudigen Bürger professionelle Produktionsbedingungen, stellt Probenräume, Programmangebote, Regisseure, Bühnenbildner und Dramaturgen bereit, die mit den jeweiligen Laiendarstellern gemeinsam eine Inszenierung erarbeiten. Das ist heute wahrscheinlich notwendiger denn je. Diese gleichen Ressourcen haben auch ihr Gegenstück: Weil es sich nicht um „Laientheater“ handeln soll und auch nicht um eine theaterpädagogische Maßnahme (was da oder dort durchaus hinterfragt werden darf), müssen die Inszenierungen beweisen, dass sie dem hohen künstlerischen Anspruch und dem Vergleich mit Aufführungen der Schauspielsparte standhalten können. Wilfried Schulz‘ Mantra gilt auch hier: Die Bürgerbühne zu behandeln „wie jede andere Produktion auch“.

WIR WÄREN UNS NIE BEGEGNET

Bürgerbühnen und ähnliche Modelle gibt es 10 Jahre nach der Dresdner Initialzündung inzwischen überall in Deutschland und auch im Ausland – unter anderem in Mannheim, Stuttgart, Düsseldorf, Karlsruhe, Lübeck, Braunschweig, Magdeburg, Eisenach und Salzburg. Die Aufzählung ist unvollständig. Wobei die Arbeitsmaxime der Dresdner auch für andere Bühnen gilt, die so oder ähnlich heißen: Eine partizipatorische Demokratie braucht partizipatorische Theaterformen. Einer demokratischen Bürgergesellschaft steht eine Bühne gut an, die Bürgerinnen und Bürger unterschiedlichen Alters, verschiedener sozialer Herkunft, diverser Milieus und Berufe zusammenführt, miteinander ins Gespräch bringt und in ein gemeinsames Theaterspiel verwickelt. Bürger aus der Stadt und der Region stehen auf der Bühne – generationsübergreifend und in zahlreichen und sehr unterschiedlichen Projekten. Ein Zitat ist häufiger zu hören: „Im normalen Leben wären wir uns, so unterschiedlich wie wir sind, nie begegnet!“ Während die Spielclubs bei ihrer diesbezüglichen Arbeit relativ frei und autonom sind, gibt es bei den Bürgerbühnen schon auch eher Anleitung: Die Theaterleitung setzt die Themen, lädt ein und allein durch ihre Auswahl der interessierten Bürgerinnen und Bürger zeigt sie ihren Einfluss.

Während so die Entscheidungsträger an manchen Orten der Überzeugung anhängen, dass nichtprofessionelle Darstellerinnen und Darsteller dem Theater eine Menge zu geben haben und mit ihrer Lebenserfahrung und ihrem Fachwissen, über das kaum ein Regisseur oder Schauspieler verfügt, als sogenannte „Experten des Alltags“ mehr Wirklichkeit auf die Bühne bringen, wird genau diese Vorstellung anderswo hinterfragt.

AUCH GELD SPIELT EINE ROLLE

Tatsächlich betrachten Kritiker die Bürgerbühnen bei allem guten Willen auch als ein Instrument, vergleichsweise kostengünstiges Theater zu machen und die Zahl der Premieren zum Wohlgefallen des Rechtsträgers zu erhöhen – Bürgerbühnen bergen so auch ein Missbrauchspotenzial. Und zweifellos gibt es einen wirtschaftlichen Aspekt: Auf der einen Seite stellen die Theater Ressourcen zur Verfügung, auf der anderen Seite generieren sie Einnahmen – auch wenn die Eintrittspreise unter denen üblicher Karten liegen. Für die Spielclubs etwa in Dresden leisten die Darstellerinnen und Darsteller einen Kostenbeitrag von 60 Euro. In Oberhausen wirbt die Theater:Faktorei mit kostenlosen Angeboten – die Darsteller bekommen also kein Geld. Anderswo werden für Aufführungen immerhin „kleine Gagen“ gezahlt, für die Proben eventuell Pauschalen. Was auch immer das genau bedeutet.

KREATIVER MISSBRAUCH

Missbrauch droht auch, wenn in den klassischen Sparten der Häuser Laien auf der Bühne stehen: Die Rede ist nicht von den wenigen Fällen, in denen Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Ausbildung zum Theater kamen. Gemeint sind die im Theaterbetrieb unverzichtbaren Statistinnen und Statisten, die ursprünglich beschäftigt wurden, um beispielsweise bei Massenszenen die Bühne zu füllen, etwa als Soldaten in Aida-Inszenierungen. Die Vergütung ist geringfügig – oft mit Stundenpauschalen. Inzwischen ist es aber an manchen Häusern häufiger schlechte Übung, solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch über ihre eigentlichen Aufgaben zu besetzen. Es geht um Einsparungen ohne Rücksicht auf das künstlerische Ergebnis. Statisten, Kleindarsteller, Extrachöre oder Bewegungschöre erhalten Aufgaben, die eigentlich professionellen Darstellerinnen und Darstellern vorbehalten sind, da das Geld für diese Profis nicht im Produktionsbudget oder im Gästeetat vorgesehen ist. Die Betroffenen werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und die Zahl der Aufgaben für professionelle Darstellerinnen und Darstellern reduziert sich dramatisch. In vielen Fällen wäre eigentlich eine Bezahlung entsprechend dem Gastvertragsrecht nach NV Bühne korrekt. Dafür müssten die Betroffenen allerdings kämpfen und notfalls ihre Rechte einklagen – was bei Statisten, die hier in der Regel ihre Freizeit mit Freude und Kreativität gestalten, kaum der Fall sein wird.

Gesteigert wird diese Form des Missbrauchs nur noch, wenn professionelle Darstellerinnen und Darsteller als Statisten beschäftigt werden, die dann ebenfalls, obwohl sie komplexe künstlerische Leistungen erbringen, ihre Rechte einklagen müssten.

Es wird ein doppelter Schaden angerichtet: mit dem vermehrten widerrechtlichen Einsatz von Laien oder Profis als vorgebliche Statisterie bei gleichzeitiger Übertragung von komplexen künstlerischen Aufgaben werden diese zu Dumpingbedingungen beschäftigt und gleichzeitig der – ohnehin schwierige – reguläre Arbeitsmarkt beschädigt.

Solche Vorstellungen hatte 2009 hoffentlich niemand, als die erste Bürgerbühne in Dresden entstand: Damals wie heute erreicht diese Initiative zwar „sicher nicht die Pegisten“ (Schulz) – sondern bestenfalls einen realer Bevölkerungsschnitt: Der Ansatz bleibt trotz aller Missbrauchsvorbehalte begrüßenswert, weil er hilft, die Theater in die Gesellschaft zu öffnen. In der Gesamtschau muss aber darauf geachtet werden, dass die öffentlich getragenen Theater weiterhin überwiegend Arbeitsorte für professionelle Künstlerinnen und Künstler der darstellenden Kunst bleiben, die von ihrer Arbeit leben müssen und eine angemessene Entlohnung hierfür verdienen. Alles andere wäre ein Schaden – für Mensch und Kunst.

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