Jörg Rowohlt Geschrieben am 30. Oktober 2020

Kolumne November 2020

BLICK IN DIE GLASKUGEL

Kultur nach Corona

Momentan ist das Infektionsgeschehen zwar eher wieder bedrohlich – aber irgendwann wird Corona hinter uns liegen. Bleibt die Frage, ob die Pandemie Schwachstellen unserer Gesellschaft offengelegt hat? Und wie es „danach“ weitergeht? Wird es eine Neujustierung von Kulturpolitik geben? Ein Blick in die Glaskugel.

Die Kanzlerin hat Recht: Wir alle wünschen uns in eine Normalität von Vor-Corona-Zeiten zurück. Aber gerade in Kulturfragen könnte Skepsis angebracht sein. Wird ihr Stellenwert danach derselbe sein wie zuvor? Oder sich in anderer Form präsentieren und gar noch steigen? Die Verklärung der „Krise als Chance“ ist dabei zum banalen Grundrauschen verkommen. Jenseits dessen sind verschiedene Szenarien für eine Zeit „nach Corona“ denkbar – wann auch immer das sein wird:

SZENARIO 1: KULTUR ALS UNTERFINANZIERTE DASEINSVORSORGE

Ohne die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern gibt es keine Kunst. Die Gemeinden und Bundesländer als Träger der allermeisten Theater und Opernhäuser haben auch nach einem Ende der Pandemie mit sinkenden Steuereinnahmen zu kämpfen – nur der Bund selbst scheint davon nicht ganz so stark betroffen. Auf die Kommunen werden in der Folge sehr komplexe Zuwendungsverhandlungen zukommen, vielen öffentliche Theater in kleineren Städten, die Kinder- und Jugendtheater, aber auch Mehrspartenhäuser in manchen Bundesländern droht der Kahlschlag. Dieses Szenario bleibt auch nicht ohne Folgen für freie Künstlerinnen und Künstler. Manche von ihnen haben sich offenbar schon während der Pandemie anderweitig beruflich orientiert. Die sachsen-anhaltische Staatskanzlei jedenfalls äußerte im September eine entsprechende Vermutung, nachdem ein Stipendienprogramm für Künstlerinnen und Künstler nur zu etwa einem Viertel ausgeschöpft worden war.

Am meisten gefährdet sind die Privattheater, die keine oder kaum öffentliche Zuwendungen erhalten, weil sie ganz überwiegend von eigenen Einnahmen leben, die jetzt ausbleiben. Aber auch die Aussichten für die Häuser in öffentlicher Trägerschaft sind bedrohlich, wenn sich bewahrheitet, was sich schon während der Pandemie andeutete: Beim Personal wird massiv abgebaut, was zunächst vor allem den Einsatz von Gästen betrifft. Da oder dort wird in diesem Szenario über Spartenschließungen und Zusammenle- gung von Theatern diskutiert. Verschärft wird die Situation noch durch einen nachwirkenden Effekt der Coronakrise: Der Anteil der Bevölkerung, der Kulturangebote besucht, wird zunächst – aus Sorge um die Gesundheit – kleiner sein als bislang. Das Publikum rekrutiert sich zudem noch stärker aus denjenigen, die bereits ein hohes Interesse an den Angeboten mitbringen und über die ökonomischen Ressourcen für einen Besuch verfügen. Kulturschaffende – insbesondere Solo-Selbstständige – sind einerseits Leidtragende und könnten doch andererseits zugleich die Gesellschaft weiter entwickeln: Wie können wir unser Leben sozial und ökologisch verträglich führen? Wie lassen sich Menschen zu Verhaltensänderungen motivieren? Wie können wir die Beantwortung solcher Fragen in einer zerstrittenen Gesellschaft ermöglichen? Braucht es dazu nicht kulturelle Werkzeuge? Kurzum: Kultur ist Diskurs- und Demokratievoraussetzung und als solche unverzichtbar.

SZENARIO 2: MEHR DIGITALISIERUNG UND DEMOKRATISIERUNG

Als Theater und Opernhäuser im Frühjahr geschlossen werden mussten, hatten sich in den Folgemonaten manche Institutionen und auch Einzelpersonen mit Streamingangeboten beholfen. Die Angebote auf Youtube, Instagram, Facebook oder sonstigen Portalen dienten der Selbstvergewisserung, natürlich dem Marketing, als auch der ständigen Erinnerung: Ja, es gibt sie noch, die Theater, Konzerthäuser, Museen – selbst, wenn sie gerade geschlossen sind. Was im Netz sichtbar wurde, war letztlich ein Verweis auf die irgendwann wieder erfahrbare Realität. „Nach“ Corona bleibt zu klären, welches Verhältnis digital und analog, Aura und Abbild zueinander haben werden. Die Corona-Erfahrungen könnten dazu beigetragen haben, den Wert der realen Theatererfahrung wieder neu zu erkennen und zugleich die Chancen der Digitalität zu nutzen. Schon vor der Krise gab es im Kulturbereich Überlegungen und Ansätze zur Nutzung neuer technischer Möglichkeiten, unter anderem am Theater Dortmund (siehe Bühnengenossenschaft 3/16 & 3/18) oder am Staatstheater Augsburg, wo mit Virtual-Reality-Inszenierungen experimentiert wurde. Digitale Formate, so lautet weiterhin die Hoffnung, erhöht die Reichweite kultureller Angebote und macht diese für mehr Menschen zugänglich. Im Kern bleibt aber wahr: Digitale Projekte können analoge Formate begleiten, aber nicht ersetzen. Ebenso eindeutig darf es die künstlerische Leistung nicht umsonst geben, auch nicht im digitalen Raum. So wie eine Eintrittskarte fürs Theater oder eine Oper gekauft wird, muss das auch für digitale Formate möglich sein. Den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern muss Wertschätzung entgegengebracht werden – und auch an vermeintlich altmodische Dinge wie das Urheberrecht ist zu denken. Idealerweise sollten bei all diesen neuen Konzepten die technischen Grundlagen nicht in der Hand großer Konzerne liegen, die sich nicht um europäisches Steuerrecht kümmern. Offene Software und Open-Source-Lösungen stehen für demokratische Standards.

Corona hat die digitale Umgestaltung zwar nicht hervorgebracht, ihr jedoch unfreiwillig ganz neue Dynamik verliehen. Die völlig neuartigen Arbeitsbedingungen in der Krise mit ihrer Dominanz des Digitalen wird von manchen auch für die Zeit nach der Pandemie als große Chance gesehen: Anstatt zwischen analogen und digitalen Inhalten zu unterscheiden, könnten beide Bereiche zusammen gedacht werden und sich gegenseitig verzahnen.

Verzahnung traditioneller Kultur mit einer Vielfalt von digitalen Formaten führt langfristig zu einer Demokratisierung von Kultur. Dazu später mehr.

SZENARIO 3: NEUE WERTSCHÄTZUNG FÜR KULTUR

Die Pandemie hat gezeigt, wie instabil das System Kultur ist. Auf der einen Seite klang Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) schon im Juli irgendwie nach Pfeifen im Walde, als sie als Folge der Krise „eine neue Wertschätzung für Kultur“ erhoffte: „Wir alle spüren, wie viel Lebensqualität uns ohne Kultur verloren geht, wie sehr wir Kunst, Musik und Poesie nötig haben, auch, um Antworten auf die verstörenden Fragen des Daseins zu erhalten.“ Andererseits diagnostizierte sie im gleichen Interview: „Je länger die Rückkehr zur Normalität dauert, desto dramatischer wird die Lage für die Künstlerinnen und Künstler“ – wovon Betroffene ein Lied singen können. Grütters: „Corona hat gezeigt, wie krisenanfällig ihr Lebensmodell ist“ , weshalb neu gedacht werden müsse: „Künstlerinnen und Künstler müssen von ihrer Arbeit leben können!“ Darauf hätte man auch ohne eine Pandemie kommen können.

Die Ministerin reklamiert Systemrelevanz, weil wir „Theater und Konzerthäuser nicht nur als Kulturorte, sondern auch als soziale Orte brauchen, an denen wir mit anderen Menschen zusammenkommen und uns austauschen“, weshalb Kultur fundamental für unsere Demokratie sei. Kaum jemand wird ihr widersprechen – es stellt sich aber gerade nach Ende der Krise die Frage nach den praktischen Folgen. Werden Künstlerinnen und Künstler jetzt angemessen bezahlt? Was sind im Bereich der Kultur staatliche Pflichtaufgaben – startet hierzu jetzt eine gesellschaftliche und politische Debatte? Hat Corona womöglich gar die von mancher Seite geforderte neue radikale Experimentierfreudigkeit hin zu mehr Publikumsorientierung befördert? Braucht Kultur vielleicht sogar so etwas wie einen Perspektivenwechsel, der stärker den von Kulturangeboten bisher nicht erreichten Teil der Öffentlichkeit in den Blick nimmt ohne ausschließlich unter Kommerzaspekten zu agieren?
Mit dem vermeintlichen Gegensatz von Kunst und Kultur einerseits und Sozialem oder Sport andererseits könnte es dann vorbei sein. Kommunale Kämmerer und Finanzpolitiker würden erkennen, dass sich entsprechende Haushaltsposten nicht gegeneinander ausspielen lassen. Christoph Dittrich, Präsident der Kulturstiftung Sachsen, hätte Recht behalten, weil er schon vor Monaten diese Konkurrenz bestritt: „Wenn uns die Corona-Krise irgendwas gelehrt hat, ist es dieses unglaublich symbiotische Verhältnis der kompletten Kulturbranche.“

SZENARIO 4: NEU DENKEN NACH CORONA

Corona könnte so zum Anlass für eine demokratischere Kulturpolitik geworden sein. Nach Einschätzung des Berliner Instituts for Cultural Governance dominierte dieses Feld bisher eher die Kulturverwaltung, nicht die Politik. Das Berliner Denklabor plädiert für kooperative Strukturen, in denen kulturpolitische Themen mit Kunst- und Kulturschaffenden und Zivilgesellschaft verhandelt, problematisiert und in Politik umgesetzt werden kann. Vorstellbar wären Kulturbeiräte, Runde Tische oder ähnliche Austauschformate zwischen den Akteuren. Aber Obacht: Bei all dem darf Kunstfreiheit nicht beschädigt werden; auch nach der Krise muss sie unantastbar bleiben. Einflussversuche von Seiten politischer Institutionen bleiben toxisch.
Unabhängig davon wäre möglich, dass auch Politik und Verwaltung die Krise genutzt haben – als Impulsgeber für überfällige Veränderungen. Warum nicht manche starren Zuwendungsrichtlinien flexibilisieren, um bedarfsorientiert Förderkulissen zu sichern? Dass das möglich ist, hat das Berliner Kulturstaatsministerium während der Pandemie bereits gezeigt. Warum nicht die strengen Regelungen des Haushaltsrechts etwa gegen Rücklagenbildungen von Vereinen und Institutionen wenigstens an die Möglichkeiten anpassen, die die Abgabenordnung einräumt?

ZURÜCK IN DER REALITÄT

In der bitteren Alltäglichkeit mit ihrem Infektionsgeschehen steht uns ein wahrscheinlich unerfreulicher Winter bevor. Niemand weiß, wie sich die laufende Spielzeit weiter entwickelt. Die Behörde der Kulturstaatsministerin (BKM) hat unter der Überschrift „Neustart Kultur“ ein Programm von 1 Milliarde Euro aufgelegt, von denen ein Teil bereits zielgenau abgeflossen ist. Die Unterstützung richtet sich insbesondere an jenen Institutionen, Unternehmen und Organisationen, die nicht vornehmlich öffentlich gefördert sind. Trotzdem müssen viele um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Selbst der Bund der Steuerzahler, sonst nicht unbedingt als theaterfreundlich aufgefallen, warnt in einem Schreiben seines bayerischen Landesvorsitzenden Rolf von Hohenhau an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor einem „Kollaps“ und verweist auf immer bessere Hygienekonzepte: „Es nützt nichts, den Künstlern, Geld anzubieten, dafür, dass sie nicht auftreten. Der künstlerische Bereich definiert sich über die Möglichkeit, seine Begabung vor Publikum unter Beweis zu stellen.“ Alles andere als ein gangbarer Weg scheint gerade am Oldenburgischen Staatstheater probiert zu werden: Weil, so die Pressestelle, ein Verzicht auf körperliche Nähe auf Bühne künstlerisch nur schwer vorstellbar sei, habe sich das gesamte künstlerische Team der Opernproduktion „Don Pasquale“ im September in eine freiwillige Probenquarantäne begeben. Das Pilotprojekt finde in enger Abstimmung mit dem örtlichen Gesundheits- ministerium und dem niedersächsischen Kultusministerium statt. Fragen bleiben trotzdem: Wie freiwillig ist „freiwillig“? Kann ein Arbeitgeber seinen Arbeitnehmern eine „freiwillige“ Quarantäne nahelegen – für niedrige Gagen? Was passiert, wenn das Experiment schiefgeht? Wohl eher kein Modell für andere. Aber über eine Zeit nach der Pandemie muss das Nachdenken erlaubt sein.

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