Jörg Rowohlt Geschrieben am 1 November, 2019

Kolumne November 2019

FLÄCHENVERSORGUNG:

Theater überall

Theater können zum Dialog oder mindestens zur Sprechfähigkeit einer zunehmend zerrissenen Gesellschaft beitragen. Dazu muss die Kultur die Menschen allerdings auch allerorten erreichen.

70 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung lebt nicht in Großstädten, ein erheblicher Teil nicht einmal in Städten. Der „ländliche Raum“ und seine Belange haben, etwa in der Kulturpolitik, einen zunehmenden Stellenwert erreicht. Weil nicht jede oder jeder im vollgepfropften Berlin Mitte oder in Hamburg Eppendorf wohnen mag, besteht eine der aktuellen Herausforderungen für kulturelle Entscheidungsträgerinnen und -träger darin, auch dieser auf dem Lande lebenden Personengruppe den Zugang zu und die Teilhabe an Kultur zu ermöglichen. Eine künstliche Animosität gegenüber Stadt- und Staatstheatern führt dabei in die Irre. Zum einen haben diese ihren Einzugsbereich auch in der Fläche, zum anderen gibt es in Deutschland mit seinen etwa 140 Häusern auch in kleinen und kleinsten Orten so viel Zugang wie nirgends sonst. In Frankreich etwa konzentriert sich theatrale Kultur tatsächlich auf die Metropolen wie Paris oder Lille. In Deutschland gibt es auch in Zittau und Bamberg ein Theater.

LANDESBÜHNEN: DORFPLATZ UND LAGERFEUER

Eine zentrale Rolle spielen darüber hinaus die Landesbühnen, die Theater in die Fläche bringen. Die dort Beschäftigten schaffen mit jeder Vorstellung aufs Neue für die Nichtstädter kulturelle Möglichkeiten – und sie nehmen dafür auch besondere Anstrengungen in Kauf. Die kulturell Leistung der Landesbühnen geht nicht selten zu Lasten der Beschäftigten. Von Altenburg bis Tübingen zeigt sich, wie unnötig und überflüssig die manchmal zu verspürende Arroganz der Metropolenkultur ist. Als in Köln im vergangenen Jahr ein neuer Intendant gesucht wurde, bewarb sich erfolgreich Carl Philip von Maldeghem, der das Landestheater Salzburg leitet. Am Ende konnte er seine Intendanz aber trotzdem nicht antreten, weil die „selbstgerechte Blase der Theaterinsider und Besserwisser“ (Welt) den Mann aus der Provinz unter anderem auch eben deswegen durchfallen ließ.

Die Landesbühnen haben den expliziten kulturpolitischen Auftrag, Theater in nicht urbanen Zentren eines Bundeslands zu gewährleisten und Teilhabe zu ermöglichen. Wenn die Landesbühnen unterwegs sind – das Hildesheimer Theater für Niedersachsen etwa deckt ungefähr 50 Gemeinden ab – treten sie oft in Orten auf, die der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) angehören. Der Verband beansprucht, 15 Millionen Menschen in Deutschland den Zugang zu professionellem Theater zu ermöglichen. Ohne eigenes Ensemble sind diese Gastspielstätten auf das Angebot überregional arbeitender Theater angewiesen – und das sind oft die Landesbühnen. Die Provinz ist so auch in kultureller Hinsicht dabei, sich zu emanzipieren, nachdem „das Land“ inzwischen die Gesellschaft insgesamt bewegt. Schließlich ist nach vorherrschender und zutreffender Lesart Kulturpolitik immer auch Gesellschaftspolitik, will sagen: Kultur und Theater können einen Beitrag dazu leisten, Menschen die sich sonst nur in geschlossenen Zirkeln oder Filterblasen aufhalten, wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Regisseur Jan Bosse meint, zu diesem Zweck solle das Theater „Geschichten erzählen, die die Welt als veränderbare darstellen“.

Das ist zwar spätestens seit Brecht keine wirklich neue Erkenntnis, aber gleichzeitig ist es noch nicht lange her, dass Kulturwissenschaftler ebenso wie -praktikerinnen und -praktiker ausschließlich die großstädtische Theaterkultur gelten ließen und die ländlichen Räume nicht wahrnahmen.

Landesbühnen sind also in diesem Sinne regionale Theater und Diener zweier Herren: zum einen Stadttheater und zum anderen mobile Bühne, im Idealfall als Dorfplatz oder Lagerfeuer überall dort, wo sie auftreten.

FLÄCHENKULTUR KOSTET

Die politischen Parteien haben sich kulturelle Flächenversorgung jedenfalls verbal längst zur Aufgabe gemacht. In den ohnehin stärker in den Blick zu nehmenden ländlichen Räumen solle, so ist auch aktuell immer wieder zu hören, Kulturpolitik einen wichtigen Schwerpunkt bilden. Gerade angesichts einer gespaltenen Gesellschaft wird diagnostiziert, muss die Kultur in den kommenden Jahren eine größere Rolle spielen, weil „die Menschen nach Orientierung suchen“ – so sagt es die schleswig-holsteinische Kultusministerin Karin Prien (CDU). Auch in der Koalitionsvereinbarung von CDU/CSU und SPD vom Frühjahr 2018 findet sich ein entsprechender Passus. Die sächsische Kulturstiftung wird deutlicher: Es gebe einen mindestens mittelbaren Zusammenhang zwischen Kultur in der Fläche und den Wahlergebnissen der AfD.

Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien im Kanzleramt, hat die Provinz-Kultur ebenfalls seit Jahren auf der Agenda: Immer wieder führen ihre Theaterreisen in Regionen abseits der Metropolen, zuletzt im September nach Norddeutschland. Auch für das Theater im ländlichen Raum stelle sich die Frage, in Zukunft weiterhin möglichst viele Menschen erreichen zu können. Grütters sicherte ihre Unterstützung zu – „mit allen Möglichkeiten, die uns auf Bundesebene zur Verfügung stehen“. Genau hier liegt ein großes Problem: Kultur ist nach den Vorschriften des Grundgesetzes Ländersache. Und damit auch ihre Finanzierung. Der Bund kann grundsätzlich nur zeitlich begrenzte Projektförderung betreiben. Die Bundeskulturstiftung hat dabei Wichtiges geleistet – aber eine dauerhafte Finanzierung bleibt unmöglich.

Zwar haben die Länder in den Jahren nach der Wiedervereinigung aus schierer finanzieller Not manche finanzielle Kulturförderung durch den Bund akzeptiert, die zuvor nicht denkbar gewesen wäre. Trotzdem bewegen sich Kulturpolitikerinnen und -politiker auch aktuell mit jeder Fördermaßnahme in einem verfassungsrechtlichen Graubereich. Kurz gesagt: Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen Bund und Ländern, das durch die Pflicht der Länder zur Mitfinanzierung nicht aufgelöst wird. Nicht in jeder Landeshauptstadt sind Mittel und Wille vorhanden, Gelder beizusteuern. Trotzdem wird es am Ende nicht möglich sein, Kultur noch weiter in die Fläche zu tragen, ohne dazu auch Geld in die Hand zu nehmen.

REPERTOIRE: AUF DIE MISCHUNG KOMMT ES AN

„Abgehängte“ Regionen brauchen Infrastruktur: Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und Fachärzte – Letztere werden aber kaum aufs Land ziehen, wenn es dort keine kulturellen Angebote gibt. Solche Angebote werden die finanzschwachen Kommunen allerdings nicht stemmen können. Und so ist Baden-Württemberg womöglich ein Vorbild. Dort finanziert das Land 70 Prozent des Budgets der Landestheater.

Denn wie man es dreht und wendet: Letztlich wird sich die Zukunft der Flächenversorgung auch an der finanziellen Ausstattung entscheiden. Insofern hat Silvia Stolz, Intendantin des niedersächsischen Stadeums, recht:„Ein großer Schritt hin zu einer teilhabeorientierten Theaterpolitik wäre mehr Verständnis für die Rahmenbedingungen in der Provinz und Akzeptanz der Leistungen aller vielfältiger Akteurinnen und Akteure.“ Anderenfalls könnte Befürchtungen Realität werden, die Landesbühnen müssten auf Kosten von künstlerischer Qualität und Quantität Strukturen und Angebote zurückfahren. Professor Wolfgang Schneider hat jüngst als einer von mehreren Herausgebern unter dem Titel „Theater in der Provinz – Künstlerische Vielfalt und kulturelle Teilhabe als Programm“ ein Buch vorgelegt, das sich der Problematik aus sehr unterschiedlichen Blickrichtungen annimmt. Neben der immer aktuellen Finanzierung bleibt noch die Frage, mit welchem Repertoire das provinzielle Publikum erreicht werden kann. Folgt man dem Klischee, geht das nur mit Populärem. In der Tat gibt es „eher selten spektakuläre Statements innovativer Kunst“, wie Beate Kegler von der Uni Hildesheim formuliert. Damit ist aber nicht gesagt, dass nur Gassenhauer bühnenfähig sind und zeitgenössisches oder zeitkritisches Theater nicht vorkommt: Vielmehr scheint ein ausgewogenes Verhältnis zwischen populärem und anspruchsvollem Repertoire eine wichtige Rolle zu spielen. Beispiel dafür ist die Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, wo dieses über Jahre mal mehr, mal weniger gut gelang. Nachdem über Jahre mit einem ausgewogenen Spielplan, der so auch in einer Metropole funktioniert hätte, immer mehr Publikum ins Haus geholt wurde, brachen plötzlich aber die Zuschauerzahlen ein, ohne dass der neue Intendant das wirklich erklären konnte. Bei einem eher trashigen Stück sollen gerade noch ein knappes Dutzend Zuschauerinnen und Zuschauer anwesend gewesen sein; sie bekamen ihr Geld zurück. Als der Spielplan auf Leichtverdauliches umschwenkte, gingen die Zuschauerzahlen nur noch weiter zurück. Es ist also offenbar kein „Kulturimperalismus“, wie gelegentlich polemisch zu hören war, wenn in der Fläche auch Anspruchvolles geboten wird. Andersherum wäre es ein eigenartiges Kulturverständnis, zu meinen, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Provinz sei nur substanzlose Unterhaltung zuzumuten.

JENSEITS DER PROVINZEN

Überhaupt sollten alle Beteiligten hier und dort vor der Vokabel „Provinz“ nicht zurückschrecken: In ihrer ursprünglichen Bedeutung bezeichnete sie einfach eine der römischen Verwaltungseinheiten, die Sicherheit und Wohlstand versprachen. Außerhalb der Provinzen hausten die Barbaren.

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