Jörg Rowohlt Geschrieben am 30 Oktober, 2018

Kolumne November 2018

THEATERSANIERUNGEN

Baustelle Bühne

Experten sagen, 80 Prozent der Theater in Deutschland seien sanierungsbedürftig. In einigen Häusern sind diese Arbeiten inzwischen abgeschlossen, anderswo noch im Gange oder in der Planungsphase. Für die Besucher der Kultureinrichtungen sind damit Unannehmlichkeiten in Ersatzspielstätten verbunden – die eigentliche Last haben aber die Beschäftigten zu tragen.

Ein kultureller Investitionsstau ist unübersehbar: Da sind zunächst die zahlreichen Theater, die um die 100 Jahre alt sind. Viele von ihnen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Weil sich nach Kriegsende erneut Kulturhunger regte, wurden diese Bauten schon unmittelbar danach – manche schon ab 1946 – zügig wieder aufgebaut. Nicht selten kam es zu Vernachlässigung von Baumaterial, Statik oder Sicherheitstechnik. Nun, viele Jahrzehnte später, lassen sich marode Technik, überlastete Gebäudestatik, unzu- reichender Brandschutz und anderes nicht mehr mit vergleichsweise geringem Aufwand flicken. Hinzu kommen veränderte Produktionsbedingungen: In 100 Jahren haben sich nicht nur Spielweisen, Inszenierungsstile und Sehgewohnheiten verändert, auch die Zahl der Produktionen ist gewaltig gestiegen. Spielstätten erleben einen ständigen Umbaumarathon, was neben mehr Probenräumen einen gesteigerten Bedarf an Logistik und Lagerflächen nach sich zieht. Mittlerweile sind mindestens 50 unterschiedliche Berufe in den Theatern beschäftigt, auch die brauchen Räume in einer stärker technisierten Welt. Lichttechnik, Akustik, Hub- oder Drehbühnen, Videoeinsatz und digitale Techniken sind leistungsstärker und raffinierter geworden. Das fordert Obermaschinerie, Gebäudestatik oder Böden ganz anders heraus. Der spezialisierte Hamburger Architekt Detlef Junkers: „Die größten Probleme bei der Sanierung sind der Brandschutz, die Energietechnik und die Bühnentechnik“. Er betont zugleich den kulturellen und historischen Wert der Bauten.

NEUBAU ODER SANIERUNG?

Experten sprechen von einer „Sanierungswelle“, die den Theatern bevorstehe. Auch wenn schon jetzt zahlreiche Baugerüste an den Häusern auffallen: Der große Umbau startet in den Jahren ab 2019/2020. Beispiele: Würzburg, Karlsruhe oder Bonn.

Dabei sind aber nicht nur die Gründerzeitbauten der Jahrhundertwende betroffen: Insbesondere auch die Theatergebäude der 1950er und 60er-Jahre sind oft architektonisch bedeutsam und unbedingt erhaltenswert – Bausubstanz und technische Gegebenheiten allerdings entsprechen oft nicht den heutigen Anforderungen und baupolizeilichen Vorschriften. Im konkreten Fall gibt es dann regelmäßig Stimmen, die für Abriss und Neubau plädieren, weil das tatsächlich oder vermeintlich günstiger sei als eine Generalsanierung. Die kultur- und architekturhistorisch wertvolle Moderne dieser Zeit verschwände. Beispiel Frankfurt am Main: Die 1963 gebaute „Theaterdoppelanlage“ für Schauspiel und Oper ist marode und stark sanierungsbedürftig. Fachleute erklären, das eigentliche Problem des Baus mit seiner riesigen Glasfront sei die veraltete Klimatechnik. So wurde eine Zeit lang eine Radikallösung diskutiert, weil ein Neubau von Oper und Schauspielhaus praktisch genauso teuer wäre wie die Sanierung: Jeweils rund 900 Millionen Euro sind veranschlagt. Inzwischen haben sich alle Beteiligten auf den Erhalt des alten Gebäudes verständigt. Entschieden ist die Debatte auch in Trier: Das ebenfalls 1963 entstandene Haupthaus soll generalsaniert werden. Die Kunstakademie als zweiter Standort, ein Neubau als Interimsunterkunft und die Auslagerung der technischen Werkstätten: Das sollen die Eckpfeiler bei der Generalsanierung sein. Bis 2015 hatten die Verantwortlichen noch einen kompletten, riesigen Neubau ins Auge gefasst – der wohl weit mehr als 75 Millionen Euro gekostet hätte. Eine angesichts dieser Summe in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Statik des alten Gebäudes durchaus einer Generalsanierung standhalten würde. Ohne zusätzliches Geschoss oder einen großen Anbau sei das benötigte Raumprogramm allerdings nicht unterzubringen. Kosten für Sanierung und Aufstockung, je nach Variante: 50 bis 55 Millionen Euro. Dass in Trier akuter Handlungsbedarf besteht, ist also nicht neu. Zusätzlich verzögert hat sich die Entscheidung durch den zwischenzeitlichen Generalintendanten Karl Sibelius, mit dessen finanziellen Eskapaden sich die Stadt zunächst beschäftigen musste.

LACKMUSTEST FÜR KULTURAFFINITÄT

Aber immerhin ist in der Mosel-Stadt inzwischen eine Entscheidung gefallen und für den fast allerorten zu beobachtenden Investitionsstau eine Lösung gefunden. Der bezieht sich nämlich nicht nur auf kaputte Autobahnbrücken und defekte Schuldächer. Für die Rechtsträger – Kommunen und Bundesländer – stellt die fällige Finanzierung der anstehenden Theatersanierung, neben den laufenden Zuschüssen, eine zusätzliche Probe aufs Exempel für ihre Kulturaffinität dar. Und so lassen sich verschiedene Finanzierungsmodelle beobachten: Für die Sanierung des Mannheimer Nationaltheaters ab 2019 spendiert die Berliner Kulturstaatsministerin 80 Millionen Euro. Zufällig sitzt der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete im Kulturausschuss des Bundestages. Der Stadt sicherte die Zusage ein Drittel der Bausumme. Auf der anderen Seite des Neckars, in Heidelberg, war die Reaktion, gelinde gesagt, verwundert: Dort war die – abgeschlossene – Sanierung zu einem Drittel über Spenden finanziert worden; den Rest der insgesamt 70 Millionen Euro musste die Kommune alleine stemmen. Sanierungsbeginn war dort August 2009 gewesen, im Januar 2013 konnte das Haus wiedereröffnet werden.

Ein anderes Finanzierungsmodell hat Würzburg erarbeitet: Die Sanierungskosten von 60 Millionen Euro teilen sich Stadt, der Bezirk Unterfranken, der Freistaat Bayern sowie die Sparkassenstiftung. Im Frühjahr 2019 soll es losgehen.

Fest steht: Derzeit nehmen Kommunen, Bund und Länder ordentlich Steuern ein, so dass die Finanzdezernenten und -minister ihre Haushalte mit einer schwarzen Null abschließen können. Und selten war es günstiger, Darlehen und Kredite aufzunehmen – kaum je waren die Voraussetzungen für umfassende Sanierungen günstiger. Warten macht die Sache jedenfalls nicht billiger und wer zu lange wartet, den strafen Brandpolizei und TÜV: In Mannheim hätte 2022 die Schließung gedroht. Ebenso im schwäbischen Augsburg – dort wird inzwischen saniert, nachdem die letzten Aufführungen im alten Haus nur noch unter Feuerwehr-Bewachung stattfinden durften. Finanzielle Unterstützung und Beförderung zum Staatstheater bekamen die Augsburger aus der Landeshauptstadt.

Im Prinzip gibt es mehrere Möglichkeiten einer Theatersanierung. Die radikalste Variante ist der Neubau – obwohl gelegentlich diskutiert, ist es dazu in jüngster Zeit nirgendwo in Deutschland gekommen. Dann stellt sich die Frage: Wie wird die Sanierung durchgeführt? Würzburg will sein Drei-Sparten-Haus während der Theaterferien sanieren, das Staatstheater in Oldenburg tut das bereits, es gibt Sanie- rungen im laufenden Betrieb wie etwa 2008 bis 2015 in Ulm, andere Kommunen schließen ihr Theater. Das hat einen entscheidenden Vorteil, sagt der Vorsitzende der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG), Wesko Rohde: Die Baustelle muss nicht jedes Jahr aufs Neue eingerichtet werden. Das spart Geld, das direkt in die Sanierung fließen kann. Der Nachteil: Eine oder mehrere Interimsspielstätten müssen gefunden werden. Nicht jede Kommune ist dabei in der Lage wie Berlin mit seiner Staatsoper. Die fand für mehrere Jahre Unterschlupf im Schillertheater.

EHRLICHE BESTANDSANALYSEN SIND GEFORDERT

Nicht nur in der Hauptstadt überraschte die Notwendigkeit der Sanierung niemanden, aber die Akzeptanz der Kosten ist dann doch meist eine andere Baustelle; bei der Berliner Staatsoper kamen letztlich 440 Millionen Euro zusammen. Dabei ist festzustellen, dass die Theater nicht alleine vom schleppenden Kampf um die Sanierung betroffen sind. Der Städte- und Gemeindetag bezifferte 2017 den Sanierungsstau in den Kommunen auf 126 Milliarden Euro – dies betrifft eben nicht nur Theater, sondern auch Schulen, öffentliche Gebäude oder Infrastruktur. Wesko Rohde von der DTHG konstatierte allerdings auch eine gewisse Mutlosigkeit bei Theatern in Sanierungsdingen und rät zu klarer, ehrlicher Bestandsanalyse. Außerdem empfiehlt er, die reiche Bauerfahrung und -vernetzung von Dachverbänden wie der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft anzuzapfen. Die Wertschöpfung, die ein neu gebautes Theater einer Region beschere, sei deutlich höher als der finanzielle Aufwand. Intendanzen und Geschäftsführer sollten mit Hilfe von Fachleuten mutige Konzepte formulieren: „Nur so kann man Arbeitsplätze für die Zukunft gestalten.“

Auch die seit 2012 generalsanierten Bühnen Köln müssen auf Ersatzspielstätten ausweichen. Die Oper stammt von 1957, das dazugehörige Schauspielhaus von 1962. Wie sich herausgestellt hat, ist es nur mit großem Aufwand möglich, die historische Grundsubstanz zu erhalten und das Gebäude gleichzeitig den heutigen Sicherheitsbestimmungen und technischen Erfordernissen anzupassen. Gerade angesichts des langen Zeitraums – eine Fertigstellung ist vorläufig für Ende 2022 geplant – wird deutlich, dass die eigentliche Last auf den Schultern der Beschäftigten liegt. „Wir sind es leid“, fasst die Obfrau des Kölner GDBA-Lokalverbands, Kathrin Vinciguerra, die Stimmung des Personals an den Bühnen Köln zusammen, die nicht nur drei Bühnen in Ersatzspielstätten bespielen müssen. Auch Probebühnen und Werkstätten hätten ständig umziehen müssen: „Insgesamt haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert“ – unter anderem, weil sich ausgelagerte Abteilungen nur mit langen Anreisewegen erreichen lassen. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen wanderten ab, die Zahl der Überstunden steige.

Nicht selten führten baupolizeiliche Auflagen bei den Beschäftigten auch zu Befürchtungen um den Arbeitsplatz, da an manchem Krisenstandort die Sanierungsnotwendigkeit Auslöser von Schließungsdebatten war – siehe Augsburg oder Rostock. Und wenn die Instandsetzungsarbeiten dann doch kommen, ist es oftmals nur ein schwacher Trost, dass sie auch irgendwann enden – in Köln mag das sogar ein fernliegender Zeitpunkt sein. Die Arbeitgeber sollten sich jedenfalls nicht nur in der Domstadt um Verständnis für die erschwerten Bedingungen bemühen und Arbeitsbedingungen entsprechend gestalten.

Auf der anderen Seite heißt Sanierung auch Hoffnung und kann neue Perspektiven schaffen: Mit neuen und hoffentlich schönen Arbeitsplätzen, nicht mehr unter bröckelndem Putz und maroden Leitungen.

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