Jörg Rowohlt Geschrieben am 29 April, 2019

Kolumne Mai 2019

KUNST UND POLITIK

Kulturschaffende und ihr Engagement

Ende des Monats sind Europawahlen. Und Kommunalwahlen in den ostdeutschen Bundesländern. Und Bürgerschaftswahlen in Bremen. Zusätzlich finden im Herbst in Sachsen, Brandenburg und Thüringen Landtagswahlen statt.

An klugen Ratschlägen, was jeweils vor und nach diesen Wahlen zu tun sei, mangelt es nicht. Auch die GDBA ruft zur Teilnahme an der Europawahl auf. Das reicht aber nicht: Jede und jeder Einzelne muss aktiv werden – am besten noch über das Kreuzchen auf dem Wahlzettel hinaus. Wir können uns nicht gemütlich im weichen Ohrensessel der Demokratie zurücklehnen, die Fernbedienung in der Hand und Politik einfach delegieren. Wir müssen uns bewegen. Selbst wenn wir unser Kreuz bei einer demokratischen Partei machen, die unseren Werten entspricht: Leben müssen wir diese Werte selbst! Dabei ist der Rückzug ins Private keine Alternative – auch wenn Politik anstrengend ist: Gerade Künstlerinnen und Künstler bringen schon von Berufs wegen jenes Maß an Toleranz und Empathie mit, das dort gegenwärtig manchmal zu fehlen scheint. Umso mehr sollten sie sich politisch engagieren.

ARGUMENTE UND NICHT BEHAUPTUNGEN

Kunst war und ist oft politisch, verbunden mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Resonanz und Einfluss. Bei den anstehenden Wahlen geht es nun um mühsam errungene Freiheiten, die Abstimmungen sind diesmal von stärkerer Bedeutung als häufig in der Vergangenheit, denn jetzt geht es konkret darum, welchen Einfluss Rechtspopulisten auf reale Entscheidungen bekommen. In mancher Kommune oder in manchem Bundesland dürfte der bedrohlich werden, insbesondere dort, wo die AfD zur stärksten Partei werden würde. Kulturschaffende können nicht damit einverstanden sein, wenn rechtsaußen auf diese Weise über Theaterzuschüsse mitentscheidet – insbesondere nachdem die AfD immer wieder angekündigt hat, politisch unliebsame Inszenierungen zu unterbinden.

Auch wenn es pathetisch klingt: Wir müssen unsere erste Bürgerpflicht wahrnehmen und Politikerinnen und Politiker wählen, für die Argumente und nicht Behauptungen zählen. Wir müssen Politikerinnen und Politiker wählen, die wissen, dass zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft in Freiheit gestaltete Kunst und Kultur unabdingbar dazugehören.

Auch die Verbände der Aktion 40.000 (Dramaturgische Gesellschaft, Bund der Szenografen, Konferenz Konkret, ensemble-netzwerk, Deutscher Bühnenverein, GDBA und DTHG) haben die neuen Kampagne „40.000 Theatermitarbeiter*innen rufen das Publikum zur Europawahl auf“ gestartet.

Die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit ist unabhängig davon immer wieder Thema. Gemeint sind in der Regel Institutionen oder Inszenierungen. Aber die Freiheit des Politischen gilt eben auch für die Kulturschaffenden selbst – sie dürfen und sollen sich (partei)politisch engagieren. Indem er oder sie Kunst machten, so ist manchmal zu hören, sei das schon genug Politik. Dabei werden unprätentiöse aufwändige Dinge wie Förderrichtlinien, Protokolle oder Satzungen oft übersehen, die viel Mühe machen: Wer ernsthaft in die Politik einsteigen will, muss fleißig sein – abendliche lange Mails oder sonntägliches In-ein-Thema-Reinfuchsen inklusive. Vor allem aber: Die Interessentin oder der Interessent muss für ein Thema „brennen“, das sie oder ihn nachts nicht schlafen lässt. Parteien sind froh über jeden Neuzugang und werben mit dem Motto: Mitmachen statt meckern. Andererseits gibt es für Neuankömmlinge wenig Abschreckenderes als die Stammtische lokaler Parteigliederungen.

Kunst ist (oft) politisch – das ist banal und hat sich zu allen Zeiten im Engagement von Künstlerinnen und Künstlern auch außerhalb von Parteien gezeigt: Aktuell haben diverse Opernchöre mit Beethovens Ode an die Freude gegen AfD und Pegidisten angesungen. Die Europahymne spielte auch Igor Levit bei der Londoner Last Night of the Proms 2017 in der Zugabe als seinen Kommentar zum Brexit. Der Pianist hält vor seinen Konzerten gelegentlich Ansprachen ans Publikum und postet tagesaktuelle Kommentare in den Sozialen Medien. „Zu sagen, der Alltag interessiert mich nicht, gerade als Künstler, ist ein Luxus allerschlimmster Sorte“, sagte er dem Münchner Merkur.

Die quasi Demo-Konzerte der Dresdner Sinfoniker gegen Donald Trumps Politik an der mexikanischen Mauer sind ein anderes Beispiel.

Es muss aber nicht immer gleich so prominent zugehen:

Da wäre etwa der Inspizient an der Deutschen Oper am Rhein, der 2017 in die SPD eingetreten ist, um die Koalition von Union und SPD auf Bundesebene zu verhindern. Als die Mitgliederabstimmung bei den Sozialdemokraten anders ausging, blieb er in der Partei und versucht jetzt „den größten Unfug“ auf kommunaler Ebene mit Hilfe sozialdemokratischer Ratsmitglieder zu verhindern – bei den nächsten Kommunalwahlen schließt er eine eigene Kandidatur nicht aus. Dabei ist nach seiner Erfahrung eher selten, dass Künstlerinnen und Künstler sich in der Politik engagieren. Insbesondere die Oper hält er persönlich für eher unpolitisch – letztlich repräsentiere sie damit aber nur die in der Bevölkerung weit verbreiteten Berührungsängste zur Politik.

Auch GDBA-Mitglied Caroline Müller-Karl will in den Stadtrat, in ihrem Fall in den von Zwickau. Sie kandidiert für die Liste Bürger für Zwickau, die bisher mit den Grünen in einer Fraktionsgemeinschaft verbunden ist. Anlass der Politisierung waren die Unklarheiten um das Theater Plauen-Zwickau, dessen Existenz in den letzten Jahren gelegentlich auf dem Spiel zu stehen schien.Die klassischen Parteien schienen ihr zu groß und und unbeweglich. In der Bürgerliste empfindet sie Theater und Kultur als einen von mehreren zentralen Punkten, aber durchaus mit mehr Gewicht als in anderen Parteien. Sie selbst betrachtet sich dann auch als Kulturexpertin, jedenfalls werde sie auf diesen Bereich auch gezielt angesprochen.

ENGAGEMENT IST NOTWENDIG

Ob auf kommunaler, Landes-, Bundes- oder Europaebene: Jede und jeder kann einen Beitrag leisten. Die Ergebnisse vor allem der Europawahlen dieses Monats werden zu einer wichtigen Standortbestimmung: Demokratische Parteien stehen für eine freie und offene Gesellschaft, nationalistische und populistische Organisationen wollen die Axt an die Wurzeln der EU legen. Diese europaskeptischen Strömungen stellen den Zusammenhalt der Union auf die Probe. Deshalb ist die Europawahl die Gelegenheit, dringend nötige politische Richtungsentscheidungen breit auch in der deutschen Gesellschaft zu diskutieren. Könnte beispielsweise mehr Demokratisierung der EU nicht auch zur deren Imageverbesserung beitragen?

Ob ausweisfreies Reisen, Telefonieren aus dem EU-Ausland ohne Mehrkosten, gerade für Kulturschaffende Möglichkeiten des problemlosen Arbeitens im EU-Ausland oder Studienaufenthalte jenseits der Grenzen: Diese praktischen Vorzüge der Europäischen Union bedürfen mindestens ebenso unseres Engagements wie die Grundwerte Freizügigkeit und Solidarität.

Passend zum Thema hat Notker Schweikhardt unsere Fragen beantwortet, der für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt.

VOM BÜHNENBILDNER ZUM POLITIKER

Gab es bei Ihnen persönlich einen Moment, der Sie politisiert hat oder einen Anlass für Ihr politisches Engagement?

Seit ich denken kann, war das Theater mein zweites Zuhause. Mit zwölf Jahren fing ich als Statist an der Oper an – nach dem Abschluss der Meisterklasse an der „Angewandten“ in Wien war ich dann endgültig auf der Bühne angekommen. Mit vielen tollen Produktionen an tollen Häusern und mit meist fantastischen Kolleg*innen.
Als eines meiner Projekte einen europäischen Theaterpreis gewann – und mir gleichzeitig ein hochoffizielles Schreiben offenbarte, wie weit unter jedem Mindestniveau meine Rente ausfallen würde – wurde mir klar, dass dieses Missverhältnis nicht an mangelnder Qualität meiner Arbeit lag, sondern dass hier ein „Fehler“ im System bestand.
Ein System, welches die Arbeit von Künstler*innen, insbesondere von Soloselbstständigen, weder am Gewinn der Kreativbranche, noch am „gesellschaftlichen Mehrwert“, angemessen beteiligt.
Ein System, welches es nicht schafft, Künstler*innen gut in Sozialversicherungssysteme einzubinden – sondern stattdessen miserable Arbeitsbedingungen toleriert.
Also dachte ich mir, nutze ich doch meine Ideen und Erfahrungen aus der jahrzehntelangen Tätigkeit, um dieses System zu ändern, es zu verbessern. Das schien (und scheint) mir eine spannende und befriedigende Herausforderung.

Weshalb Engagement gerade bei den Grünen, gab es dafür einen besonderen Grund?

Meine politische Heimat hatte ich schon als Teenager bei den Grünen. Sorgsam mit Ressourcen umzugehen, neugierig auf die Welt zu sein und Konflikte eher durch Nachdenken als durch Aggression zu lösen, war mir schon immer wichtig. Im Lauf der Jahre zeigte sich mir, dass Bündnis 90/Die Grünen nicht nur von Künstler*innen wie Heinrich Böll und Joseph Beuys mit gegründet wurden, sondern dass der grüne „Wertekanon“ einen kulturellen Rahmen bildet, in dem ich meine Vorstellungen von unabhängiger, transparenter Kulturpolitik umsetzen kann.

Täuscht eigentlich der Eindruck, dass es Berührungsängste zwischen Künstlerinnen und Künstlern einerseits und Politik andererseits gibt – jedenfalls scheint es so viele nicht zu geben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

In der Tat gibt es Berührungsängste zwischen klassischen Politiker*innen und Kunst & Kultur. Kunst ist schwer qualifizierbar, es gibt kein richtig oder falsch. Kunst ist interpretierbar, Kunst ist emotional. Das führt oft dazu, dass Künstler*innen nicht ernst genommen werden – mein Lieblingszitat: „Sei aber bitte nicht wieder so kreativ“.
Persönlich sehe ich eine „künstlerische“ Herangehensweise als Vorteil und wünsche mir, dass mehr Künstler*innen in die Politik kommen – nicht nur, um Lobbyist*innen in eigener Sache zu sein, sondern vor allem, um Politik kreativer zu denken. Das würde Politik besser machen.
Es ist noch ein weiter Weg bis angemessene Bezahlung, familienfreundliche Arbeitsbedingungen, equal pay und transparente Honorare Realität werden. Dabei werden die Herausforderungen stetig größer. Mit künstlerischen Inhalten werden Milliardenumsätze erwirtschaftet – fast komplett an den Urheber*innen vorbei. Es liegt an der Politik, die gesetzlichen Möglichkeiten zu schaffen, um endlich Augenhöhe herzustellen und Umsätze fair zu verteilen.

Wenn die Binse richtig ist, dass Theater/Kunst schon immer politisch war und ist – sollen sich dann nicht auch die dortigen Akteure stärker engagieren oder setzen wir sie damit zu sehr unter Druck

Es ist nicht Aufgabe der „aktiven“ Künstler*innen und Kreativen, neben ihrer künstlerischen Tätigkeit noch Lobbyarbeit für ihre eigenen Rechte zu machen – aber es geht nicht ohne deren Expertise und eine aktive Interessenvertretung.
Das Reformpaket der Bühnen- und Kostümbildner*innen ist ein hervorragendes Beispiel für ein solches Engagement – die GDBA ist ein ebensolches „best-practice“ Beispiel.
Ich bin stolz darauf, diese Genossenschaft seit über 25 Jahren als Mitglied zu unterstützen und danke für die engagierte Arbeit.
Seid uns Politiker*innen so lange unbequem, bis Eure Forderungen Gehör finden.

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