Jörg Rowohlt Geschrieben am 26. Februar 2021

Kolumne März 2021

MUSICALS

Kampf ums Überleben

Wenn nicht bald etwas geschieht, drohen in der Pandemie auch Deutschlands Musicaltheater in dramatische Schieflage zu geraten.

Die Musicalhäuser sind noch härter betroffen als die Kultur ohnehin. Selbst als im Herbst 2020 öffentlich bezuschusste Theater und Opernhäuser mit Hygienekonzepten und geringer Auslastung vorübergehend wieder öffneten, blieben sie geschlossen: Musicals lassen sich unter diesen Umständen weder coronagerecht noch wirtschaftlich betreiben. Vor zwei Jahren, unter normalen Umständen, sah das noch ganz anders aus. 2019 erzielte „Stage Entertainment“, einer der großen Player des Musicalmarkts, einen Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro auf seinen 13 Bühnen hierzulande. 3,3 Millionen Besucher*innen kamen in die Aufführungen von „Mamma Mia!“, „König der Löwen“ oder „Ich war noch niemals in New York“ – doch seit mittlerweile einem Jahr sind die zehn großen Theater in Hamburg, Berlin und Stuttgart geschlossen. Kein Vorhang, kein Applaus, keine Einnahmen. Eine Totenstille, die bezeichnend ist für den Live-Entertainment-Sektor. „Für die Branche geht es derzeit nur ums Überleben“, sagt Ralf Kokemüller der Abendzeitung aus München. Der Vorstandschef der „Mehr-BB Entertainment“ produziert seit über zwanzig Jahren erfolgreich Großmusicals wie „Thriller“ oder „Bodyguard“ und schickt diese auf Tourneen durch Deutschland und Europa. Schickte, denn angesichts der geltenden Abstandsregeln und Obergrenzen für Besucherzahlen rechnen sich all diese Produktionen nicht mehr. „Erst wenn unser Saal zur Hälfte verkauft ist, ergibt sich eine schwarze Null“, rechnet etwa Ulrike Propach, Pressesprecherin des Festspielhauses Neuschwanstein, vor – mit der Folge, dass auch in dem Füssener Haus derzeit das Musiktheater um den Märchenkönig „Ludwig²“ nicht zu erleben ist. Ähnlich sieht die Rechnung für die Musicals der „Stage Entertainment“ aus – allerdings lediglich für die bereits seit Jahren laufenden und amortisierten Produktionen. Sämtliche für 2020 geplanten Premieren sind erst einmal in dieses Jahr verschoben worden, denn hier gilt: Nur mit einem voll ausgelasteten Haus geht die Rechnung auch auf. Schließlich sind solche Neu-Inszenierungen schon vorab mit gewaltigen Kosten verbunden: 42 Millionen Euro hatte „Mehr-BB Entertainment“ in die geplante deutsche Erstaufführung von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ samt Umbau einer Halle am Hamburger Großmarkt gesteckt, eine gewaltige Marketing-Maschinerie für mehrere Millionen Euro anlaufen lassen und mehr als 300.000 Eintrittskarten verkauft – bis dann einen Tag vor der Premiere im März letzten Jahres der Lockdown kam. Nun musste der Start für das Zauberspektakel zum zweiten Mal verschoben werden – auf den Dezember 2021.

„Eine Minute vor Zwölf“

Dieter Semmelmann ist denn wohl auch eher Realist als Pessimist, wenn der Geschäftsführer eines der größten deutschen Live Entertainment-Unternehmens feststellt: „Viele Veranstaltungen, die wir bereits ins Frühjahr 2021 verlegt haben, werden wir wohl noch ein halbes oder gar ein weiteres Jahr verschieben müssen“ – eine erste Musical-Tournee plant Semmel Concerts Entertainment erst wieder Ende 2021. Für 2020 rechnet der Semmel-Chef hingegen mit einem Millionenverlust – „der hoffentlich einstellig bleibt“ –, sein Kollege Kokemüller gar mit einer zweistelligen Millionensumme. Und für die festen Musicaltheater der „Stage Entertainment“ wie auch der „Mehr-BB-Entertainment“ summieren sich die Mindereinnahmen der aufgezwungenen Spielpause rasch auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Gleichzeitig erfüllt „Stage Entertainment“ die Kriterien für die verschiedenen Corona-Überbrückungsmaßnahmen und Kredite aber nicht. Geschäftsführerin Uschi Neuss gegenüber der Welt: „Unser Rechtssitz ist in den Niederlanden und wir haben keine Hausbank in Deutschland. Bisher konnten wir von unseren Rücklagen leben.“ 2021 wird „Stage Entermainment“ zwar vom US-amerikanischen Eigentümer „Advance Publications“ unterstützt. Ob das aber ausreicht, um ca. 5 Millionen Euro monatliche Betriebskosten abzudecken, bleibt offen. Aus dem NEUSTART KULTUR-Programm von Kulturstaatsministerin Monika Grütters könnte es zwar bis zu 100.000 Euro je Theater für coronabedingte Investitionen geben – was letztlich vielleicht einen einstelligen Millionen-Euro-Betrag bedeutet. Angesichts fehlender Umsätze von etwa 300 Millionen bleibt das aber eine überschaubare Summe. „Ein weiteres völlig totes Veranstaltungs-Jahr 2021, das würden auch wir nicht überleben,“ erklärt Stage-Unternehmenssprecher Stephan Jaekel. Andere Unternehmen wie „Mehr BB Entertainment“ klagen ebenfalls darüber, durchs Raster zu fallen, die Corona-Hilfsprogramme sei auf sie nicht zugeschnitten.

Kurzarbeit für die Mitarbeiter*innen

Für die Mitarbeiter*innen der Theater ist die Zwangspause eine „Vollkatastrophe“, das ist der Stage-Geschäftsführerin Neuss klar: Zwölf Monate Untätigkeit und brachliegendes Talent, bleiben niederschmetternd – auch wenn das Kurzarbeitergeld inzwischen 80 Prozent (bzw. für Eltern 87 Prozent) beträgt. Die durchweg festangestellten Künstler*innen befinden sich praktisch vollständig seit März 2020 in Kurzarbeit. Bei „Stage Entertainment“ allein betrifft das nach eigenen Angaben etwa 1.500 Mitarbeiter.

Angesichts des „Berufs-und Aufführungsverbots“ sind nicht nur Maik Klokow und seine „Mehr BB Entertainment“ – die neben „Harry Potter“ in Hamburg noch den Berliner Admiralspalast, das Düsseldorfer Capitol, das Starlight Express Theater in Bochum sowie den Musical Dome in Köln betreibt – mit der Politik unzufrieden: Deren Aufmerksamkeit wie auch die Hilfsmaßnahmen richteten sich vor allem auf die klassischen Kulturbereiche. Der Vorwurf lautet, vielen Politiker*innen sei die Großmusical-Branche mit ihrer Finanzierung ebenso wenig vertraut wie deren Wertschöpfungskette. Gerade in Musical-Städten wie Hamburg oder Stuttgart sorgten die Show-Besucher vor der Pandemie alljährlich für hunderttausende Übernachtungen und Einnahmen von hunderten Millionen Euro in Gastronomie, Hotellerie und Städtetourismus. Doch während an der Elbe zwischenzeitlich in den Konzertsälen der Elbphilharmonie die Lichter immerhin kurz wieder angegangen waren, blieb es auf der gegenüberliegenden Uferseite weiter düster: Die zwei dortigen „Stage Entertainment“-Theater bleiben einstweilen geschlossen. Dieter Semmelmann dürfte für die gesamte Branche sprechen, wenn er sich klare Ansagen hinsichtlich wirtschaftlich tragfähiger (Musical-)Veranstaltungen wünscht. Aber auch bei konkreten Zeitvorgaben dürften die Herausforderungen an die Branche groß genug bleiben – womöglich die kleinste scheint dabei die Frage des Abstands der Darsteller untereinander: So hat die „Stage Entertainment“ in Hamburg mit Gesundheitsbehörde und Berufsgenossenschaft nach Medienberichten bereits einen Weg gefunden, ohne die Musicals uminszenieren zu müssen. Voraussetzung ist ein (im Falle des Marktführers bereits vorhandenes) gutes Lüftungssystem, alle Künstler würden zweimal die Woche auf SARS-CoV-2 getestet, zudem bestünde nach jedem Bühnenabtritt Maskenpflicht – ein Konzept, für das auch die Behörden in Stuttgart und Berlin schon ihre Zustimmung für die dortigen „Stage“-Aufführungen gegeben haben. Eine Impfpflicht für einen Theaterbesuch kann sich Stage-Geschäftsführerin Neuss allerdings nicht vorstellen, anders als jüngst vom Konzertveranstalter Eventim ins Gespräch gebracht. Ohnehin bleibt abzuwarten, ob die Zuschauer*innen in die Musicaltheater zurückkehren. Vielleicht wird eine Coronafolge künftig auch sein, dass das Publikum eher vorsichtig auf größere Menschenmengen reagiert.

Für die Gegenwart ist Maik Klokows Branchendiagnose eher ein Hilfeschrei: „Für uns ist es nicht mehr fünf vor Zwölf, sondern eine Minute vor Zwölf!“

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