Jörg Rowohlt Geschrieben am 28 Februar, 2020

Kolumne März 2020

VERANTWORTUNG DER HAUSLEITUNGEN

Leere Stühle lösen nichts

In den letzten Monaten häufen sich Querelen um und mit Leitungsfunktionen in diversen Theatern. Personalpolitik trifft zu oft an die Stelle von Strukturpolitik. Leidtragende sind fast immer Künstlerinnen und Künstler.

Was haben das Staatsballett Berlin, das Theater Lübeck, das Staatstheater Darmstadt und die Bühnen Halle gemeinsam? Überall gab es zuletzt mehr oder weniger abrupte Personalwechsel an der Spitze oder wird sie geben – allerdings aus durchaus unterschiedlichen Gründen. Betroffen aber sind in jedem Fall die künstlerischen Belegschaften, die sich mit eventuellen Nichtverlängerungen konfrontiert sehen. Aber selbst wenn es dazu nicht kommt: Gezielte und kontinuierliche Arbeit ist bei schnellen und manchmal überstürzten Leitungswechseln kaum noch möglich. Eines der aktuellen Beispiele von überregionaler Bedeutung spielte sich Ende Januar am Staatsballett Berlin ab (Bühnengenossenschaft 2/2020).

Im August 2019 hatten Johannes Öhmann und Sasha Waltz die gemeinsame Leitung der Kompagnie übernommen, seit 2018 hatte Öhmann das Ballett zunächst allein geführt. Im Januar verkünden die beiden Hals über Kopf das Ende der Doppelintendanz. Öhman hat schon Anfang dieses Monats das Stockholmer Dansens Hus („nach Abwägung privater und professioneller Belange“) übernommen. Nach Medienberichten hat er sich dafür an Sasha Waltz vorbei die Freigabe des Berliner Kultursenators Klaus Lederer (Linkspartei) geholt. Waltz sollte eigentlich bis Ende der Spielzeit 2024/25 in Berlin bleiben, nun erklärt sie zunächst, ebenfalls zum Jahresende 2020 gehen zu wollen – um wenige Tage drauf vom Rücktritt partiell zurückzutreten. Sie wolle überlegen, in welcher personellen Konstellation sie bleiben könne. Tänzerinnen und Tänzer waren bei dem ganzen Prozess nur Zaungäste und äußerten sich „enttäuscht, dass wir wieder einmal die Leidtragenden dürftigen Kulturmanagements sind“. Obwohl das Ensemble ursprünglich gegen Öhman und Waltz protestiert habe, sei man der Bitte von Senator Lederer gefolgt, dem Duo eine Chance zu geben. Etliche Tänzerinnen und Tänzer seien in den vergangenen zwei Jahren unter persönlichem Aufwand nach Berlin gezogen. Derartige politische Prozesse hätten katastrophale Folgen – beruflich und persönlich: „Für eine aktive Bühnenkarriere sind uns durchschnittlich fünfzehn bis zwanzig Jahre gegeben. Angesichts dessen ist jedes Jahr der künstlerischen und damit beruflichen Ungewissheit gravierend.“ Öhmann und Waltz haben sich also doppelt verantwortungslos verhalten: zum einen gegenüber dem Ensemble – die Tänzerinnen und Tänzer standen plötzlich vor einer grundsätzlich neuen Situation. Zum anderen gegenüber der von ihnen geprägten – und entgegen den Erwartungen durchaus gefeierten – künstlerischen Linie, die unvermittelt abzubrechen droht.

LÜBECK – Erkenntnisgewinn nach Rücktritt

Komplett anders liefen die Dinge im schleswig-holsteinischen Lübeck. Seit Jahren kämpft das dortige Theater um eine auskömmliche Finanzierung, wobei Stadt und Land eigentlich etwa hälftig zuschießen sollen. Nur ist der Anteil des Landes in zehn Jahren kaum gestiegen – das entstandene Loch musste die Stadt füllen. Und die Kieler Landeskultusministerin Karin Prien (CDU) fördert das Kieler Theater und das Schleswig-Holsteinische Landestheater deutlich besser als das Theater in Lübeck. Dringend notwendige Sanierungsmaßnahmen bei energetischer Instandsetzung, Brandschutz, Modernisierung der Bühnentechnik und Investitionen in elektrotechnische Anlagen waren schließlich nur mit Kofinanzierung des Bundes von 4,5 Millionen Euro zu stemmen. Vor diesem Hintergrund ist der frustrierte Rückzug des langjährigen Geschäftsführers Christian Schwandt, der stets einen strikten Sparkurs gefahren hatte, verständlich. Ende Juli 2020 gibt er seinen Job auf. In der Bühnengenossenschaft 8-9/2019 erläuterte er seine Gründe, die viel mit finanzieller Unterdeckung und nichts mit künstlerischen Aspekten zu tun haben. Im Gegenteil ist die Auslastung des Theaters deutlich angestiegen. Trotzdem: Letztlich sind es auch hier wieder die Beschäftigten, die potentiell unter dem Leitungswechsel zu leiden haben – im Lübecker Fall sind das insgesamt 320 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Schwandt’s demonstrativer Rückzug hat am Ende aber wohl auch Positives bewirkt: Kultusministerin Prien will sich nun doch für eine Dynamisierung der Theaterzuschüsse als Ausgleich für Tariferhöhungen einsetzen. Inzwischen gibt es auch einen entsprechenden Gesetzentwurf. Ihr sei klargeworden, „dass es nach den vielen Gutachten und Untersuchungen der letzten Jahre keine Einsparpotenziale mehr ohne Einschränkung der Qualität und des Angebots bei unseren Theatern gibt“. Diese Erkenntnis hätte sie auch früher haben können.

DARMSTADT – Hausverbot und Unsicherheit

Ob letztlich tatsächlich Eitelkeiten und persönliche Animositäten Ursache für die Querelen rund um das Staatstheater Darmstadt waren, bleibt Spekulation: Jedenfalls wurde der stellvertretende Intendant und Geschäftsführer des Vier-Sparten-Hauses, Jürgen Pelz, Ende vergangenen Jahres mit einem Hausverbot belegt und suspendiert (Bühnengenossenschaft 1/2020). Er selber benannte Zerwürfnisse mit Intendant Karsten Wiegand als Grund. Vordergründig und zuletzt ging es dabei um Finanzen, aber schon im vorletzten Jahr war ein Berater „zur Verbesserung der Kommunikation innerhalb der Bühnenleitung“ eingesetzt worden. Im Oktober 2019 nun wurde das Defizit für das laufende Jahr hochgerechnet und darauf eine interne Haushaltssperre erlassen: In allen Bereichen sollten Einsparmöglichkeiten geprüft werden. Ausgaben, die nicht unbedingt nötig seien, dürften nicht mehr getätigt werden. Die Nachricht hatte zunächst für beträchtliche Unruhe in der Belegschaft und eine außerordentliche Personalversammlung gesorgt. Das hessische Kultusministerium erklärte, ein Haushalts-Experte des Staatstheaters Kassel werde bei der Analyse des Defizits und bei der Verbesserung der verwaltungsinternen Abläufe helfen. Das Haus selbst hatte zuvor mitgeteilt, weder sinkende Kartenverkäufe noch eine Überziehung des künstlerischen Budgets, sondern einzelne Mehrausgaben in verschiedenen Theaterbereichen hätten zu dem Defizit geführt. Dass dieses letztlich mit weniger als 400 000 Euro deutlich geringer als erwartet ausfiel, hat an der schwierigen personellen Situation nichts geändert – die Belegschaft wurde verunsichert.

HALLE – Rauchende Trümmer

Auch an den Bühnen Halle dreht sich das Personalkarussell: Zu Spielzeitbeginn im Herbst 2019 war Generalmusikdirektorin Ariane Matiakh noch als neue Hoffnungsträgerin eingeführt worden. Von Seiten der Bühnen Halle hieß es, mit der international renommierten Französin habe man erstmals eine Dirigentin engagiert, die die lange Barocktradition in der Händel-Stadt fortführen und bereichern werde. Schon Ende Januar 2020 verließ die GMD das Haus wieder. Grund für den Abgang von Ariane Matiakh soll mangelnde Präsenz in Halle sein, hießt es nach Medienberichten aus Aufsichtsratskreisen. Die Dirigentin habe selbst um Vertragsauflösung gebeten, berichtete die Oper. Welche Rolle der Geschäftsführer der Bühnen Halle, Stefan Rosinski, bei alldem gespielt hat, bleibt im Dunkeln. Sicher ist jedenfalls, dass Ende Januar Mitarbeiter des Orchesterbüros der TOOH an den Aufsichtsrat geschrieben und Rosinski Rufschädigung vorgeworfen hatten. „Wir haben erhebliche Zweifel an der Integrität des Geschäftsführers“, betonten die Mitarbeiter in ihrem Schreiben, aus dem der MDR zitiert. Von „Erpressungsmaßnahmen“, „Instrumentalisierung“ der ehemaligen GMD, „rufschädigenden Aussagen“ über Mitarbeiter und „dringendem Handlungsbedarf“ ist darin die Rede. Sicher ist auch, dass Rosinski sich schon in der Vergangenheit auch mit den Leitern der Oper-, Schauspiel- und Puppensparten heillos zerstritten hat (Bühnengenossenschaft 2 + 5/19). Die Welt schrieb damals über ihn: „Wo immer er wirkte und wütete, an der Berliner Volksbühne, der Berliner Opernstiftung, dem Volkstheater Rostock und jetzt in Halle, da hinterließ er rauchende Trümmer“. Immer ging es um Betriebsklimakatastrophe, Mobbing und Rufschädigung. Eine Theaterpädagogin wurde während der Elternzeit nicht verlängert – offiziell aus künstlerischen Gründen. Sie selbst fand sich „abgestraft für ihre Elternzeit“. Auch Schauspiel-Intendant Matthias Brenner betonte, es handele sich um eine „hervorragend qualifizierte Theaterpädagogin“. Schließlich baute er mit Opern-Intendant Florian Lutz nach diversen shakespearesken Drama-Szenen eine „Er oder wir“-Front auf – mit der Folge, dass Lutz im kommenden Jahr ans Staatstheater Kassel wechselt. Aber auch Rosinki hatte offenbar überzogen. Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe entschied der Aufsichtsrat, seinen Vertrag nicht über Sommer 2021 hinaus zu verlängern. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, das Betriebsklima an seinen Häusern stark beschädigt zu haben. Brenner erklärte, damit sei für die Zukunft Betriebsfrieden hergestellt. Kurz vor der Aufsichtsratssitzung waren neue Vorwürfe einer Mitarbeiterin gegen Rosinski öffentlich geworden. Eine leitende Mitarbeiterin warf Rosinski in einem Brief an das Kontrollgremium „Hetzereien“ gegen Kolleginnen und Kollegen vor. Er sei, nachdem sie erkrankt war und eine Therapie begonnen hatte, mit ihrer Krankheit in großer Runde hausieren gegangen und habe sich abfällig über sie geäußert. Was jetzt passieren soll, darüber will der Aufsichtsrat in diesem Monat entscheiden. Aber selbst wenn Frieden in Halle einkehrt: Niemand kann garantieren, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unbehelligt bleiben.

Politik muss Verantwortung übernehmen

Fazit: Aus welchen Gründen auch immer Theaterleiterinnen oder -leiter wechseln oder gewechselt werden – die Belegschaften bedürfen des Schutzes. Wenn wie aktuell in Essen der Geschäftsführer ohne Rücksicht auf Verluste spart, macht er sich bei Personal und Publikum unbeliebt und provoziert Widerstand. Aber er erfüllt möglicherweise Sparvorgaben der Politik. Der umgekehrte Fall – die Intendanz beugt sich Sparzwängen nicht und fordert womöglich sogar zusätzliche Mittel – schafft andererseits keine besondere Anhänglichkeit bei Rechtsträgern. Konsequenz in jedem Fall: Wechsel der Theaterleitung mit allen Unwägbarkeiten für das zurückbleibende Personal.

Für die GDBA folgt daraus in erster Linie die Forderung, dass Intendantenwechsel nicht mehr zu Massenentlassungen führen dürfen. Nichtverlängerungen müssen stärker reglementiert werden. Auch über die Abfindungen in diesem Zusammenhang ist zu reden. Im Übrigen kann erwartet werden, dass neu ins Amt kommende Theaterleitungen dem vorhandenen künstlerischen Personal eine Chance geben, sich unter neuem Konzept zu beweisen. Nicht einzusehen ist auch, weshalb im Bereich der Sonderregelung BT (künstlerische Bühnentechniker) Nichtverlängerungsregelungen nicht genauso streng sein sollten wie in der Sonderregelung Chor.

Und schließlich: Politische Verantwortung bedingt eben auch, finanziell auskömmliche Bedingungen für die Theater zu schaffen. Personalrochaden reichen da nicht.

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