Jörg Rowohlt Geschrieben am 26. Juni 2020

Kolumne Juni/Juli 2020

ÖFFNEN MIT VORSICHT

Theater und Abstand

Fast alle Bundesländer lassen inzwischen Theater- und Opernaufführungen wieder zu – unter scharfen Hygienevorschriften. Vor dem Ende der Spielzeit gibt es höchstens Kleinformate. Was nach den Ferien passiert, bleibt offen.

Im Zuschauerraum höchstens 100 Personen – wie etwa in Bayern oder Hessen -, die Schauspielerinnen und Schauspieler mit Abstand, im Musiktheater nur kleine Ensembles, Chöre kaum darstellbar: Auch wenn angesichts sinkender Corona-Infektionszahlen mancherorts die Häuser vor dem Beginn der Theaterferien noch Präsenz zeigen können – ausverkaufte Premieren sind unter diesen Umständen auch nicht mehr das, was sie waren. Also letztlich ein Notbetrieb? Solange sie geschlossen waren, entgingen den Stadt- und Staatstheatern sowie den Landesbühnen geschätzte knapp 50 Millionen Euro Ticketing-Erlöse. Vielen Schauspielern, Sängern und Tänzern brechen die Einnahmen weg, Regisseuren, Theaterverlagen und damit Autoren und Komponisten ebenso. Insbesondere private Theater befinden sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, manche stehen vor dem Aus. Derweil suchten Theater und Orchester händeringend nach zweckmäßigen Alternativen zu verschlossenen Spielstätten – es galt, Flagge zu zeigen. Sie reichten vom Streaming über teils berührende Internetauftritte auch einzelner Darstellerinnen und Darsteller. Auch das eher ein Notbehelf, der sich aber zur Überhöhung nicht eignet. Ziel bleibt letztlich eben doch die Rückkehr auf die Präsenz-Bühne. Aber von einer „neuen Normalität“ kann vorläufig nicht die Rede sein – die neue Spielzeit dürfte, abhängig vom Infektionsgeschehen, mehr oder weniger von einem Ausnahmezustand geprägt sein.

Auch wenn Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gebetsmühlenartig wiederholt, die Infrastrukturen der Häuser und die damit verbundenen Arbeitsplätze müssten erhalten bleiben: Theater- und Orchesterensembles können nicht auf Dauer bestehen und öffentlich finanziert werden, wenn sie nicht arbeiten. Vor maximal einem Viertel der üblichen Zuschauer zu spielen, wird finanziell und kulturpolitisch nicht reichen. Zwar ist im Augenblick ein großer Teil der Betriebe durch die Tarifverträge zur Kurzarbeit, die die Künstlergewerkschaften mit dem Deutschen Bühnenverein abgeschlossen haben, vor einer betriebsbedingten Auflösung der Arbeitsverhältnisse gesichert. Wie das aber bei künftigen Zuwendungsverhandlungen aussehen wird, ist eine andere Frage und wird von uns mit großer Sorge betrachtet.

Die Bedrohung der Theater- und Orchesterlandschaft wird täglich größer. Trotz mancher Probleme seit der Wende konnten die Häuser einen großen Teil ihres Ensembles erhalten; in den letzten Jahren habe sprudelnde Steuereinnahmen sogar manche entstandene Lücke geschlossen. Nun wäre es fatal, wenn das Ensembletheater von Corona zur Strecke gebracht würde. Ein Zusammenbruch der gesamten freien Szene und der Privattheaterlandschaft bleibt zwar noch unvorstellbar – aber für weite Teile der Kulturlandschaft ist es fünf Minuten vor zwölf. Sie braucht eine echte Perspektive. Die existiert mit 1,50 Meter Abstand auf der Bühne und im Publikum für Theater und Orchester sicher nicht. Deshalb bedarf es einer Menge zusätzlichen Geldes. Die Regierung hat zwar unter der Überschrift NEUSTART KULTUR begrüßenswert eine Milliarde Euro für Kultur vorgesehen und auch weitere Maßnahmen aus dem Konjunkturpaket könnten indirekt für die Kultur nutzbringend sein, trotzdem bleibt Kultur Ländersache – damit die dort und in den Kommunen wegbrechenden Steuereinnahmen mancherorts trotz allen guten Willens nicht doch zu einer Existenzfrage für das örtliche Theater führen, braucht es gemeinsame Anstrengungen.

ECKPUNKTE DER KULTURMINISTERKONFERENZ

Ihren Teil haben die Kulturminister der Länder und die Kulturstaatsministerin geleistet, als sie Mitte Mai unter der Überschrift „Eckpunkte für Öffnungsstrategien“ ein sehr allgemein gehaltenes Hygiene- und Schutzkonzept vorgelegt. Das Papier umfasst nur grundlegende Aussagen, ansonsten sollen „Vor-Ort-Konzepte mit grundlegenden Schutzvorkehrungen“ entwickelt werden, „die individuell an die jeweilige Spielstätte, Einrichtung oder Veranstaltung angepasst“ sind.

Demnach sollen Personen mit unspezifischen Allgemeinsymptomen oder Symptomen von Atemnot jeglicher Schwere sowie Kontaktpersonen mit engem Kontakt zu Covid-19-Fällen vom Zutritt ausgeschlossen werden. Besucherzahlen sollen durch Auslassung von Sitzplätzen und ganzen Sitzreihen begrenzt werden, dazu gehört auch die Einrichtung von Ticketing-Systemen, die flexibel einen automatischen Mindestabstand an Ticketkasse vor Ort und Online-Buchung ermöglichen. In den meisten Bundesländern sind höchstens 150 Besucher zugelassen. Die Besucher sollen gezielt geleitet werden. Sitzplatzreservierungen sind ebenso obligatorisch wie geregelte Einlassverfahren (Verstärkung kontaktloses Bezahlen, Verzicht auf Abriss oder Scan der Karten, zeitversetzter Einlass je Saal und Auslass der Besucher durch separaten [Not-]Ausgang). Zusätzlich werden ergänzende Konzepte zur Verringerung der Aerosole-Belastung in den Sälen und Innenräumen analog der Praxis zu sonstigen geschlossenen Räumen notwendig. Die Kontaktdaten der Besucherinnen und Besucher sowie die Sitzplatzbelegung werden erfasst und gespeichert, um im Falle eines Krankheitsausbruchs Infektionsketten nachverfolgen zu können.

Zum Schutz der künstlerischen Akteure gibt es ebenfalls eine Reihe von Maßnahmen: Zentral sind unterschiedliche Abstandsregelungen, zum Beispiel für Darsteller auf der Bühne, Musiker im Orchester oder Chor und Tänzer und Schauspieler. Die vorgegebenen Abstände, meint die Kulturministerkonferenz, könnte durch alternative Schutzmaßnahmen verringert werden – etwa durch technische Einrichtungen, persönliche Schutzausstattung oder Trennwände. Die Anzahl der Personen sollte hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Fläche beschränkt werden, zum Beispiel in Proben- und Garderobenräumen.

Konzeptionell, so die Ministerinnen und Minister, solle es zu einer möglichst zügigen Wiederaufnahme des Probenbetriebes für möglichst alle Sparten kommen, um die Zeit bis zur geplanten Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach der Sommerpause für notwendige Vorbereitungen und Neukonzeptionen zu nutzen. Aktuell werden kleinformatige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumlichkeiten als auch im Freien empfohlen. Als Alternative zu Freiluftaufführungen könnte es Formate in kleinerer Besetzung geben. Auch könnten kürzere Programme mehrfach aufgeführt werden.

MAXIMALE KÜNSTLERISCHE FREIHEIT

Den Hygienevorschriften und den Empfehlungen der Berufsgenossenschaft dürften keine absolute Macht über kulturelle Eigenständigkeit zukommen, ließen sich einige kritische Stimmen vernehmen. Um individuelle Lösungen zu finden, sind in verschiedenen Häusern Strömungstechniker zum Beispiel mit den Lüftungsanlagen beschäftigt. Andererseits stimmt es natürlich, dass ein Kulturleben, wie wir es bisher erlebt haben, jedenfalls so lange nicht möglich sein wird, wie das Virus existiert. Niemand mag sich ein Theater als Superspreader vorstellen, weshalb Gesundheitsschutz immer vorgehen wird. Gleichzeitig werden Theaterleute aber stets bis an die Grenze des sicherheitstechnisch Vertretbaren gehen wollen: Es soll wieder gespielt werden. Nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler bemängeln, dass in den letzten Wochen zwar lebhaft – und berechtigterweise – über die Wiedereröffnung der Gotteshäuser, der Schulen, vor allem der Läden und Betriebe diskutiert wurde, aber kaum über die Wiedereröffnung der Theater. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) möchte darum ähnlich verfahren wie die Fußball-Bundesliga und plädiert in einem Interview mit der Welt für Corona-Tests für Theaterbeschäftigte, um einen Spielbetrieb ohne Masken und Abstandsregeln zu ermöglichen. „Wenn wir unsere Einrichtungen wieder öffnen, dann möchte ich, dass zumindest so viel künstlerische Freiheit existiert, dass man keine Maskenspiel-Pläne machen muss. Jedenfalls dann nicht, wenn die Stücke keine Masken vorsehen.“ Der Senator appelliert an die Verantwortung: „Man muss sich unter den gegebenen Bedingungen schon überlegen, ob alles, was massive Anwesenheit von künstlerischem Personal auf Bühnen erfordert, jetzt die richtige Entscheidung ist.“

Und was passiert in der kommenden Spielzeit? Zwar sind Großveranstaltungen bis zum 31. Oktober untersagt, theoretisch wäre danach vieles wieder möglich. Aber der Wunsch nach Verantwortung bleibt – und niemand weiß, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. Die ersten Freiluftpremieren mit wenigen Zuschauern waren offenbar zwar durchgängig ausverkauft, unklar bleibt aber, wie das Publikum in Großen Häusern reagiert. Vielleicht doch mit Unsicherheit und Wegbleiben? In diesem Zusammenhang erläutert Peter Raddatz vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, was er für den Fall einer Wiedereröffnung im Herbst nicht möchte, einen Ausschluss von Risikogruppen zum Beispiel: „Das Schlimmste, was passieren kann, dass man es nur halb macht. Dadurch gefährdet man letztendlich das Gesamte und das wäre fatal.“ Eine andere Baustelle bleibt – siehe oben – die Finanzierung der Häuser. Niedersachsens Kultusminister Björn Thümler (CDU) befürchtet trotz umfangreicher staatlicher Finanzhilfen durch die Corona-Krise schlimme Folgen für die Kulturlandschaft. Es werde nicht „ohne Blessuren“ abgehen.

Immerhin könnte die Pandemie eine seit vielen Jahren erhobene Forderung unter anderem der GDBA und des Kulturrats der Realisierung einen Schritt näher bringen: Die Verankerung von Kultur als Staatsziel im Grundgesetz. Die Linkspartei hat das dieser Tage erneut gefordert.

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