Jörg Rowohlt Geschrieben am 28 Juni, 2019

Kolumne Juni/Juli 2019

ENTERTAINMENT AUF HOHER SEE

Arbeitsplatz Kreuzfahrtschiff

Kreuzfahrten werden immer beliebter. Mit der Größe der Schiffe steigt auch der Umfang der Kulturangebote. Für die an Bord künstlerisch Beschäftigten ist ihre Arbeit eine zweischneidige Angelegenheit.

Nach aktueller Zählung sind es etwa 300 Kreuzfahrtschiffe, die die Weltmeere befahren. Schon vor Jahren ließ der deutsche Marktführer „Aida“ ausrechnen, dass die Passagiere auf einer normalen Kreuzfahrt 840 Minuten Showprogramm und 4400 Minuten Livemusik erleben. Das weltgrößte Kreuzfahrtschiff war Ende letzten Jahres die „Symphony of the Seas“ der amerikanischen Reederei „Royal Caribbean“ mit einer Kapazität von 6680 Passagieren, um die sich über 2200 Crewmitglieder kümmern. Neben vielen anderen Annehmlichkeiten wird mit „Broadwayshows der Spitzenklasse“ um Kunden geworben.

Nach den Amerikanern und den Chinesen zählen die Deutschen zu den größten Kreuzfahrtfans weltweit. Hinter „Aida“ steht der amerikanische Konzern „Carnival“, „TUI Cruises“ ist ein Gemeinschaftsunternehmen von „TUI“ und „Royal Caribbean“.

Beide Marken funktionieren nach demselben Konzept: Sie bieten Kreuzfahrten zum Niedrigpreis.

Mit dem Kreuzfahrt-Boom hat sich nicht nur die Art verändert, in den schwimmenden Hotels über die Meere zu reisen. Der scheinbar grenzenlos wachsende Markt hat auch ein Jobwunder für Bühnenkünstlerinnen und -künstler aller Sparten auf hoher See ausgelöst. In der Regel sind Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängerinnen und Sänger, Tänzerinnen und Tänzer sowie Artisten mit von der Partie. Vorbei sind die Zeiten, in denen vor allem reisende Rentner die Gangway zu den Traumschiffen erklommen und sich in plüschigen Salons von Künstlern unterhalten ließen, die ihre besten Jahre hinter sich hatten. Heutzutage gibt es in den Restaurants weder feste Essenszeiten noch feste Sitzplätze, jeder zieht an, was er mag. Während an den Staats- und Stadttheatern von Jahr zu Jahr der Legitimationsdruck wächst explodiert der Personalbedarf nicht nur bei „TUI Cruises“ geradezu. Über 1500 künstlerisch Beschäftigte sind pro Jahr auf den sieben Schiffen der Flotte unterwegs. Bevor es an Bord geht, gibt es auf dem Festland mehrwöchige Proben, die im Schauspielbereich oft auf 14 Tage eingegrenzt sind. Bei manchen Reedereien werden die Beschäftigten aus dieser Sparte ohnehin nur für Lesungen eingesetzt. Nach den Proben folgt eine mehrmonatige Schiffspassage. Der Probenzeitraum wird als Qualifizierungsmaßnahme deklariert und soll so zu einer KSK-Mitgliedschaft verhelfen, denn die Krankenversicherung muss während der Probenzeit selbst gezahlt werden.

Opulente Shows und wenig Aufmerksamkeit

Schon die Größe der Theatersäle an Bord macht den Unterschied zu einem Land-Engagement an einem Stadt- oder Staatstheater deutlich: Auf dem Schiff sind es bis zu 2000 Plätze, die bespielt werden wollen – an Land kommen nur wenige Theater an diese Zahl heran. Oberste Maxime muss dabei immer sein, die Passagiere zu unterhalten. Die Shows dauern in der Regel zwischen 30 und maximal 70 Minuten. „Alles, was 40 Minuten übersteigt, funktioniert nicht“, sagt eine Praktikerin. Was künstlerischen Anspruch und Aufmerksamkeitsspanne des Publikums angeht, scheint es eine Kluft zwischen Schiff und Land zu geben. Dabei weisen die Künstlerinnen und Künstler an Bord oft ein hohes Niveau auf – das sie aber jedenfalls dann nicht zeigen können, wenn sie in mehr oder weniger substanzlose Unterhaltsshows gepresst werden. Qualität, sagen Beteiligte, werde oft nur an den Besucherzahlen festgemacht. Von Schiff zu Schiff unterschiedlich, beginnen die Showprogramme manchmal schon am späten Nachmittag, an Tagen ohne Landgang auch früher. Dann kann schon rein rechnerisch mit einem mehrfachen Einsatz in den Shows gerechnet werden. Zudem fühlen sich manche Künstler ausgenutzt; die Vorgesetzten seien arg umsatzfixiert. Trotzdem werden komplette Shows angeboten, die sich zum Beispiel an den Produktionen des Berliner Friedrichstadt-Palasts orientieren. Außerdem gibt es Deutschrock-Shows und Schlagerparodien-Paraden, eine Musicalgala oder ein biografisches Stück über die Comedian Harmonists. Bei der Reederei „Royal Caribbean“ haben Shows und Musicals wie Cats oder Mamma Mia Broadway-Niveau. Mit von Land gewohntem Theaterpublikum darf an Bord aber nicht gerechnet werden: Die Shows sind im all-inclusive Paket inbegriffen und es besteht oft Fluktuation im Publikum. Die Hemmschwelle, einfach zu gehen, sich nebenbei lautstark zu unterhalten oder eine weitere Runde oft alkoholischer Getränke zu bestellen, ist gering.

Auf den größten Schiffen gibt es dazu Eiskunstlaufshows im Eisstadion oder Wassersprung- und Akrobatik-Performances. Im Heck befindet sich oft ein riesiges Open-Air-Amphitheater. Der Cirque du Soleil ist ebenfalls auf einigen Schiffen zu Gast, bei „Norwegian Cruise Line“ wird sogar im Zirkuszelt zur Show diniert. Binnen vier Monaten treten die Darsteller vor 100.000 Zuschauern auf – das ist an Land nur in Dauerbrenner-Musicals zu schaffen. Überhaupt bieten die Theater an Bord technische Möglichkeiten, von denen manche Stadttheater-Intendanten an Land nur träumen können.

Für die Künstlerinnen und Künstler ist das Engagement an Bord mehr oder weniger attraktiv. Sie müssen fensterlose Kabinen, weniger Landgang als manchmal gewünscht, dafür zuweilen umso mehr Seegang und Eintönigkeit ertragen. Das alles ist, berichten Insider, Geschmackssache. Es gebe Kollegen, für die nur noch Essen, Schlafen und Show zählt – vor allem, wenn die Chemie untereinander nicht stimmt. Die Künstlerinnen und Künstler sind regelmäßig als Crewmitglieder angestellt, was bedeutet, dass sie neben ihren Auftritten auch noch sogenannte side duties übernehmen müssen: Zum Beispiel als menschliche Wegweiser, die den Passagieren bei Seenotrettungsübungen helfen, die richtige Sammelstation zu finden. Oder als Assistenz-Concierges, die mit anpacken, wenn an den Wechseltagen 2.500 Gäste das Kreuzfahrtschiff verlassen und genauso viele neu ankommen. Diese Facette des Jobs erklärt der Casting-Direktor immer als Erstes. Damit sie gleich wissen, worauf sie sich einlassen. Bewegen sich die Künstlerinnen und Künstler auf den Passagierdecks, müssen sie ein Namensschild tragen. Und es ist erwünscht, sich nach den Shows unter die Passagiere zu mischen. Hunderte von Überwachungskameras sind auf vielen Schiffen im Einsatz. Während die eine oder der andere so über mangelnde Privatsphäre klagt, haben wieder andere damit überhaupt kein Problem.

Anfangs liegt das Honorar der künstlerisch Beschäftigten zur See etwas oberhalb der Mindestgage, die auch an Land gezahlt wird, Folgeverträge werden meist deutlich besser vergütet. Manager weisen aber gern darauf hin, dass an Bord keine zusätzlichen Kosten entstehen. Kost und Logis sind frei, die Reedereien übernehmen auch Hin- und Rückflug zum und vom Schiff. Aber nicht jede und jeder würde wohl den Satz einer Künstlerin unterschreiben, niemals habe sie so viel Geld für so wenig Arbeit verdient.

Deutsches Arbeitsrecht gilt nicht immer

Alle deutschen Kreuzfahrtschiffe sind ausgeflaggt – schwarz-rot-gold flattert nirgendwo mehr. So fahren die „Aida“- Dampfer unter italienischer Flagge. Am Heck der „Mein Schiff“-Flotte von „TUI Cruises2“ weht die Flagge von Malta. Und die edlen Cruiser von „Hapad-Lloyd“, ebenfalls ein Tochterunternehmen von „TUI“, fahren unter der Flagge der Bahamas. Diese Praxis hat nicht nur Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Reedereien. Die Wirtschaftswoche errechnete für „TUI Cruises“, die Nummer Zwei auf dem deutschen Markt (Gewinn 195 Millionen Euro), 2016 eine Steuerquote von 1,1 Prozent.

Darüber hinaus gilt unter bestimmten Umständen auch ausländisches Arbeitsrecht, zum Teil sogar Nicht-EU-Recht. So können zum Beispiel die deutschen Arbeitszeitvorschriften umgangen werden. Berichte von siebzigstündigen Arbeitswochen sind nicht selten, was einen Verstoß gegen die EU-Arbeitszeitrichtlinie darstellen würde. Sonn- und Feiertage gelten als mit dem Honorar abgegolten – von dem gelegentlich 10 Prozent erst mit Vertragsende ausgezahlt werden. Während des Engagements an Bord sind die Künstlerinnen und Künstler anders als während der Proben immerhin krankenversichert. Zum Beispiel in die maltesische Sozialversicherung werden Beiträge abgeführt – in einem sehr bescheidenen Umfang. Was Auswirkungen auf spätere Ansprüche bei der Arbeitsagentur hat. Zu versteuern ist das Honorar eigenständig.

Ein prominenter Hoteldienstleister mit namhaften Kunden versucht offenbar regelmäßig, deutsches Arbeitsrecht zu umgehen, indem in den Verträgen die Anwendung zypriotischen Rechts vereinbart wird. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnemer geraten so oder so in eine Zwickmühle: Zwar kann der Arbeitgeber aufgefordert werden, den Vertrag zu ändern – ob er das tut, ist aber mindestens fraglich. Auch wäre ein Statusfeststellungsverfahren durch die Deutsche Rentenversicherung denkbar. Gegebenenfalls können gezahlte Versicherungsbeiträge zurückverlangt oder Gehaltsnachzahlungen geltend gemacht werden. Ein solches Verfahren ist schon deshalb zu empfehlen, weil Scheinselbständigen bei Arbeitsunfällen erhebliche Kosten entstehen können, bei denen fraglich ist, ob diese durch die Krankenkasse gedeckt sind. Auf der anderen Seite will der Beschäftigte aber unter Umständen den Vertrag erfüllen, auch um Anschlussverträge nicht zu gefährden.

„Man liebt es oder man hasst es!“

Zu den Abwägungen, die potenzielle Interessentinnen und Interessenten wie Passagiere gleichermaßen anstellen sollten, gehört auch der Umgang der Reedereien mit ihren sonstigen Crew-Mitgliedern: Über 80 Prozent von ihnen kommen aus Billiglohnländern wie Indonesien, Indien oder den Philippinen. Gerade in Positionen zum Beispiel als Zimmermädchen oder Kellner arbeiten sie oft zehn bis zwölf Stunden am Tag und sieben Tage die Woche über mehrere Monate am Stück. Dafür bekommen sie gerade mal zwischen 2,65 und 4,40 Euro pro Stunde – auf jeden Fall weit weniger als den deutschen Mindestlohn. Möglich ist das, weil die Reedereien den Lohn mit Agenturen aus den Heimatländern verhandeln. Die Reedereien halten dagegen, alle Besatzungsmitglieder an Bord würden entsprechend ihrer jeweiligen Qualifikation und Berufserfahrung entlohnt. Meint: Gemessen an den Löhnen in ihren Heimatländern sind das fürstliche Gehälter.

Arrangieren können muss man sich auch mit dem Image als Dreckschleudern, das Kreuzfahrtschiffen anhaftet. Der Naturschutzbund Deutschland behauptet – von den Reedereien bestritten –, dass ein Kreuzfahrtschiff pro Tag so viel CO2 ausstößt wie fast 84.000 Autos und so viel Stickoxide wie etwa 421.000 Autos. Immerhin gibt es Schiffsbetreiber, die ihre schwimmenden Hotels umweltfreundlicher betreiben möchten. Die „Aida Nova“ ist als einziges Kreuzfahrtschiff der Welt mit Flüssiggas anstelle des üblichen Schweröls unterwegs.

Wer sich angesichts steigender Passagier- und Schiffszahlen von den ebenso zunehmenden Anwerbeversuchen der Reedereien für ihren Entertainmentbereich angesprochen fühlt, sollte sich – vielleicht in kollegialen Gesprächen – darüber klar werden, ob der Arbeitsplatz Kreuzfahrtschiff höchstpersönlich angemessen ist: Die Unterschiede zum Festlands-Engagement sind gewaltig.

Kommt es zu Vertragsverhandlungen, sollte darauf geachtet werden, welches nationale Recht Anwendung findet. GDBA-Mitglieder sollten sich vor einem Abschluss von ihrer Gewerkschaft beraten lassen.

Die Reedereien werben für künstlerischen Nachwuchs mit der Aussicht, auf den zahlreichen Landgängen „die Welt kennenzulernen“. Je nach Saison und Reederei werden so ziemlich überall auf der Welt Destinationen angefahren, wobei das Schiff schon mal in Kulturerbe-Altstädten parkt. Für die Bord-Künstler sind die Landgänge noch etwas oberflächlicher als für die Passagiere. In der Summe sollten Interessentinnen und Interessenten die Vor- und Nachteile des Künstler-Lebens an Bord gegeneinander abwägen. Ein anderer formuliert schlicht: „Man liebt es oder man hasst es!“

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