Jörg Rowohlt Geschrieben am 5. Januar 2021

Kolumne Januar 2021

KULTUR & VIRUS

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Die Hilfsmaßnahmen für Verdienstausfälle in Folge von Corona gehen in die nächste Runde. Derweil bleiben längerfristige Auswirkungen der Pandemie auf den kulturellen Arbeitsmarkt unklar.

Inzwischen ist nicht mehr nur von November- und Dezember-Hilfen die Rede (die ohnehin zum Teil erst in diesem Monat ausgezahlt werden). Politisch wird längst über die kommenden Monate debattiert und ob Bund oder Länder dann die Finanzierung tragen sollen – was Betroffenen einstweilen ziemlich egal sein kann. Finanzminister Olaf Scholz (SPD), der ja Kanzler werden will, kündigt unterdessen für die zweite Jahreshälfte 2021 (!) Kosten-Übernahmen für Veranstaltungen an. Veranstalter müssten mit dieser Maßnahme ermutigt werden, jetzt wieder loszulegen: „Sonst ist die Pandemie irgendwann vorbei, aber es finden keine Konzerte statt“, sagte er dem Tagesspiegel. Damit solle „auch die ganze Maschinerie mit den vielen Soloselbständigen und Musikern wieder in die Gänge“ kommen. Außerdem arbeite man an einem Förderprogramm, das Kulturveranstaltungen unterstützen soll, die wegen der Corona-Restriktionen nur von einem beschränkten Publikum besucht werden können und daher nicht wirtschaftlich sind. Scholz‘ Planungen werfen vor allem eine Frage auf: Welche langfristigen Auswirkungen auf den – kulturellen – Arbeitsmarkt hat Corona? In Deutschland waren im Jahr 2019 schätzungsweise knapp 123.000 Künstlerinnen und Künstler sowie Autor*innen als Soloselbständige und Selbständige tätig und erwirtschafteten dabei im Durchschnitt einen Jahresumsatz von rund 37.000 Euro. Das Bundesfinanzministerium hat für seine im November angekündigte Neustart-Hilfe (Bühnengenossenschaft 12/20) einen Referenzwert von 20.000 Euro Jahresumsatz zugrunde gelegt. Demnach könnte ein Großteil der Künstler*innen und Autor*innen von der Neustarthilfe eine substanzielle Unterstützung erwarten. Eine Modellrechnung der Kölner Forscher zeigt allerdings, dass die Neustarthilfe nur „für einen ganz kleinen Kreis der Künstler/innen und Autoren eine Hilfe“ sein könnte. Im Gegenteil: Für die meisten Betroffenen werde die Neustarthilfe möglicherweise nicht viel einbringen – das gilt sowohl für die ganz „kleinen“ wie für die „großen“ Selbständigen. Soloselbständige mit weniger als 17.500 Euro Umsatz im Jahr 2019 bilden mit Abstand die größte Gruppe der Betroffenen. Legt man einen Jahresumsatz in 2019 von 5.630 Euro zugrunde, ergibt sich eine monatliche Neustarthilfe von 117 Euro bis einschließlich Juni 2021. Aber nicht mal diese werden viele Betroffene überhaupt beantragen können: Viele Künstlerinnen und Künstler ergänzen den genannten Durchschnittsumsatz durch andere Einkünfte. Oftmals sind diese ergänzenden Einkünfte höher als die aus selbständiger Tätigkeit – und die Künstlerinnen und Künstler fallen durchs Rost, weil Grundlage jeder Neustarthilfe ist, dass mehr als 50 Prozent der Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit stammen muss. Die Kölner Wissenschaftler schätzen, dass so die Hälfte bis Zweidrittel der rund 63.200 „kleinen“ Soloselbständigen aus diesem Grund wohl keine Neustarthilfe beantragen kann. Eine weitere Voraussetzung sind ein 50 Prozent niedrigerer Umsatz gegenüber 2019. Auch die Obergrenze der Neustarthilfe fällt nicht gerade üppig aus: Ab 34.286 Euro Jahresumsatz gibt es 714 Euro monatlich. Nicht nur in Köln wird die Frage gestellt, ob ein Großteil der 33.300 Künstlerinnen und Künstler oder Autoren ihr Geschäftsmodell mit Hilfe dieser Unterstützung bis zur Jahresmitte retten kann?

NEUE MODELLE GEFRAGT

Der Anteil der Kultur- und Kreativwirtschaft an den diversen seit Beginn der Pandemie aufgelegten Konjunkturprogrammen liegt nach Angaben des Kölner Büros für Konjunkturwirtschaftsforschung bei knapp einem Prozent, was durchaus als erstaunlich niedrig gelten darf. Denn zum einen beziffert das Bundeswirtschaftsministerium den von der Kultur- und Kreativwirtschaft erzielten Umsatz im Jahr 2019 auf über 174 Milliarden Euro und damit etwa auf dem Niveau des Maschinenbaus und vor anderen Branchen wie den Finanzdienstleistungen, der Energieversorgung oder der chemischen Industrie. Zum anderen gehören auch die Teilmärkte Architektur, Presse und Software/Games dazu – für die Kulturwirtschaft im engeren Sinne verringert sich der Anteil weiter. Ein Hoffnungsschimmer könnte sein, dass der Kultur- und Kreativsektor in größeren Teilen nicht mit dem öffentlich finanzierten Kultursektor (Theater, Orchester usw.) gleichzusetzen ist. Will sagen: Öffentliche Kunst- und Kulturinstitutionen werden nur zu einem kleinen Teil vom Markt finanziert. Deren Etats sind mindestens derzeit auch nicht in erheblichem oder gar existenzbedrohendem Maße weggebrochen – weshalb man sich darüber wundern oder empören darf, dass viele Künstlerinnen und Künstler immer noch über Gagenausfall durch öffentliche Kulturinstitutionen reden müssen (Bühnengenossenschaft 12/2020). Offensichtlich mangelt es da oder dort weiterhin an Empathie.

Es wäre aber unfair, nur (manchen) Theatern die Verantwortung für Verdienstausfall zuzuweisen: Politisch Handelnde müssen sich ihren Teil ebenso zurechnen lassen, denn Künstlerinnen und Künstler sind in Corona-Zeiten weder „arbeitslos“ noch „arbeitssuchend“ – sie können wie zahlreiche andere Menschen auch ihre Profession nicht ausüben. Viele der Betroffenen leiden darunter, dass ihr Status der atypischen Beschäftigung im aktuellen System praktisch gar nicht vorgesehen ist. So müsste auch zur Kenntnis genommen werden, dass zahlreiche Soloselbständige Werte schaffen, die sich auch finanziell beziffern lassen. Das wirtschaftliche Existenzmodell, das für gewöhnlich Voraussetzung für einen kulturellen oder kreativen Schaffensprozess ist, wird in seiner Bedeutung als Basis unserer Kulturnation zu wenig berücksichtigt.

Diese Krise zeigt aber auch, dass es nur kurzfristig um die Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern geht – gern auf Grundlage realistischer Zahlen. Entwickelt werden müssen längerfristig adäquate strukturelle Modelle, um diejenigen, die mit ihren künstlerischen und kreativen Werken und Produkten den Kultur-/Kreativsektor ermöglichen, auch in Krisenzeiten abzusichern. Das ist allemal mehr als die sich in letzter Zeit häufenden mehr oder weniger unverbindlich bleibenden „Wertschätzungen“.

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