Jörg Rowohlt Geschrieben am 27 Dezember, 2019

Kolumne Januar 2020

SANIERUNGEN

Kultur braucht ein Zuhause

„Eine Milliarde? Echt jetzt?“ Die Reaktionen auf die Pläne zur Sanierung der Staatsoper Stuttgart im Netz waren zum Teil heftig. Dabei ist deren Notwendigkeit eigentlich unumstritten. Allerdings müssen die Bürgerinnen und Bürger dabei mitgenommen werden – nicht nur in Stuttgart.

Die Ausgaben für die Oper seien „ungerecht“, „nicht für normale Leute“ und könnten anders besser verwendet werden, war in einer Fernseh-Straßenumfrage zu hören. Auch der notorische Steuerzahlerbund meldete sich zu Wort. Und eine Bürgerinitiative sprach von „unanständig hohen Kosten“.

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (beide Grüne) hatten Kostenschätzungen für die Sanierungen präsentiert, die letztlich die Milliarden-Grenze überschreiten könnten. Allein die Kosten für die Modernisierung des historischen Opernbaus sowie der Neuerrichtung eines Kulissengebäudes wird mit 740 Millionen bis 960 Millionen Euro veranschlagt. Als Standort für den Interimsbau kommt laut Vorschlag ein Areal auf dem ehemaligen Gleisvorfeld des Kopfbahnhofs in Frage, etwa vier Kilometer vom jetzigen Staatstheater entfernt. Später soll hier ein Kreativzentrum entstehen. Der Bau soll 84,1 Millionen Euro kosten und aus dem Haushalt der Stadt finanziert werden, die übrigen Mittel werden hälftig von Land und Stadt aufgebracht. Dort könnten Werkstätten und die Verwaltung untergebracht werden. Die eigentliche Interimsspielstätte mit Bühne, Bühnenturm und Zuschauerraum aus wiederverwendbaren Modulbauten dürfte weitere 104 Millionen Euro kosten. Nach ihrem späteren Abriss sollen Teile des Gebäudes verkauft werden, Einnahmen von 18,8 Millionen Euro sind kalkuliert. Umsetzungskonzept und die vorläufige Kostenplanung sind Grundlage für einen modernen und künstlerisch wertvollen Spielbetrieb, der im alten Bau auf Dauer nicht mehr gewährleistet ist. Aus Arbeitsschutz- oder Brandschutzgründen würde womöglich eine kurzfristige Schließung drohen. Die Stuttgarter Oper und das Ballett haben Weltrang, sie sind international von herausragender kultureller Bedeutung.

Seit fast 30 Jahren wird über Sanierung der Oper diskutiert, 2014 gab es ein erstes Gutachten dazu. Ein Jahr später, 2015, diagnostizierte der damalige Wirtschafts- und Finanzminister nach einer Besichtigung „sofortigen Handlungsbedarf“. Im Sommer 2018 beschloss die Landesregierung dann die Sanierung – aber auch heute noch ist das Dach nicht dicht, mangels vernünftiger Isolierung bleibt im Winter kein Schnee darauf liegen, die Bühnentechnik ist komplett veraltet und die Arbeitsbedingungen sind kaum mehr genehmigungsfähig. Es bestand und besteht mithin kein Zweifel, dass das über 100 Jahre alte Opernhaus generalsaniert werden muss, es platzt zudem aus allen Nähten. Unter anderem soll eine Kreuzbühne schnellere und einfachere Bühnenbildwechsel möglich machen, außerdem wird mehr Platz zum Beispiel für Proberäume benötigt, die Gastronomie ist nicht mehr zeitgemäß. Ingesamt 10.450 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche werden benötigt. Trotzdem: „Natürlich erschreckt man bei der Zahl“, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zur Schätzung der sich auf zehn Jahre verteilenden Kosten. Diese berücksichtigten eine mehrjährige Bauzeit und steigende Kosten in der Branche. Die nach jahrelangem Streit und intensiver Debatte vorgelegten Pläne seien aber „eine gute Grundlage für eine seriöse Diskussion“. Und die, so Kretschmann Mitte November, könne auch in Form eines Bürgervotums stattfinden: „Grundsätzlich ist das selbstverständlich etwas, wo die Bürger entscheiden können.“

Stuttgart als Beispiel

Die Bürgerinitiative „Aufbruch Stuttgart“ favorisiert dagegen weiterhin einen angeblich günstigeren zusätzlichen Neubau und eine weniger umfangreiche Sanierung – ohne zu sagen, was mit dem alten Bau des Architekten Littmann geschehen soll, den Max Reinhardt bei der Eröffnung 1912 das „schönste Theater der Welt“ nannte. Nun soll eine Bürgerbefragung über dessen Zukunft entscheiden. Wer auch immer einen weiteren Neubau fordert und damit mindestens indirekt die Zukunft des ehrwürdigen Theaterbaus aufs Spiel setzt, wird sich mit dem Vorwurf des Fahrlässigkeit auseinandersetzen müssen. Während die öffentlichen Planer eine behutsame Erweiterung des alten Baus mittels eine Fassaden-Versetzung um wenige Meter für die Kreuzbühne vorsehen, will die Initiative eine weitere Spielstätte und nimmt in Kauf, eine der kulturellen Kernmarken des Landes zu schleifen. Darauf muss man erst mal kommen.Während der geschäftsführende Intendant der Stuttgarter Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, die „erfreulich sachlichen Debatten“ lobt, lässt sich am Beispiel der baden-württembergischen Landeshauptstadt zugleich verdeutlichen, auf welch schiefe Ebenen solche Diskussionen auch geraten können.

Allein in Baden-Württemberg stehen Sanierungen demnächst in Karlsruhe und Mannheim an. Stets besteht die Gefahr, dass Bürgerinnen und Bürger gegen Kulturinstitutionen ausgespielt werden – etwa nach dem Motto: „Und dafür habt ihr Geld?“. Wenn zum Beispiel die (berechtigte) Forderung erhoben wird, die Stadtväter und -mütter mögen doch Sozialwohnungen bauen, dann droht die Gefahr eines „Kampfs der Prioritäten“, so die Süddeutsche Zeitung. Was dort als „nicht unheikel“ verkleinert wird, droht in Wirklichkeit zum kunstfeindlichen Populismus zu verkommen. Am Ende könnte der Verlust kultureller Qualität und kultureller Traditionen stehen. Letztlich werden sich Vernunft und Realismus durchsetzen müssen: Das eine – hier lassen sich wahlweise auch Sport oder Soziales einsetzen – darf nicht gegen das andere ausgespielt werden. Natürlich sind Sanierung von Schulen, Straßen und Brücken gleichfalls eine originäre Aufgaben der öffentlichen Hände, es gibt aber kein Entweder oder Oder. Beispiel Stuttgart: Das Land Baden-Württemberg gibt im Jahr rund 50 Milliarden Euro aus. Über zehn Jahre gerechnet entspricht der Landesanteil für die Sanierung und Erweiterung des Stuttgarter Opernhauses etwa 0,1 Prozent des Haushaltsvolumens. Das weltweite Ansehen der Oper und des Balletts wiegen ungleich schwerer. Dass Bürgerinitiativen in solchen Situationen regelmäßig Bürgerbefragungen fordern, um Sanierungen zu verzögern oder ganz unmöglich zu machen, macht die Sache nicht einfacher. Die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern wird niemand ablehnen – aber eine (gar noch verbindliche) Befragung? Schon bei der Frage, wer eigentlich abstimmt, beginnen die Schwierigkeiten: Nur die Bürgerinnen und Bürger einer Kommune? Oder vielleicht doch des ganzen Bundeslandes? Und wenn es um ein Projekt in Berlin geht, das der Bund (mit-)finanziert: Ganz Deutschland? Besteht nicht, wenn über Kulturinstitutionen abgestimmt werden soll, immer die Gefahr eines virulent werdenden „gesunden Volksempfindens“? Stimmungsmache gegen elitäre „Champagner-Etagen“ lässt sich kaum mit rationalen Argumenten wie der Umwegrentabilität einer Kultureinrichtung bekämpfen. Zwar belegen Studien schon seit Jahren immer wieder, dass Standorte von zum Beispiel Theatern von zusätzlichem Umsatz profitieren, den anreisendes Publikum generiert – aber die Vereinfacher beeindruckt das wenig.

Auf jeden Fall sind Bürgerentscheide differenziert zu betrachten und können nicht als Allheilmittel gesehen werden: Abgestimmt wird auch nicht über jeden zusätzlichen Autobahnkilometer. Im Gegenteil werden sinnvolle Projekte wie etwa Stromtrassen durch den vermeintlichen Bürgerwillen unnötig aufgehalten. Im schlimmsten Fall glauben dann auch noch Politikerinnen und Politiker, auf Wahlerfolge hoffend, den Meinungen derjenigen folgen zu sollen, die am lautesten schreien. So hat es immer wieder Volksentscheidungen gegeben, bei denen letztlich eine kleine, gut organisierte Minderheit politische Entscheidungen maßgeblich beeinflusst hat, weil sich die Mehrheit für das Abstimmungsthema nicht interessierte. Hat gerade jemand „Brexit“ gesagt? Forderungen nach Volksentscheiden sind häufig populistisch motiviert. Wer auf Mehrheitsentscheidungen jenseits der Wahlen setzt, geht ein hohes Risiko ein.

Dass das Volk schon irgendwie recht habe, ist eine Vorstellung, die oft an der Realität vorbeisieht. Unverzichtbare und begleitende Voraussetzung für Volksentscheide wären umfassende Informationen, die zu diesen Entscheiden erst befähigen. Das schützt nicht vor falschen Entscheidungen, aber es verspricht ein Minimum an zivilisatorischen Grundwerten. In der Vergangenheit hat sich gezeigt: Die Abgeordneten haben sich auf Bundesebene meist so entschieden, wie wohl auch ein Volksentscheid ausgefallen wäre – ob es dabei um Mindestlohn, Atomausstieg oder Frauenquote ging. Auf Landesebene hingegen gab es häufiger Mehrheiten der Bevölkerung gegen die politische Entscheidungen. Der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann zum Beispiel war gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21, die Bevölkerung dafür.

Angebote für alle

Zurück zur Kultur: Diejenigen, die Theater auf ein angeblich gesundes Maß zurückstutzen (oder gleich ganz abschaffen) wollen, argumentieren regelmäßig mit geringen Besucherzahlen der dann gerne so genannten „Kulturtempel“, die zudem nur bestimmten wohl situierten Bevölkerungsschichten zugute kämen. Der Intendant der Berliner Komischen Oper, Barrie Kosky, fand angesichts von rund 700.000 Opernbesuchern allein in der Hauptstadt deutliche Worte: Das sei schlicht „Quatsch“. Auch die Stuttgarter Oper verweist auf rund 450.000 Menschen, die in jeder Spielzeit die Oper besuchen. Das Angebot richte sich an alle Interessierten bei Kartenpreisen ab 8 Euro. Deutschlandweit waren es, der Bühnenverein hat gerade seine Theaterstatistik für 2017/2018 veröffentlicht, ungefähr 34,7 Millionen Menschen, die Theater oder Oper besucht haben. 26,6 Prozent der Bevölkerung, sagen die Meinungsforscher von Allensbach, gehen mindestens „gelegentlich“ in Theater oder Oper. Zum Vergleich: Spiele der 1. und 2. Bundesliga wurden von 18,7 Millionen Fans besucht. In Stuttgart hat inzwischen Ministerpräsident Kretschmann die Oper besucht und vor der Premiere „Le Nozze di Figaro“ am 1. Dezember das marode Bauwerk besichtigt. Dem Vernehmen nach haben insbesondere erhebliche Setzungsrisse Eindruck hinterlassen: Unterschiedliche Untergründe lassen das Gebäude bis in die Fundamente heftig arbeiten. Die winzigen Umkleiden für Schauspielerinnen und Schauspieler zeigen ebenso Wirkung wie die altertümliche Bühnentechnik, die nur noch funktioniert, weil anderswo ausrangierte Teile angekauft werden. Vor der Premierenfeier gibt es eine kurze Rede: „Die Oper muss saniert werden – und zwar so, dass Menschen hier sicher arbeiten können, in ihrer Freizeit nicht auf Abruf bereitstehen müssen, weil die Theatermaschinerie jederzeit während der Vorstellung ausfallen kann, und vor allem – auf gute Ideen kommen und kreativ sein können.“ Die Sanierung sei unumstößlich: „Dass wir den Weg gehen werden, steht außer Frage.“ Daran sollen Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden, über die konkreten Formen werde bereits nachgedacht. Den ursprünglich angedachten und als Bedrohung empfundenen Volksentscheid lehnt der Ministerpräsident inzwischen allerdings ab.

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