Jörg Rowohlt Geschrieben am 29. Januar 2021

Kolumne Februar 2021

IMPFEN FÜR DIE SOLIDARITÄT

Theater und Immunität

Die Impfstoffe gegen Covid-19 bieten für jede und jeden früher oder später Perspektiven zur Rückkehr in ein normales Leben – und zugleich vielleicht auch zur mindestens teilweisen Öffnung von Kultureinrichtungen.

Der Start der Impfungen in Deutschland hat sich mittlerweile einigermaßen zurecht geruckelt; notwendig ist jetzt und in den nächsten Monaten Solidarität. Aber auch für Kulturschaffende ergeben sich Fragen und Unsicherheiten bleiben.

Inzwischen sind schon 1,6 Millionen Menschen mit der ersten Dosis geimpft worden, angesichts größerer Produktionskapazitäten und der Zulassung zusätzlicher Impfstoffe wird diese Zahl in den kommenden Monaten noch deutlich ansteigen. Dass innerhalb eines knappen Jahres gleich mehrere Impfstoffe gegen das Virus entwickelt und zugelassen werden konnten, die nun perspektivisch Licht am Ende des Tunnels bedeuten, darf sicher als eine tolle Nachricht gelten in einer Zeit, die von aktuell katastrophalen Covid-Nachrichten gekennzeichnet wird.

Wer wird wann geimpft?

Anfangs laufen Fertigungskapazitäten und Nachschubwege der Impfstoffe noch nicht auf Hochtouren und in manchen Bundesländern hakt es auch bei der Logistik. Deshalb hat die Bundesregierung mit der Impfverordnung geregelt, wer sich zuerst gegen das Virus impfen lassen kann – eine Impfpflicht soll es ausdrücklich nicht geben. Besonders von Covid bedrohte Bevölkerungsgruppen stehen dabei in der Rangfolge ganz vorne. Danach sollen Menschen mit höchster, hoher und erhöhter Priorität Impfungen angeboten werden – schließlich folgen in einer vierten Gruppe alle anderen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat mehrfach angekündigt, nach aktuellem Stand sei mit Impfungen dieser vierten Gruppe ab Ende Juni zu rechnen. Bekanntermaßen wird aktuell zunächst in Alten- und Pflegeheimen geimpft, auch das Personal mit hohem Risiko in medizinischen Einrichtungen bekommt ein entsprechendes Angebot. Dazu sind mobile Impfteams unterwegs. Parallel arbeiten in den meisten Bundesländern auch schon stationäre Impfzentren. Zunächst stehen dort Menschen über 80 Jahren auf der Liste. Die Impfung dieser Gruppen soll laut Gesundheitsministerium mindestens bis Ende dieses Monats dauern. Danach folgt die zweite Gruppe: Menschen ab 70 Jahren sowie Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Auch Ärzte und Personal mit unmittelbaren Patientenkontakt werden in dieser Kategorie genannt. Die dritte Stufe umfasst laut Impfverordnung alle Menschen ab 60 Jahren oder mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf aufgrund von Vorerkrankungen. Auch Personen in besonders relevanten Positionen in staatlichen Einrichtungen, wie etwa bei der Feuerwehr oder Polizei, sollen dann eine Impfung erhalten können.

„Normalisierung durch frühe Impfungen“

Die Diskussion um die Impfreihenfolge, auch innerhalb der einzelnen Gruppen, ist damit aber keineswegs beendet: So will zum Beispiel Peter Dabrock, Theologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, und bis 2020 Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, weg vom Kriterium der in den Pandemie-Monaten überstrapazierten Systemrelevanz. Diese sei auch von Egoismus gekennzeichnet, so Dabrock gegenüber dem Focus: „Immer wieder hört man von Vertretern einzelner Gruppen, warum ausgerechnet die eigene Gruppe unbedingt mit als erste geimpft werden sollte: Abgeordnete, Rechtspflege, Lehrerinnen.“ Die Systemrelevanz werde erkennbar von gesellschaftlichen und politischen Machtstrukturen geprägt und habe wenig mit Gemeinwohl-Orientierung zu tun. Tatsächlich gibt es immer wieder Diskussionen über die anzustrebende Reihenfolge. Nach seinem Vorschlag sollte vielmehr das konkrete Infektionsrisiko zur Grundlage der Impfungen werden. An dieser Stelle kommen Künstler*innen ins Spiel: Die Unfallkasse NRW, die seit Pandemiebeginn immer wieder wertvolle Hinweise zum Umgang mit Corona für Bühnenanangehörige erstellt hat, geht davon aus, dass „alle Personen der darstellenden Kunst (etwa Sänger*innen, Musicaldarsteller*innen, Schauspieler* innen, Musiker*innen) erfahrungsgemäß zu den Berufsgruppen mit einem erhöhtem Infektionsrisiko gehören oder dem Risiko besonders schwerwiegender beruflicher Einschränkungen aufgrund einer Infektion durch den SARS-CoV-2- Erreger ausgesetzt sind.“ Demzufolge wären raschest mögliche freiwillige Impfungen angeraten, um ein konkretes Risiko zu minimieren. Die letztlich fruchtlose Diskussion, ob Kultur nun systemrelevant ist oder nicht, wäre so umgangen. Beispiel Tänzer*innen: ta.med, der Verein für Tanzmedizin, wies schon Ende November darauf hin, dass diese Berufsgruppe mit keinen beziehungsweise geringen Abständen, Tätigkeit mit keinen beziehungsweise geringen Abständen, hohen Belastungen für Herz und Lunge, Tätigkeiten in Innenräumen und in Gruppen einem stark erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sei. Deshalb könne der „Normalisierungsprozess in der szenischen Darstellung“ nur durch frühzeitige Impfungen der betroffenen Gruppen ermöglicht werden. Wäre hierzulande ein Verfahren wie in Russland oder Israel denkbar, wo Kulturbeschäftigte vorrangig geimpft werden oder jedenfalls darüber diskutiert wird? In Israel wird es wohl einen „Grünen Pass“ geben, der Geimpften den Zugang zu Restaurants, Veranstaltungen und Theatern ermöglicht – wenn der harte Lockdown aufgehoben ist, unter dem das Land jetzt leidet.

Theater mit Impfausweis?

Eine solche Lösung eines digitalen Impfausweises hätte den Charme – neben den persönlichen Vorteilen – , dass Ensembles gemeinsam und ohne Sicherheitsabstand auftreten könnten: Der Bühnenkuss wäre wieder erlaubt. Auf diese Weise könnte auch ein positiver Beitrag zur irgendwann kommenden Debatte über die Öffnung von Theatern und Opernhäusern geleistet werden. Einige Intendanten von Theatern glauben jedenfalls daran und beteiligen sich mit Statements an der laufenden Impfkampagne des Gesundheitsministeriums („Ich lasse mich impfen, weil das Theater dann wieder aufmachen kann“). Vorläufig bleiben aber noch Fragen zu beantworten: Können Geimpfte die Infektionen nicht mehr weitertragen oder sind sie nur selbst vor schweren Verläufen geschützt? Und wann wird die Zahl der Geimpften groß genug für solche Öffnungsaktionen sein? Diskutiert wird jedenfalls darüber, auch auf europäischer Ebene, wo noch in diesem Monat ein entsprechender Vorschlag Griechenlands und Portugals besprochen werden soll. Die Länder wollen so unter anderem ihren Tourismus wieder ankurbeln. Politische und juristische Bedenken aufgrund einer Ungleichbehandlung zwischen Geimpften und Nichtgeimpften scheinen indes nicht tragfähig zu sein. Auch eine Mehrheit der Jurist*innen vermag offenbar keine unvertretbaren „Privilegien“ für immune Menschen zu erkennen – nicht mit Verboten belegt zu werden, sei kein „Privileg“, sondern der Normalfall. Die weitreichenden Beschränkungen während der Pandemie waren erforderliche Grundrechtseingriffe, für die die Grundlage wegfällt, wenn Immunität nachgewiesen werden kann. Mit Schnelltests könnte im übrigen der Zugang zu Theatern oder Restaurants auch für Nichtgeimpfte ermöglicht werden – den politischen Willen dazu vorausgesetzt. An diesem scheint es aber mindestens dort zu fehlen, wo die Theater gleich bis Ostern geschlossen wurden.

Impfbereitschaft steigt

Seit Monaten haben Deutschland und Europa der Entwicklung eines Impfstoffs entgegengefiebert. Impfen galt als das Ticket zurück in die Freiheiten aus der Zeit vor der Pandemie – vorausgesetzt, dass genügend Menschen bereit sind, sich impfen zu lassen, um die berühmte Herdenimmunität zu erreichen. Nun ist dieses Ziel der Vakzinentwicklung spektakulär erreicht. Trotzdem war anfangs die Impfbereitschaft nicht so ausgeprägt wie erwartet; inzwischen steigt sie aber deutlich an. Nach den Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen für das „Politbarometer“ des ZDF gaben Mitte Januar 67 Prozent der Menschen an, dass sie sich gegen das Coronavirus impfen lassen wollen. Ende November des vergangenen Jahres waren es noch 51 Prozent. Zehn Prozent lehnen derzeit eine Impfung ab, im November waren es 20 Prozent. 22 Prozent sind sich noch nicht sicher, im November gab es noch 29 Prozent Unentschiedene. Aber auch wenn wir die Rückkehr zum Alltag herbeisehnen, weil die Pandemie für alle zunehmend eine psychische, soziale und ökonomische Zumutung darstellt: Man darf aus guten Gründen zögern, sich impfen zu lassen. Die Impfstoffe wurden in beschleunigten Verfahren zugelassen, manche Risiken konnten bisher nicht so umfassend getestet werden, wie das bei regulären Überprüfungen neuer Arzneien außerhalb des Pandemie-Ausnahmezustands Pflicht ist, von Allergien bis Langzeitfolgen. Es ist verständlich, wenn Menschen nach der Devise „je später, desto sicherer“ nicht zur ersten Gruppe gehören wollen und lieber abwarten – in der Hoffnung, dass potenzielle Nebenwirkungen im Zuge der Massenimpfungen erkannt und beseitigt werden. Solches Verhalten ist rational und legitim. Trotzdem wäre solches Abwarten im Ernstfall für die Gesellschaft kontraproduktiv. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat ausgewertet, wie oft es nach den knapp 1,9 Millionen bisher in den USA verabreichten Biontech-Impfungen zu schweren allergischen Reaktionen gekommen ist. Die Antwort ist: 21 mal. Der Solidarität steht nichts im Wege.

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken

Kategorien

Archive