Jörg Rowohlt

Kolumne Dezember 2020

SPITZFINDIGE THEATER & IGNORANTE POLITIK

Kulturschaffende als Verhandlungsmasse

Kulturschaffende sind in diesen Zeiten besonders belastet. Vom Corona-Virus und manchmal auch von spitzfindigen Theatern, die Künstlerinnen und Künstler nicht als gleichberechtigte Partner behandeln. Was ist zu tun?

Insbesondere für Freischaffende und Selbstständige ist Corona mit seinen Lockdowns eine pure Katastrophe. Einnahmen aus Vorstellungen sind zu großen Teilen weggefallen. Und jetzt haben manche Theater auch noch eine „Covid-Klausel“ entwickelt: „Sollte aufgrund der Corona-Pandemie nicht gespielt werden können, hat der Künstler keinen Anspruch auf Vergütung“, steht da zum Beispiel. Vor Arbeitsgerichten hätte diese Klausel nach Einschätzung von Juristen wohl keinen Bestand. Abgesagte Auftritte müssten vergütet werden. In der Aufarbeitung des ersten Lockdowns im Frühjahr hatten das manche Theater auch noch so gesehen – einige Häuser zahlten aus, andere versteckten sich hinter mehr oder weniger windigen Ausreden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch in der aktuellen Situation gibt es Häuser, die – soweit bekannt – fair mit ihren Mitarbeitern umgehen. Trotzdem werden am Ende in den strittigen Fällen wohl die Gerichte entscheiden müssen. Allerdings ist die Klagewilligkeit Betroffener verständlicherweise nicht sonderlich ausgeprägt, schließlich sind die Kulturschaffenden auf künftige Engagements angewiesen.

Deutlich wird jedenfalls erneut: Selbständige und Gäste werden nicht immer als ebenbürtig angesehen, sondern sind der Willkür der Theaterleitungen ausgeliefert. Umso wichtiger ist das Engagement in Gewerkschaften. Von den erwähnten Verträgen gibt es viele hundert, schätzte Rechtsanwalt Wolfgang Schwaninger gegenüber dem ZDF, der in der Rechtsberatung der GDBA arbeitet und selbst Opernsänger ist. Mit den „Corona-Klauseln“ wälzen Theater nach seiner Meinung unzulässigerweise das komplette Betriebsrisiko auf die Nicht-Festangestellten ab. Das sei in höchstem Maße ungerecht: „Es ist besonders skandalös, weil die Theaterbudgets aus öffentlicher Hand bezahlt werden.“ Wie die online-Plattform crescendo berichtete, haben sich Sängerinnen und Sänger darüber beklagt, dass die Oper Frankfurt Betroffene mit Gastverträgen im Regen stehen ließ (Bühnengenossenschaft 11/20).

Die Zuschüsse für Theater von deren Rechtsträgern laufen auch während der Pandemie weiter, trotzdem würden mancherorts Gäste nicht ausgezahlt. Öffentlich getragene Häuser können überwiegend nicht über finanzielle Engpässe klagen. Der Geschäftsführer des Bremer Theaters, Michael Helmbold, beispielsweise bestätigte „Handlungsoptionen“, weil es zwar einerseits deutliche Einnahmeausfälle aus dem Ticketverkauf gegeben habe, andererseits aber die Personalkosten durch das Kurzarbeitergeld reduziert worden seien.

Solo-Selbständige sind so in vielen Fällen durchs Rost gefallen – immerhin sollten die sogenannten „Novemberhilfen“ des Bundes nun immerhin einen Teil des pandemiebedingten Verdienstausfalls angesichts der Schließungen im vergangenen Monat kompensieren. Darüber hinaus wird es für Dezember bis Juni nächsten Jahres eine Einmalzahlung von bis zu 5000 Euro geben.

Künstlerinnen und Künstler sind auf die beschriebenen Weisen zur Verhandlungsmasse geworden. Auf der einen Seite werden sie bedrängt von Theatern, die vor allem ihre Arbeit- oder Auftraggeberrolle ausleben und im schlimmsten Fall die aktuelle Notlage der Betroffenen ausnutzen. Auf der anderen Seite steht die Politik, deren Repräsentanten zwar immer wieder die Bedeutung von Kunst und Kultur betonen, sich aber keineswegs durchgängig so verhalten: Die Hängepartie um Überbrückungshilfen ist dafür ein Beispiel. Ein anderes liefern Politikerinnen und Politiker als Rechtsträger von Theatern: Offenbar hat es von Kulturdezernaten und -verwaltungen Anweisungen an einige Häuser gegeben, in der Krise doch Einsparungen vorzunehmen. Ergebnis dieses strengen Reglements der Rechtsträger ist, dass bei ihnen beschäftigten Gästen und Solo-Selbständigen die vereinbarte Gage vorenthalten wird.

Diese sind vom erneuten Lockdown nun wiederum betroffen – mit allen oben dargestellten rechtlichen Unwägbarkeiten. Gleichzeitig wird die Öffentlichkeit mit sehr berechtigten Offenen Briefen von Theaterleiterinnen und -leitern geflutet, die die Öffnung von Kultureinrichtungen fordern. Das wäre mit Sicherheit auch im Interesse aller Künstlerinnen und Künstler, die wieder singen und spielen wollen. Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn etwa die (meisten) Berliner Theaterleitungen in ihrem Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) zur Begründung ihres Öffnungswunsches unter anderem schreiben, ihre Häuser seien „in beträchtlichem Umfang Arbeit- und Auftraggeber innerhalb der Kulturbranche, von denen auch und vor allem viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler leben“. Angesichts ohnehin niedriger Gagen, die zusätzlich nicht einmal überall ausgezahlt werden, mag sich die eine oder der andere hier auch instrumentalisiert fühlen.

KULTUR IST NICHT INFEKTIÖS

Trotzdem bleibt die Frage nach der Notwendigkeit, Kultureinrichtungen zu schließen. Theater sind Orte gesellschaftlichen Lebens und als solche von zentraler Bedeutung. Die Sicherheits- und Hygienekonzepte der Häuser basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und bieten maximal möglichen Schutz für alle Besucherinnen und Besucher. Mindestabstände, Wegeführungen, das Tragen der Masken bis zum Platz oder sogar während der gesamten Vorstellung, der Austausch der kompletten Luft im Saal innerhalb weniger Minuten gehören dazu. Mancher sieht das als Vorbild, wie in der Pandemie der Alltag der Menschen sicher organisiert werden kann – nur findet dieser Alltag für das Publikum überwiegend eben nicht im Theater statt. An- und Abreise sind ein reales Infektionsrisiko, ebenso wie es gastronomische Exkurse aus Anlass eines Theaterbesuchs wären. Tatsächlich gibt es soweit bekannt keine einzige nachgewiesene Corona-Infektion im Zusammenhang mit dem Besuch einer Kultureinrichtung. Daraus allerdings im Umkehrschluss zu folgern, dass sich „nachgewiesenermaßen kein Besucher und keine Besucherin in einem Theater- oder Opernhaus angesteckt“ habe, wie das der Mainzer Intendant Markus Müller mit seinem Leitungsteam presseerklärte, ist mindestens mutig. Hinter dem Unterschied zwischen den beiden Aussagen steckt keine wortklauberische Spitzfindigkeit, sondern eine letztlich banale Erkenntnis: Nichts Genaues weiß man nicht. Was natürlich nichts daran ändert, dass Theater und ihre Beschäftigten gern Planungssicherheit für die kommenden Monate hätten. Nur kann die nach Lage der Dinge niemand liefern. Wohl aber geliefert werden könnten ausreichende Unterstützungsmaßnahmen für die von der Pandemie besonders Betroffenen.

EINFLUSS BRAUCHT STÄRKE

Deutschland ist eine Kulturnation, daran wird sich vorläufig auch nichts ändern. Selbst wenn Etatposten rückläufig werden und Kulturschaffende aktuell in einer schwierigen Lage sind: Anderen geht es noch schlechter. Das soll die Probleme der Betroffenen nicht zynisch verniedlichen – aber es geht gerade allen Menschen in Deutschland schlecht. Natürlich sind Kunst und Kultur systemrelevant als Orte der Begegnung, des Diskurses, der Bildung und Aufklärung, aber eben auch des ästhetischen Genusses. Der Besuch dieser öffentlichen Räume ist für viele Menschen existentieller Teil des gesellschaftlichen Lebens und für dessen Zusammenhalt substantiell. Könnte aber gut sein, dass die eigentliche Bewährungsprobe erst nach der Pandemie kommt: Dann könnte eine gnadenlose, Jahre dauernde Sparorgie beginnen, die Kunst und Kultur hart treffen würde. Argumente werden in dieser Phase wichtig sein.

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