Jörg Rowohlt Geschrieben am 30 November, 2018

Kolumne Dezember 2018

GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT

Mehr Weiblichkeit wagen

Nachdem Geschlechtergerechtigkeit im Kultursektor wohl noch länger ein Thema sein wird, bleibt die Frage: Was ist zu tun, um vorhandene Defizite zu beseitigen?

Vor zwei Jahren erschien eine Studie des Deutschen Kulturrats zur Geschlechtergerechtigkeit (Bühnengenossenschaft 8-9/16). Ergebnis: Frauen werden an deutschen Theatern im Vergleich zu Männern für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt – die von den Autoren festgestellte Gender Pay Gap betrug 24 Prozent. Außerdem gelangen Frauen der Studie zufolge wesentlich seltener in Führungspositionen – nur 22 Prozent der Intendanzen war seinerzeit mit Frauen besetzt. Letzteres mag sich in letzter Zeit ein klein wenig gebessert haben. Beim Hessischen Landestheater Marburg zum Beispiel haben mit Carola Unser und Eva Lange zwei Frauen die Intendanz übernommen. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat Generalintendant Peter Spuhler ein ausschließlich weibliches Führungsteam zusammengestellt und in der aktuellen Spielzeit inszenieren nur Regisseurinnen. An den Münchener Kammerspielen wird Barbara Mundel Nachfolgerin von Matthias Lilienthal. Insgesamt scheint die Zahl der Inszenierungen durch Frauen zugenommen zu haben; von 33 Prozent ist die Rede – was allerdings grundsätzlich nichts an der schiefen Rollenverteilung ändert, die am Theater in Deutschland weiter vorherrscht: Die Frauen sind Schauspielerinnen, die Männer haben das Sagen, sind Regisseure und Intendanten. Gleichzeitig – sagt das Frauenbüro NRW – gibt es an den Hochschulen in den Fächern Darstellende Kunst, Bühnenkunst und Regie 66 Prozent Studentinnen. Da könnte sich für die Zukunft eine mutmachende Entwicklung andeuten.

FRAUEN UND ENGAGEMENT

Die GDBA ist Mitgliedsorganisation des Deutschen Kulturrats und hat als solche an der Studie zur Geschlechtergerechtigkeit teilgenommen. Die schlechtere Bezahlung von Frauen (fast ein Viertel weniger als männliche Kollegen) ließ sich allerdings bei den GDBA-Mitgliedern nicht nachvollziehen. Zwar gab es keine verlässlichen Aussagen zur Gesamtbranche, aber anhand der Mitgliedsbeiträge konnte die GDBA zumindest die Bezahlungen ihrer weiblichen und männlichen festangestellten Mitglieder vergleichen. Unterschiede gab es nur im Bereich der Fehlertoleranz – ob dies bedeutet, dass gewerkschaftlich organisierte Frauen also besser abschneiden als nicht organisierte Kolleginnen, vermögen wir nicht zu beurteilen. Ein anderes Defizit scheint für die GDBA eher problematisch zu sein: In den Gremien sind Frauen tendenziell unterrepräsentiert. Das wird sich nur mit mehr weiblichem Engagement ändern. Die berechtigte Kritik an fehlender Geschlechterparität im Kultursektor insgesamt muss auch innerhalb der eigenen Organisation eine Antwort finden und Frauen auf allen Ebenen unserer Gewerkschaft bestärkt werden. Zweifellos haben auch reine Frauen-Veranstaltungen wie der Kongress „Burning Issues“ im März am Theater Bonn (Bühnengenossenschaft 4/18) ihre Berechtigung und dienen der notwendigen Selbstvergewisserung. Auch die stellvertretende GDBA-Vorsitzende Sabine Nolde war damals dabei.

QUOTE UND SANKTIONEN

Anfang November nun fand in Düsseldorf „Wonderlands – Führungspositionen in den Performing Arts“ statt. In einem zweitägigen Symposium mit 200 mehrheitlich weiblichen Teilnehmerinnen widmete sich das Frauenkulturbüro NRW der aktuellen Diskussion über die Geschlechtergerechtigkeit in den darstellenden Künsten und richtet dabei den Fokus auf die verschiedenen Fragestellungen und Perspektiven zum Thema Führung. Strukturelle Schwierigkeiten, Arbeitsklima, Umgang mit Macht und Karriere, Arbeitsformen und -modelle, aber auch Tabus wie die Vereinbarkeit von Familie und Privatleben sowie der Umgang mit Scheitern und Machtmissbrauch wurden wissenschaftlich hinterfragt und im Rahmen des Symposiums diskutiert. Wissenschaftliche Vorträge, Lectures und Paneldiskussionen bildeten die Grundlage für Gespräche, die Expertinnen und Experten mit dem Publikum führten. Ziel war, „konkret umsetzbare Strategien für eine paritätische Vergabe von Stellen und Aufgaben im Theater zu entwickeln“, so die Veranstalter und dabei die „tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne von Diversität und Geschlechtergerechtigkeit“ abzubilden. Am Ende stand eine lange Liste von Forderungen und an deren Spitze der Anspruch auf Gleichheit von Frauen und Männern an den Häusern. Diese solle mittels einer verbindlichen Quote erreicht werden. Dieser nicht ganz neuen Forderung soll zusätzlicher Nachdruck verliehen werden, indem nur geschlechtergerechte Häuser künftig in den Genuss von Kulturförderung kommen sollen. Cornelie Kunkat vom Projektbüro „Frauen in Kultur und Medien“ des Deutschen Kulturrats erwartete im Deutschlandfunk Kultur von Quoten oder Zielvereinbarungen Fortschritte, „wenn deren Missachtung auch sanktioniert wird“. Ihre Eindrücke vom Düsseldorfer Symposium hat die GDBA-Vertreterin Christine Bossert auf Seite 7 zusammengefasst. Auch innerhalb der GDBA besteht Einigkeit, dass Leitungspositionen an den Häusern, in Findungskommissionen, Jurys und dergleichen geschlechtergerechter besetzt werden müssen. In den Bereichen Tanz und Chor ist diese Zielvorgabe ohnehin schon aufgrund der beruflichen Anforderungen dieser Berufsgruppen erreicht – Nachholbedarf gibt es auch hier bei den Leitungspositionen, dort sind Frauen weiterhin benachteiligt. Differenzierter ist das Stimmungsbild im solistischen Bereich: Eine strikt hälftige Aufteilung zwischen Frauen und Männern zum Beispiel in einem Schauspielensemble lässt sich mit den vorhandenen Spielplänen nicht oder nur schwer realisieren, jedenfalls solange auch Klassiker auf die Bühne kommen sollen, in denen häufig viele Männerrollen und nur relativ wenige Frauenrollen vorkommen. Und nach Klassikern verlangen wahlweise Publikum, Schulkooperationen, künstlerisch Beschäftigte und Theaterleitungen. Sollen im Interesse der Geschlechterparität solche Stücke verschwinden oder sollen Männerrollen auch mit Frauen besetzt werden? Trauen sich Theatermacherinnen und Theatermacher, auf reine Zeitgenossenschaft bei Stücken zu setzen, die dann womöglich geschlechtergerecht wäre? Wer würde einen solch radikalen Schnitt vollziehen wollen? Es bleiben viele Fragen offen, gut aber, dass die Diskussion in vollem Gange ist.

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