Jörg Rowohlt Geschrieben am 31. August 2020

Kolumne August/September 2020

SELBSTSTÄNDIG ODER FESTENGAGEMENT?

Berufung & Beschäftigung

Unter Kulturschaffenden ist der Anteil der Selbstständigen deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Gerade in Corona-Zeiten dürfte der Wunsch nach Festanstellung aber steigen – nur lässt sich die Frage, ob das eine oder das andere grundsätzlich besser ist, nicht pauschal beantworten. Die Antwort heißt auf jeden Fall Solidarität.

Wer sich für einen Theaterberuf entscheidet, wählt oft auch ein bestimmtes Arbeits- und Lebensmodell. Aus den Entfaltungsmöglichkeiten zum Beispiel entsteht die Attraktivität des Berufs. Nur resultiert aus solchen Besonderheiten keineswegs, dass Beschäftigte im Kultursektor keine angemessenen Rahmenbedingungen bräuchten – eher im Gegenteil.

Für die allermeisten solistisch Tätigen, Regisseure und Regisseurinnen, Choreografen, Tänzerinnen und Tänzer, Kostüm- oder Bühnenbildnerinnen und –bildner waren atypische Beschäftigungsverhältnisse ohnedies schon immer üblich. Trotzdem sind sehr unterschiedliche Fallkonstellationen und Beschäftigungsformen denkbar:

In welcher Rechtsform jemand arbeitet, hängt vom Einzelfall und auch der eigenen Entscheidung ab, in vielen Fällen auch den nicht immer richtigen „Vorgaben“ des Vertragspartners. Wer sich als Freischaffende oder Freischaffender partout nicht in ein Festengagement begeben möchte, würde dort auch nicht glücklich werden. Umgekehrt gilt das Gleiche – als Gewerkschaft ist es unsere Aufgabe, die Freiwilligkeit einer solchen Entscheidung nach Möglichkeit zu gewährleisten. In anderen Fällen beruht eine Tätigkeit als Freischaffende oder Freischaffender nicht immer auf einer freiwilligen Entscheidung, manchmal dient sie der Überbrückung: Ziel bleibt eine Festanstellung. Und dann gibt es jene oben aufgezählten Berufe, die ganz oder überwiegend nur freischaffend möglich sind. Andere Tätigkeiten werden fast immer im festangestellten Ensemble ausgeübt.

Hinzu kommen Gäste, die meist nicht für eine ganze Spielzeit engagiert werden, denen aber als Arbeitnehmer eine Reihe von Rechten zustehen und für die auch die Sozialversicherungspflicht gilt. Trotzdem bedarf diese Arbeitnehmereigenschaft der Einzelfallprüfung. Ob nun die eine oder andere Beschäftigungsart zu bevorzugen ist, lässt sich nicht pauschal sagen.

Abhängige Beschäftigung bedeutet mehr Sicherheit für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Im Fall von Arbeitslosigkeit erhalten sie Arbeitslosengeld. In Krisenzeiten können die Unternehmen für ihre Beschäftigten Kurzarbeit beantragen und so Entlassungen vermeiden. Solche Sicherheit muss allerdings mit Weisungsgebundenheit erkauft werden. Zwar mühen sich auch viele Theater um flache Hierarchien und Einbindung der Beschäftigten in Entscheidungen, gleichwohl bleibt es beim klassische Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis. Betriebs- oder Personalräte spielen wie die Künstlergewerkschaften eine wichtige Funktion in der Vertretung der Arbeitnehmerinteressen.

Keine einfachen Antworten

Selbstständige Arbeit, deren Anteil im Kultursektor das Institut der Deutschen Wirtschaft mit 34 Prozent beziffert, bedeutet oft Unsicherheit hinsichtlich der künftigen Auftragslage. Die Einkommen schwanken stark und Planungen unterliegen vielen Unsicherheitsfaktoren. Selbständige Arbeit bedeutet grundsätzlich unternehmerische Freiheit. Stichworte: Unabhängigkeit, Eigenverantwortung, Flexibilität, Selbstverwirklichung, dynamische Arbeitsprozesse. Wer freiberuflich selbstständig ist und meist mit Werkverträgen arbeitet, muss sich nur eingeschränkt in einen Betrieb eingliedern. Die Corona-Krise hat im Übrigen unter anderem auch deutlich werden lassen, wie rasch eine gesicherte selbstständige Existenz ins Wanken geraten kann – fest eingeplante Einnahmen brechen komplett weg. Staatliche Unterstützungsprogramme wurden zu oft als wenig wertschätzend und nicht ausreichend empfunden. Leistungen für Freiberufler und Solo-Selbständige waren nicht auf den Kulturbereich zugeschnitten. Zusatzprogramme einiger Bundesländer konnten die Defizite nicht immer abdecken. Unterstützung, die vom Wohnort abhing, stärkte das politische Vertrauen auch nicht gerade.

Nicht nur in der Krise, sondern ganz generell gilt auch für Selbständige: Je mehr sich zusammenfinden, desto mehr können sie erreichen und schlagkräftiger sind sie. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse beruflicher Einzelkämpfer, die ganz oder weit überwiegend und oft mehr schlecht als recht von der Verwertung ihrer eigenen Arbeitskraft leben, ähneln denen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bei Licht betrachtet viel mehr als denen „richtiger“ Unternehmer. Und: Der wiederholte Wechsel zwischen Arbeitnehmer- und Selbstständigenstatus ist längst keine Ausnahme mehr. In jedem Fall ist die GDBA für ihre freischaffenden Mitglieder auch Interessenvertretung und Lobbygruppe. Auf die Rechtsberatung der GDBA zurückgreifen zu können, war für viele während der Corona-Krise sehr hilfreich.

Trotzdem bleibt das Kerngeschäft der Gewerkschaften, auch der GDBA, der Abschluss von Tarifverträgen – und die beziehen sich zunächst auf Festangestellte nach NV Bühne. 2017 konnten die Künstlergewerkschaften auch Mindestgagen zunächst für Gast-Solisten durchsetzen, zwei Jahre später auch für Gäste im Opernchor und in der Tanzgruppe. Gäste zunehmend auch in Tarifverträge einzubeziehen, ist dringend geboten: In den letzten zwanzig Jahren hat deren Zahl erheblich zugenommen, von ca. 8.500 auf zuletzt über 32.000. Jüngst ist das auch bei den coronabedingten Kurzarbeits-Tarifverträgen wieder gelungen.

In der Krise kommt es auf die Gemeinschaft an

Rein rechnerisch lag der Durchschnitt der Einkommen freischaffend Tätiger im Bereich darstellende Kunst nach Angaben der Künstlersozialkasse für 2019 bei jährlich etwa 20.000 Euro, bei Sängerinnen und Sängern weniger. Ab Mitte März dieses Jahres sank diese Zahl infolge geschlossener Theater sowie nicht realisierter Verträge auf Null. Die GDBA hat – über die sofort eingeleitete Notfall-Hilfe hinaus – in dieser Situation mit Medienauftritten und Pressemitteilungen versucht, den Betroffenen zu einer Stimme zu verhelfen. Welche mittel- und langfristigen Folgen die Pandemie auf private Theater sowie freie Gruppen – und damit auch auf Beschäftigungsmöglichkeiten – haben könnte, bleibt zwar Spekulation. Aber andere als negative Szenarien gibt es kaum: Welche Häuser haben den Lockdown finanziell überstanden, können sie wieder spielen und werden sie vom Publikum angenommen? Die GDBA spielt für diese Gruppen gerade jetzt eine wichtige Rolle: Für angestellte Freischaffende können Tarifverträge abgeschlossen werden. Entsprechende Forderungen gegenüber dem Bühnenverein bestehen seit längerem – siehe die Mindestbedingungen für Gastverträge. Für selbständige Freischaffende muss zukünftig die Vereinbarung von Mindestregelungen in den Fokus rücken. Und es wird vor allem auch darum gehen, die Fortsetzung der Unterstützungsprogramme wo immer möglich einzufordern. Gleichzeitig müssen sie kurzfristig an die jeweilige Infektionslage angepasst und zielgenau sein. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) will mit 150 Millionen aus dem Konjunkturprogramm „vor allem die vielen kleineren und mittleren, privatwirtschaftlich finanzierten Kulturstätten und –projekte darin unterstützen, ihre künstlerische Arbeit wiederaufzunehmen und neue Aufträge an freiberuflich Tätige und Soloselbständige zu vergeben.“

Aufeinander angewiesen

Alle kurzfristigen Unterstützungsmaßnahmen bleiben aber schlussendlich problematisch, weil niemand weiß, was auf die jetzt hoffentlich kompensierten ausgefallenen Produktionen folgt. Unabhängig davon ob es um Festangestellte, Gäste mit Arbeitnehmerstatus oder Solo-Selbständige geht: Ohne kulturelle Infrastruktur – sei sie staatlicher oder privater Natur – wird es künftig keine Arbeitsmöglichkeiten für alle diese Gruppen geben. Auch hier ist wiederum die sich als Gewerkschaft manifestierende Solidarität gefragt. Aufs Neue wird deutlich, wie sehr die Angehörigen verschiedener Beschäftigungsformen aufeinander angewiesen sind. Bei Demonstrationen unter Beteiligung der GDBA in Wiesbaden, Mannheim und Berlin für die Belange freischaffender Künstlerinnen und Künstler sowie freier Gruppen hat sich diese Gemeinsamkeit jüngst wieder gezeigt: Es waren längst nicht nur Freiberufler, die auf die Straße gingen. Festengagierte sowie Kolleginnen und Kollegen mit Gastverträgen unterstützten sie.

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