Jörg Rowohlt Geschrieben am 30 August, 2019

Kolumne August/September 2019

SCHWIERIGE VERHANDLUNGEN

Manteltariferfolge

Die Manteltarifverhandlungen zwischen GDBA und VdO einerseits und Bühnenverein andererseits haben sich über nahezu zwei Jahre hingezogen. Am Ende stehen gleich eine ganze Reihe von großen Erfolgen der Künstlergewerkschaften, viele Forderungen des GDBA-Genossenschaftstages 2017 wurden durchgesetzt und im NV Bühne festgeschrieben. Worum es dabei im Einzelnen geht, beleuchtet dieser Text:

PROBENFREI NACH DER PREMIERE
Premieren gehören zum Anstrengendsten überhaupt am Theater, alles ist neu und im Wortsinne noch nicht eingespielt. Davon wissen alle Beteiligten zu berichten. Bisher kam es nicht selten vor, dass der Tag nach einer Premiere schon wieder für Proben verplant war – damit ist jetzt Schluss: Nach der neuen Regelung, die bereits zur neuen Spielzeit in Kraft getreten ist, müssen alle an der Premiere unmittelbar Beteiligten aus Solo, Chor und Tanzgruppe am nächsten Werktag nach der Premiere nur noch an Vorstellungen mitwirken. Damit sind Proben oder auch Regiesitzungen an diesen Tagen endlich vom Tisch.

ZUSÄTZLICHE FREIE TAGE UND KEINE ERREICHBARKEITSPFLICHT
Alle Solist*innen erhalten einen ganzen freien Tag wöchentlich plus einen halben freien Tage je Woche – bisher bestand lediglich ein Rechtsanspruch auf einen freien Tag wöchentlich. 26 der halben freien Tage müssen innerhalb von 26 Wochen der Spielzeit gewährt werden, die restlichen halben freien Tage in den restlichen Wochen der Spielzeit. Acht Sonntage in der Spielzeit müssen wie zuvor arbeitsfrei gehalten werden. Ungestörter Freizeit kommt auch entgegen, dass endlich im NV Bühne klargestellt wurde, dass freie Tage auch wirklich frei sein müssen, also keine Erreichbarkeitspflicht besteht. Bisher war es leider so, dass dieser für unsere Mitglieder ganz erheblich bedeutsame Umstand oftmals – in Unkenntnis oder mit Unwillen – von Theaterleitungen ignoriert wurde und nicht von ungefähr der Eindruck der permanenten Erreichbarkeitspflicht entstand.

TARIFFLUCHT IM TANZ EINGEDÄMMT
Es konnte nun endlich erreicht werden, dass ab dieser Spielzeit eine umfangreiche Harmonisierung der Arbeitsbedingungen von Solo- und Gruppentänzer*innen gilt. Dies betrifft vor allem die Regelungen zu Probenzeiten und zu einem verpflichtenden Training. Hier gab es bisher große Unterschiede, da für Solistinnen und Solisten bisher nicht die tariflichen Bestimmungen der Sonderregelung Tanz gelten.
Die Tarifflucht im Tanz ist damit allerdings noch nicht beendet: Solotänzerinnen und Solotänzer verdienen im Schnitt monatlich 500 Euro weniger als die Kolleginnen und Kollegen auf Gruppenverträgen. Seit Jahren wird darauf verwiesen, dass traditionelle Hierarchien nicht mehr existieren und jede Tänzerin und jeder Tänzer künstlerisch individuell und solistisch tätig sei. Was künstlerisch nachvollziehbar sein mag, ist aber bei gleichzeitiger Absenkung der Gagen heuchlerisch. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass ein zeitgenössischer Tanzsolist weniger leistet und schlechter bezahlt werden sollte. Ein empörender Zustand – hier bleibt Handlungsbedarf.

TRANSITION-REGELUNGEN IM NV BÜHNE
Ebenfalls im Tanzbereich gibt es einen weiteren Durchbruch: Zum ersten Mal konnten Transition-Regelungen im NV Bühne verankert und der berufliche Übergang nach der Tanzkarriere gestärkt werden. So können beispielsweise während der „aktiven“ Zeit erworbene freie Tage für berufliche Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen genutzt werden. Für jedes Beschäftigungsjahr gibt es dazu drei bezahlte freie Tage.

GÜNSTIGERE ABFINDUNGSVORAUSSETZUNGEN
Wenn Ballett- oder Tanzdirektor an einem Haus wechseln, erhalten deswegen nicht verlängerte Tänzerinnen und Tänzer eine Abfindung – nach bisheriger Regelung war allerdings Voraussetzung, dass zwei Drittel der Compagnie ausgetauscht wurden. Künftig wird ein Abfindungsanspruch schon ab einem Drittel erworben.

NICHTVERLÄNGERUNGSSCHUTZ FÜR OBLEUTE
Auch gibt es ab sofort einen Nichtverlängerungsschutz für Obleute und deren Stellvertreter aus den gewählten GDBA- Lokalverbänden bzw. ihren Pendants der VdO, den Ortsdelegierten. Damit werden diese Funktionsträger vor Benachteiligungen geschützt, weil sie sich zum Beispiel für Kolleginnen und Kollegen einsetzen. Während ihrer Amtszeit sind beendende Nichtverlängerungsmitteilungen ausgeschlossen.

HÄUFIGERE FREISTELLUNG FÜR GEWERKSCHAFTSTAGUNGEN
Aus der Politik und von Arbeitgebern ist immer wieder zu hören, Gewerkschaften müssten gestärkt werden. Damit das nicht nur schöne Worte bleiben, haben Funktionsträger von GDBA und VdO künftig Anspruch auf bezahlte Freistellung an acht Tagen im Jahr, um an Gewerkschaftstagungen teilzunehmen (bisher waren das sechs).

MINDESTGAGE FÜR GÄSTE IM OPERNCHOR UND IN DER TANZGRUPPE
Erfolgreich konnte ebenfalls eine tarifliche Mindestgage für Gäste im Opernchor und in der Tanzgruppe verhandelt werden. Gezahlt wird jetzt mindestens das anderthalbfache der Tagesgage, die an dem jeweiligen Haus für die festangestellten Opernchor- bzw. Tanzgruppenmitglieder üblich ist. Damit wird ein Erfolg weiter fortgeschrieben, den die Künstlergewerkschaften schon vor zwei Jahren erzielt hatten. Damals konnte eine Gast-Mindestgage für Solisten vereinbart werden.

PLANBARKEIT VON FREIZEIT
Die bessere Vereinbarkeit zum Beispiel von Familie und Beruf und die Planbarkeit von Freizeit sind immer wieder erhobene Forderungen: Ihnen dient eine tarifvertragliche Festschreibung für Chor und Tanzgruppe, nach der seitens des Theaters freie (und halbe freie) Tage sechs Wochen im Voraus geplant und mitgeteilt werden müssen; mindestens 16mal pro Spielzeit sind grundsätzlich 1 ½ Tage Freizeit zusammenhängend zu geben. Davon kann nur, so der Text des Tarifvertrags, aus „unvorhersehbaren erheblichen betrieblichen Gründen“ abgewichen werden.

VERGÜTUNGSERHÖHUNG AUCH BEI NEUENGAGEMENT
Bisher war es bei Neuengagements im Bereich Solo und Bühnentechnik möglich und oftmals gerne genutzt, für die ersten zwölf Monate tarifliche Vergütungserhöhungen auszuschließen – diese Regelung gibt es künftig nicht mehr. Der Arbeitgeber muss in jedem Fall tarifliche Erhöhungen zahlen. Die Ausschlussklausel war für künstlerisch Beschäftigte, die schon vorher an einem anderen Theater gearbeitet hatten, schlicht ungerecht. Für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger bedeutete sie aber, dass die ohnehin niedrige Anfangsgage erst mal zwei Jahre in Stein gemeißelt war.
Außerdem: Maßgebend für die Jubiläumszuwendungen ist künftig nicht mehr allein die Tätigkeit an einem Theater – sondern ebenfalls alle Engagements an Häusern, die dem Bühnenverein angehören.

SOLO- UND BÜHNENTECHNIKERVORSTÄNDE
Die Rechtsverhältnisse der bisherigen Spartensprecher waren nicht klar geregelt, die oftmals gewählten Ensemblesprecher gab es im NV Bühne gar nicht. An deren Stelle treten jetzt die im NV Bühne verankerten Solo- und Bühnentechnikervorstände, die aus zwei und ab 24 wahlberechtigten Mitgliedern aus drei Personen bestehen. Im Solo-Bereich besteht die Möglichkeit für die dortigen Mitglieder, für künstlerische Sparten jeweils eigene Vorstände statt eines Gesamtvorstandes zu bilden. Die Wahlvorschriften werden sich an die Bestimmungen für den Opernchor-/Tanzgruppenvorstand anlehnen. Jedem Solovorstand steht zur Entlastung für ein Vorstandsmitglied ein halber freier Tag – also beispielsweise eine Probenbefreiung – pro Monat zu. Die neuen Solo-/BT-Vorstände können Bedenken gegen Spielplan- und Probeneinteilungen geltend machen. Wenn das Theater Ruhezeiten (im Rahmen des Erlaubten) verkürzen möchte, müssen die Sprecher ebenfalls gehört werden.

Natürlich kann dieser Text nur zusammenfassen und komplexe tarifvertragliche Regelungen in hoffentlich verständliche Formulierungen bringen. GDBA-Mitglieder finden den aktualisierten Text des kompletten NV Bühne demnächst im Mitgliederbereich unserer Internetseite.
In Zweifelsfällen steht die GDBA-Rechtsberatung zur Verfügung.

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