Jörg Rowohlt Geschrieben am 31 August, 2018

Kolumne August/September 2018

VIELFALT UND KULTUR

Grenzenloses Theater

Die GDBA hat einen hohen Anteil an Mitgliedern mit ausländischen Wurzeln – was sich schon aus der am Theater seit jeher üblichen Multinationalität ergibt. Das Plädoyer für einen integrativen Ansatz liegt Theaterschaffenden sozusagen in den Genen. Allerdings: Während es auf der einen Seite positive multikulturelle Beispiele gibt, drohen anderseits auch Gefahren. Die Liberalität der bundesdeutschen Gesellschaft – Grundlage auch der Kunstfreiheit – könnte austrocknen.

Das Theater ist Spiegel und zugleich Vorreiter der Gesellschaft. Insofern ist klar, dass die Migrationsbewegungen der letzten Jahre ebenso wie das immer engere Zusammenwachsen der Welt sich auch auf den Bühnen spiegeln: Theater wird vielfältiger. Nicht nur auf der Bühne, auch im Publikum finden sich mehr und mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln – aber längst nicht genug. Die Bertelsmann-Stiftung hat jetzt in Kooperation mit der deutschen UNESCO-Kommission eine Studie unter dem Titel „Kunst in der Einwanderungsgesellschaft“ herausgegeben. Die Studie untersucht anhand von zwölf Fallbeispielen die Rolle der Künste für das Zusammenleben in Vielfalt. Darin wird unter anderem gefordert, die interkulturellen Angebote der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen weiter zu stärken und zu verstetigen. Zwar zielten zum Beispiel die Theater auf sehr breite Bevölkerungskreise, seien aber meist doch eher mit der Mehrheitsgesellschaft verbunden – will sagen: der durchschnittliche Mensch mit ausländischen Wurzeln wird oft nicht erreicht.

TEILHABE VON MIGRANTEN STÄRKEN

Zusätzliche Förderung, so die Bertelsmann-Stiftung, könne kulturelle Vielfalt hingegen erheblich verstärken. Dazu gehöre auch mehr künstlerische Selbstorganisation und -kompetenz auf Seiten der Akteure mit ausländischen Wurzeln. Dass die kulturelle Teilhabe von Migranten gestärkt werden soll, sollte zwar Allgemeingut sein. Aber bisher, so sagt es zugespitzt der Regisseur Ersan Mondtag, der unter anderem am Thalia Theater Hamburg, am Schauspiel Frankfurt, an den Münchner Kammerspielen und am Maxim Gorki Theater Berlin arbeitet, sei eigentlich nur Letzteres ein wirklich multikulturelles Theater – im Sinne der Unabhängigkeit der Besetzung einer Rolle von Geschlecht und Herkunft.

Wie sich das ändern ließe, dafür liefert die Studie ein schönes, an der Komischen Oper in Berlin angesiedeltes Beispiel. Mit ihrem Konzept „Selam Opera“ will das Haus Oper in die Stadtteile der Hauptstadt bringen – zu Menschen, die von sich aus nicht mit dieser Kunstsparte in Berührung kämen. Zugleich gibt es, im Namen schimmert es durch, einen interkulturellen Schwerpunkt. Gerade das Musiktheater bietet sich als Brücke zwischen Kulturen an. Aus dem Türkischen übersetzt bedeutet das Motto „Hallo Oper“. Projektleiter Mustafa Akça erklärt, Oper, Operette und Musical seien in ihren Inhalten wie in ihren Sprachen per se international. Die Akteure auf der Bühne und im Orchestergraben kämen aus den unterschiedlichsten Ländern; Grenzen zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft lösten sich im Moment der Aufführung auch für das Publikum auf.

Ein weiteres Beispiel ist in Trier beheimatet: Dort lernte die deutsch-chinesische Tänzerin und Choreographin Hannah Ma zwei syrische Tänzer kennen, die in einer Flüchtlingsunterkunft lebten, und startete mit ihnen ein gemeinsames Tanzprojekt. Im Anschluss entstand das abendfüllende Stück „H.E.R.O.E.S. – For just one day“. Daraus wiederum entwickelte sich das euro-arabische Tanznetzwerk „H.E.R.O.E.S.“, in dem europäische und arabische Tänzerinnen und Tänzer sich austauschen und miteinander arbeiten können.

Hannah Ma will das Verständnis für andere Kulturen vertiefen und verbessern. Unterschiedliche Tanzkulturen sollen miteinander in Verbindung gebracht werden und daraus Neues entstehen. Die Zusammenarbeit mit dem Theater Trier führte dazu, dass die Tänzerinnen und Tänzer neben der Produktion eigener Stücke an Produktionen des Theaters mitwirken konnten.

DAS „KLASSISCHE BILDUNGSBÜRGERTUM STIRBT AUS“?

Nicht nur in der Studie wird Handlungsbedarf konstatiert: Regisseur Ersan Mondtag ist zum Beispiel überzeugt, dass Diversität in den nächsten Jahren ohnehin an den Theatern vermehrt Einzug halten wird, weil das „klassische Bildungsbürgertum“, aus dem sich das Theaterpublikum vornehmlich rekrutiere, ohnehin aussterbe – ein kultureller Paradigmenwechsel stehe bevor. Auch wer diese These nicht teilt, wird um eine zentrale Aussage nicht herumkommen: Kulturelle Vielfalt bedeutet für die Gesellschaft einen Mehrwert und keine negative Abweichung von der Norm.
In diesem Sinne hat der Deutsche Kulturrat, dem auch die GDBA angehört, im Mai 2017 eine Initiative Kulturelle Integration gestartet und 15 Thesen vorgelegt. Darin betont die Initiative die große Bedeutung des Grundgesetzes, plädiert für Geschlechtergerechtigkeit, das Recht, seine Religion öffentlich zu zeigen und Deutsch als gemeinsame Sprache.

Sehr konkret stellen sich für künstlerisch Beschäftigte aus Nicht-EU-Ländern aufenthaltsrechtliche Fragen.
Je spaltender und unversöhnlicher die Debatten sind, die über Migration geführt werden, desto mehr wird diverses Theater erschwert – obwohl es eigentlich darauf angewiesen ist, differierende Standpunkte darzustellen.

Kunst und Politik haben sich bekanntermaßen schon immer in einem Spannungsverhältnis befunden. Neu ist gegenwärtig aber die Unverfrorenheit, mit der Politiker gegen unliebsame Künstler vorgehen und Maulkörbe verteilen möchten: Matthias Lilienthal wurde von der CSU-Fraktion im Münchener Stadtrat zunächst gedrängt, seine Intendanz der Münchener Kammerspiele nicht über 2020 hinaus zu verlängern. Begründet wurde das von den Christsozialen – vordergründig, wie Beobachter sagen – mit rückläufigen Zuschauerzahlen. Kritiker bestätigen aber, dass Lilienthal mit „klassischem Schauspiel“ nie viel anfangen konnte, auch nicht wollte. Dann aber rief Lilienthal mit seinem Theater auch noch als einer unter zahlreichen Organisationen zur „Ausgehetzt“-Demonstration am 22. Juli in München auf, die sich direkt gegen die CSU-Granden Söder, Seehofer und Do-brindt richtete und ihnen diskriminierende „Politik der Angst“ vorwarf. Lilienthal hatte sich immer als politischen Intendanten gesehen und nun warnte er vor einem „rechtsnationalen Kurs der CSU“. Das war den Münchener Christsozialen zu viel: Sie wollte Lilienthal und seinen Kammerspielen die Teilnahme an der Demonstration verbieten. Schließlich gebe es eine parteipolitische Neutralitätspflicht für städtische Einrichtungen. Widrigenfalls drohte die CSU mit „dienstrechtlichen Konsequenzen“. Nun hat die Partei zwar keine Mehrheit im Stadtrat und SPD-Oberbürgermeister Thomas Reiter (SPD), der selbst auch an der Demo mit 30.000 Menschen teilnahm, verschleppte das Verfahren.

KUNSTFREIHEIT IST NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH

Gleichwohl machen die Vorgänge in München deutlich: Die Kunstfreiheit ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sie ist Angriffen ausgesetzt – nicht nur vordergründig von Seiten der AfD, die die „Entsiffung des Kulturbetriebes“ vorantreiben möchte. Die grünen Bundestagsabgeordneten Claudia Roth und Erhard Grundl kritisierten passend dazu in einer von inzwischen 50.000 Menschen unterschriebenen „Brüsseler Erklärung“, dass rechtsnationale Regierungen in Österreich, Ungarn und Polen versuchten, die Kulturszene für ihre Zwecke einzuspannen. Auch in Deutschland versuchten Vertreter rechtsnationaler und konservativer Parteien, demokratische Werte und die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens auch durch Instrumentalisierung von Kultur und Kunst zu zerstören.

Tatsächlich ist der skandalöse Disziplinierungsversuch durch die CSU ein weiterer Beleg dafür, wie die Kommunikationsfähigkeit in der Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt: Jede oder jeder hält sich in ihrer oder seiner geschützten Blase oder hinter sorgsam kultivierten Barrikaden auf.

Am Ende könnten Orbánsche Verhältnisse stehen: In Ungarn maßregelt die nationalistische Regierung kritische Kunstschaffende, liberale Künstlerinnen und Künstler werden unverhohlen als „Geldverschwender“ verfolgt. Jüngstes Beispiel ist das Musical „Billy Elliot“, das an der Staatsoper in Budapest lief. Das Bühnenstück von Elton John und Lee Hall handelt vom schwierigen Schicksal eines Jungen aus armen Verhältnissen in Großbritannien vor dem Hintergrund eines Bergarbeiterstreiks. Homosexualität spielt dabei eine Rolle. Nach einer homophoben Kampagne in der regierungsnahen Tageszeitung „Magyar Id?k“ hat die Oper 15 Vorstellungen des Musicals abgesagt. Die Zeitung hatte geschrieben, dass das Stück Jugendliche zur Homosexualität verführe. Operndirektor Szilveszter Ókovács, der als Anhänger der rechtsnationalen Regierung gilt, rechtfertigte daraufhin das Stück mit dem Argument, man habe die homosexuellen Aspekte in der Inszenierung in den Hintergrund gerückt – trotzdem sei das Interesse der Zuschauer zurückgegangen, weshalb die Vorstellungen hätten abgesagt werden müssen.

MEINUNGSVIELFALT IST ERFREULICH

Gegen solche Rollback-Versuch muss eine „Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie“ stehen, so die Publizistin Caroline Emcke. In seinem soeben erschienen Buch Wie frei ist die Kunst? verortet der Autor Hanno Rauterberg Angriffe auf die Kunstfreiheit nicht mehr nur bei den üblichen Verdächtigen von Staat und Obrigkeit, der Kampf gegen Zensur habe sich inzwischen vielfach in einen Kampf für Zensur gewandelt. Immer öfter stehe eine neue Mittelklasse – so seine These – den „Kunstrechten im Zweifelsfall skeptisch“ gegenüber: „Wichtiger als der Schutz des künstlerischen Werks ist der Schutz des Publikums vor den Zumutungen des Künstlers.“ Beispiel ist die aktuelle Debatte um „kulturelle Aneignung“ und der Fall des kanadischen Regisseurs Robert Lepage, dessen jüngste Produktion den Umgang Kanadas mit seinen Ureinwohnern thematisiere und an die Sklaverei erinnern sollte. Proteste ausgerechnet der betroffenen Communitys verhinderten das Stück. Begründung: In der Produktion spielten keine oder zu wenig Schauspieler mit, die den jeweiligen Minderheiten angehören.

Der Vorwurf der Zensur ist zwar heftig und unsinnig, weil diese qua Definition nur von staatlichen Stellen ausgehen kann, aber den Anwurf der Konformitätskontrolle aufgrund falsch verstandener political Correctness wird sich auch manch Wohlmeinende(r) gefallen lassen müssen. Anderer- seits darf die Kunst eben nicht alles: Schamlose Benachteiligungen und Diskriminierungen gehören, möglichst ohne Übertreibung und Schaum vor dem Mund, auch benannt.

Es gibt ja durchaus die Möglichkeit, andere Meinungen zur Kenntnis zu nehmen und fortan zu wissen, dass es sie gibt, ohne sie vollständig oder überhaupt zu teilen. Und sogar ohne eine eigene Meinung dazu zu äußern. Viele unterschiedliche Meinungen sind nicht schlimm, sondern erfreuliche Meinungsvielfalt!

 

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