Jörg Rowohlt

Kolumne April 2021

ÖFFNUNGEN?!

Tübingen ist überall

Flächendeckende Öffnungen sind vorerst vom Tisch – Mutationen haben die Infektionen wieder stark ansteigen lassen. Trotzdem gibt es in einzelnen Kommunen und Ländern auch ermutigende Beispiele, die vielleicht zeigen könnten, was möglich ist. Auch der Blick über die Grenzen zeigt unterschiedliche Konzepte.

Ende März waren in Deutschland manche Theater tatsächlich kurzzeitig wieder geöffnet – entsprechend einer von den Ministerpräsident*innen der Bundesländer mit der Kanzlerin beschlossenen einigermaßen komplexen Regelung. Andere, wie das Staatstheater Mainz, kündigten freudig für den April Vorstellungen an – um wenige Tage später dann doch die fortdauernde Schließung mitteilen zu müssen. Zwischenzeitlich hatten sich die Inzidenzen dramatisch erhöht. Was wie ein mathematischer Wert klingt (Fälle pro 100.000 Einwohner*innen in den letzten 7 Tagen), wird auf den Intensivstationen der Krankenhäuser zu brutaler Realität: Die Belegung der Krankenhausbetten hat ein nicht gekanntes Ausmaß erreicht. In einer solchen Situation flächendeckend Gastronomie, Handel und Kultur zu öffnen, schien den Ministerpräsident*innen, die sich kurz vor Redaktionsschluss nochmals mit der Kanzlerin getroffen hatten, unrealistisch. Aber die entscheidende Frage in diesem Monat wird lauten, ob die Inzidenz-Werte künftig als alleiniges Parameter gelten können oder ob nicht andere Größen hinzutreten müssen, die solche Entscheidungen beeinflussen. Beispiel: Können Theater und Opernhäuser Publikum zulassen, wenn der R-Wert als Kennzahl für Pandemien sinkt und keine Überforderung der Krankenhäuser zu befürchten steht? Sind womöglich sogar Öffnungsschritte unabhängig vom Inzidenzwert denkbar? Idealerweise können Modellversuche hier weiterhelfen – Tübingen gilt in diesen Tagen als Vorzeigestadt. Bis Anfang April wird dort noch mehr getestet als bisher schon. Die Stadt hatte damit schon im November zunächst in Alten- und Pflegeheimen begonnen. Nun soll es parallel auch weitere Öffnungen geben. Das Land Baden-Württemberg will mit dem Modellprojekt Erfahrungen sammeln, ob ein negativer Effekt auf das Infektionsgeschehen vermieden werden kann. Handel, Außengastronomie und auch Kulturbetriebe werden geöffnet – allerdings nur für Menschen, die ein tagesaktuelles Schnelltestergebnis vorweisen können. In der Tübinger Innenstadt gibt es überall Schnellteststationen – das Ergebnis wird dokumentiert. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erhofft sich „einen Weg, den Menschen etwas mehr Normalität zu ermöglichen“. Angesichts der dritten Welle werde zwar noch einige Zeit große Vorsicht walten müssen. Ein bloßes „Weiter so“ würde die Menschen aber immer weiter strapazieren und einzelne Branchen in Existenznöte bringen. Entwickelt hatten das Konzept Oberbürgermeister Boris Palmer (ebenfalls Grüne) und seine Pandemie-Beauftragte Lisa Federle. Im Zuge des Modellprojekts hat auch das Landestheater Tübingen (LTT) den Betrieb wieder hochgefahren und bringt seither eine Premiere nach der anderen heraus. „Es funktioniert prima“, lässt sich Intendant Thorsten Weckherlin zitieren. Vor dem Theatereingang werden die knapp hundert Zuschauer getestet, im Saal – gut belüftet – wird mit Maske und auf Abstand gesessen. Das Theater sei sicher, sagt der Weckherlin. Jeden Abend begrüßt er das Publikum, immer noch ein wenig „berauscht von der Möglichkeit zu spielen“. Das Publikum sei sehr gemischt, jung wie alt. Weckherlin fragt sich, warum nicht mehr Städte solche Modellprojekte planen. „Öffnen mit Sicherheit – das ist überall möglich“.

Projekte auch in Bayern und NRW

Tatsächlich könnte das Treffen der Länderchef*innen mit der Kanzlerin von Ende März dafür eine Grundlage bieten. Im Beschluss heißt es: „Im Rahmen von zeitlich befristeten Modellprojekten können die Länder in ausgewählten Regionen, mit strengen Schutzmaßnahmen und einem Testkonzept einzelne Bereiche des öffentlichen Lebens öffnen, um die Umsetzbarkeit von Öffnungsschritten unter Nutzung eines konsequenten Testregimes zu untersuchen.“ Das schwäbische Augsburg ist angetan von der Tübinger Blaupause und dem Beschluss aus Berlin. Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) telefonierte mit dem bayerischen Gesundheitsminister. Allerdings stoppte Ministerpräsident Markus Söder (ebenfalls CSU) das Modell, bevor es begonnen hatte: Größere Städte kämen für solche Projekte nicht in Frage. Auch in München wurden, ebenso wie in Berlin, schon geplante Theateröffnungen wieder abgesagt. Im Landtag allerdings präzisierte Söder dann seine Vorstellungen. In drei, vier Modellregionen mit einem Inzidenzwert über 100 solle ab 12. April 14 Tage lang getestet werden, unter welchen Voraussetzungen Öffnungen funktionieren könnten. Projektbewerber gab es sofort: Unter anderem die Städte Mühldorf, Straubing, Rosenheim, Ingolstadt, Würzburg, Schweinfurt, Aschaffenburg – die Vielzahl der Interessenten macht deutlich, dass auch Kommunalpolitiker*innen längst vom Corona-Koller erfasst sind und genug haben von einem Lockdown nach dem anderen. Der Bürgermeister der sächsischen 4500-Einwohner-Stadt Augustusburg, Dirk Neubauer (SPD), ist vermutlich nicht allein, wenn er das Modellprojekt in seiner Kommune nahe Chemnitz als Aufstand gegen eine Obrigkeit darstellt, die in langen Nachtsitzungen ihre Autorität verspielt statt stärkt. Ab Anfang des Monats haben dort mehrere Hotels, Restaurants wieder geöffnet – obwohl die Inzidenz über 350 liegt. Mit einem negativen Schnelltest gibt es eine Art digitale Eintrittskarte.

Am anderen Ende der Republik, in Rostock, herrscht derweil noch Unsicherheit: Mit mehr Corona-Tests, einer Handy-App für Handel und Gastronomie sowie einem neuen Ampelsystem wollte der parteilose Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen Öffnungen ermöglichen und hält daran fest. Sogar ein Fußballspiel mit (wenigen) Zuschauer*innen fand statt. Und auch das Volkstheater sollte eigentlich wieder öffnen – bundesweit anziehendes Infektionsgeschehen hat das zwar erst mal unmöglich gemacht. Immerhin soll es nun einzelne Veranstaltungen als Testprojekte geben. Vielleicht könnte die Ostseestadt so doch noch zu einem weiteren Beispiel für weitere vorsichtige Öffnungen werden.
Überall im Lande entstehen solche Modellprojekte – ob daraus flächendeckende Öffnungen werden können, hat letztlich jede*r selbst in der Hand.

Auch in Nordrhein-Westfalen soll es, so kündigte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) an, „sehr schnell nach Ostern“ etwa ein halbes Dutzend Modellregionen geben. Mit lückenlosen Tests und IT-gestützten Kontaktverfolgungen sollten Erfahrungen zur Öffnung bestimmter Bereiche der Gesellschaft gesammelt werden. Welche Orte verschiedener Größenordnungen für die Projekte ausgewählt wurden, war bei Redaktionschluss noch offen. Aachen hatte bereits den Finger gehoben. Profitieren sollen davon auch die jeweiligen Theater.
Mit dem Saarland wird laut Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) nach Ostern gleich ein komplettes Bundesland weitgehende Lockerungen ermöglichen. Unter anderem sollen dann Theater, Kinos, Fitnessstudios und die Außengastronomie öffnen. Voraussetzung für Besucher*innen auch hier: ein tagesaktueller negativer Schnelltest und Kontaktnachverfolgung per App. Und: Sollte das Infektionsgeschehen anziehen, müssen die Öffnungen wieder zurückgenommen werden. Im Erfolgsfall dagegen sollen nach dem 18. April weitere Öffnungen bei Schulen oder Gastronomie folgen. Das Saarland hatte Ende März einen der niedrigsten bundesweiten Inzidenzwerte.

Der Deutsche Kulturrat hat unterdes vorsorglich Lösungen angemahnt, „wie ein wirtschaftlicher Betrieb unter den notwendigen strengen Hygienebedingungen“ möglich sein kann. Der Sprecherrat des Kulturrates hat deshalb in einer Resolution gefordert, den von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) schon vor Monaten angekündigten „Sonderfonds für Kulturveranstaltungen“ endlich auf den Weg bringen. Mit einem Wirtschaftlichkeitsbonus sollen Kulturveranstalter finanziell unterstützt werden, wenn aufgrund der Corona-Bedingungen und der vorliegenden Hygienekonzepte weniger Besucherinnen und Besucher als möglich zu den Kulturveranstaltungen zugelassen werden können. Eine Ausfallabsicherung soll greifen, wenn aufgrund der Corona-Pandemie eine geplante und angekündigte Veranstaltung ganz oder teilweise abgesagt werden muss. Ausfallkosten wie zum Beispiel Künstlerhonorare, Kosten für Dienstleister usw. sollen erstattet werden.

Österreich: steigende Zahlen und Öffnungen

Auch im Nachbarland Österreich gibt es ein ganzes Bundesland mit testweisen Öffnungen – zugleich lässt sich dort beobachten, wie rasch sich das Infektionsgeschehen und damit die für die Kulturöffnungen relevanten Inzidenzwerte ändern können. Anfang Februar wurde der bis dahin geltende Lockdown teilweise aufgehoben, weil die Zahl der Infektionen stagnierte. Unter anderem Geschäfte und Friseure, aber auch Museen, durften – zum Teil mit Testpflicht – wieder öffnen. Theater und Konzerthäuser blieben geschlossen. Allerdings stieg die landesweite Inzidenz danach wieder an und liegt Ende März bei 247. Möglich allerdings, dass der im Vergleich zu Deutschland hohe Wert erklärt werden kann, weil in Österreich prinzipiell viel mehr Tests durchgeführt werden. Hierzulande wurde lange Zeit erst beim Vorliegen von Symptomen getestet. Aber: Seit Wochen nimmt in ganz Österreich das Infektionsgeschehen wieder zu und zuletzt wurden auch wieder mehr Aufnahmen in Krankenhäusern registriert. Im Osten Österreichs mit der Hauptstadt Wien wird über schärfere Lockdown-Maßnahmen nachgedacht. Das Bundesland Vorarlberg ganz im Westen Österreichs hingegen ist seit Mitte März zu einem Testfall für Öffnungen in der Kultur geworden. Angesichts einer Inzidenz von 81 einigten sich Politiker*innen darauf, dass Theater, Kinos und Konzerthäuser Publikum zulassen können – unter strengen Vorgaben: 100 sitzende Personen maximal in Innen- sowie Außenräumen, FFP2-Masken (auch während der Veranstaltung) und ein negativer Corona-Test. Trotzdem sehen die Kulturbetriebe des kleinen Landes mit der Hauptstadt Bregenz die vorsichtigen Öffnungsschritte mehrheitlich positiv: Eilig werden nun Spielpläne für 100-Personen-Vorstellungen erstellt. Man freue sich natürlich total, sagte Stephanie Gräve vom Vorarlberger Landestheater dem Wiener Standard, es sei aber klar, dass man im Haus, das 500 Personen fasst, längst nicht alle Abonnent*innen zufriedenstellen könne: „Da müsste man die Anzahl der Vorstellung so sehr erhöhen, dass man Probleme mit dem Arbeitsrecht bekäme.“ Viele Stücke, für die seit Monaten geprobt wurde, können gar nicht aufgeführt werden oder müssen mühsam adaptiert werden: Derzeit versucht man etwa die Premiere von „Tasso“ für 100 Zuschauer*innen hinzubekommen, Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ werde ebenfalls möglich sein. Gräve hofft, dass das Experiment in Vorarlberg gutgeht und die Öffnungsschritte auch von Deutschland, der Schweiz und dem Rest Österreichs umgesetzt werden können. Dort bleiben derweil Restaurants und Bühnen weiter zu.

In der Schweiz sind alle Theater geschlossen

In der Schweiz, Inzidenzwert Ende März um die 100, wurde landesweit seit Ende Oktober zunächst auf eine Höchstbesucherzahl von 50 Personen bei Kulturveranstaltungen gesetzt, Theater und Museen konnten unter diesen Umständen offen bleiben. Allerdings gab es regional starke Unterschiede, in einigen Kantonen wurden komplette Schließungen angeordnet. Der Schweizer Bundesrat hielt lange an seiner Strategie fest, den Kantonen nicht zu stark reinzureden. Erst Anfang Januar kippte die Bundesregierung diese unterschiedlichen Regelungen. Seither unterliegt die Kultur nun überall den gleichen Vorschriften wie auch Sportanlagen und Restaurants: Schließung bis auf Weiteres. Bibliotheken und Museen sind davon seit März ausgenommen und auch Produktionen ohne Publikum (für TV-Übertragungen und Internet-Streaming) sind erlaubt. Selbstverständlich gibt es auch in der Schweiz Proteste von Künstler*innen gegen den Lockdown – bisher aber ohne Erfolg. Allerdings gibt es eine „Nothilfe für Kulturschaffende“, die maximal 196 Franken (183 Euro) pro Tag beträgt.

Anderswo ist die Situation dabei nicht weniger schwierig: Nach der Besetzung des Pariser Théâtre de l’Odéon haben französische Kulturschaffende weitere Schauspielstätten belagert, unter anderem im Ort Pau im Südwesten Frankreichs und in Straßburg. Mit ihrer Aktion fordern Schauspieler*innen, Techniker*innen und Studierende der Dramaturgie die Wiedereröffnung der Kulturstätten sowie finanzielle Hilfen.

Und in den USA haben jüngst zehn Bürgermeister*innen von Großstädten Präsident Joe Biden aufgefordert, Künstler*innen in Bundesprogrammen für Infrastruktur, Bildung und Gesundheit zu beschäftigen. Deren Arbeitslosenquote lag demnach zwischen dem Drei- bis Sechsfachen der nationalen Zahlen.

Hierzulande bleibt derweil die Zuversicht, dass die verschiedenen Modellprojekte erfolgreich abgeschlossen werden können – sprich: ohne massive zusätzliche Infektionen. Erste Zwischenzahlen aus Tübingen klingen erfreulich. Entscheidungsträger* innen sollten den Mut zu solchen regionalen Projekten auch dann haben, wenn in der Fläche Inzidenzwerte ansteigen.

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