Jörg Löwer Geschrieben am 31 Juli, 2014

Intendantenwechsel: Was Dessau und Bad Hersfeld mit Trier zu tun haben

Ludwig BarnayWenn Menschen ihren Job ohne eigenes Zutun verlieren, bedeutet das für die Betroffenen eine Zeit großer Anspannung und vieler Ängste. Für Theaterschaffende ist diese Erfahrung ständiger Begleiter. Ein Intendantenwechsel und die Nichtverlängerung aus Anlass eines Intendantenwechsels im Sinne des NV Bühne sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Am Stadttheater sorgen Intendantenwechsel regelmäßig seit Jahrzehnten immer wieder für Aufregung und große Verunsicherung, weil ein/e neue/r Intendant/in die „verfassungsrechtlich verbürgte künstlerische Gestaltungsfreiheit“ nach dem Prinzip Tabula rasa auslebt.

Die Bandbreite ist groß: Vom Intendanten, der eine lange und erfolgreiche Intendanz aus eigenen Stücken beendet und dessen Nachfolger größere Teile des Ensembles weiterbeschäftigt – wie zuletzt in Wilhelmshaven. Bis hin zu einem komplett nichtverlängerten Ensemble, das vom neuen Intendanten gleich ganz abgeschafft wird, weil er kein neues mehr einstellt – wie zuletzt in Wuppertal. In Trier sorgt gerade so ein Tabula rasa-Vorgehen für empörte Reaktionen und setzt die neue Intendanz unter Rechtfertigungsdruck in der Presse. Vor allem auch deshalb, weil es sich um Kolleginnen und Kollegen handelt, die eine lange Zeit mit großem persönlichen Einsatz um den Erhalt des Mehrspartentheaters in Trier gekämpft haben. Und die Nichtverlängerten tröstet es wenig, dass zumindest in Trier nach Aussagen der neuen Intendanz wieder ein komplettes Ensemble eingestellt werden wird – das Ende ihres Engagements sorgt für existentielle Ängste.

Auf der anderen Seite der Medaille finden wir aktuell Vorgänge wie in Dessau oder Bad Hersfeld. Nach einer langen Phase finanzieller Querelen unterschiedlicher Ursache werden die verantwortlichen Theaterleiter selbst nichtverlängert oder gleich fristlos gekündigt.

André Bücker hat in Dessau einen jahrelangen Kampf gegen die unverantwortliche Kahlschlagpolitik von Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) durchgefochten und muss sich jetzt von Oberbürgermeister Peter Kuras (FDP) anhören, dass er landespolitisch nicht mehr vermittelbar sei. Und Bücker ist nur ein Beispiel von vielen für Intendanten, die ihren Kampf ums Theater mit dem Job bezahlen – aus Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine lange Liste von Beispielen.

Auch in Bad Hersfeld steht ein FDP-Bürgermeister unter Rechtfertigungsdruck – ein Schelm wer Böses dabei denkt. Intendant Holk Freytag ist vom Magistrat der Stadt Bad Hersfeld fristlos entlassen worden, weil er bei der Vorlage des Spielplans für 2015 angeblich die von der Stadtverordnetenversammlung auferlegte Einsparsumme von 400.000 Euro missachtet habe. Er habe „seine Gesamtverantwortung nicht ausreichend wahrgenommen und gegen wesentliche vertragliche Regelungen verstoßen“. Dagegen sagte Freytag im Deutschlandradio Kultur, er habe die Stadtverordneten darauf hingewiesen, dass derlei „nicht ohne einen Qualitäts- und Quantitätsverlust“ hinzukriegen sei. Ein weiterer Vorschlag, der die komplette Sparvorgabe berücksichtigt habe, sei offenbar in der Sitzung des Magistrats nicht mehr zur Kenntnis genommen worden. Die Vorwürfe gegen ihn seien grundlos und Teil einer persönlichen Attacke des Hersfelder Bürgermeisters Thomas Fehling (FDP). Unterdessen erhält Freytag starken Zuspruch durch Protestaktionen des Ensembles – auch eine entsprechende Facebook-Seite „Solidarität für Holk Freytag“ wurde eingerichtet. Der Bürgermeister wies zynisch darauf hin, dass das Ensemble „sich mittelfristig vielleicht auch um Engagements sorgt, weil zukünftig neue künstlerische Entscheider kommen.“

Vielleicht täuscht man sich, aber der Eindruck entsteht, dass immer häufigere finanzpolitische Konflikte nicht selten zum Ende einer Intendanz führen, was wiederum zahlreiche Nichtverlängerungen aus Anlass eines Intendantenwechsels nach sich zieht. Auch wenn in Bad Hersfeld für das Ensemble kein Tarifvertrag Anwendung findet, so ist die Situation doch ähnlich gelagert. Man gewinnt den Eindruck, dass Theaterleiter/innen als Sündenböcke für eine verfehlte Kulturpolitik herhalten müssen. Unerfüllbare Forderungen nach überregionaler Bedeutung bei gleichzeitiger Kürzung der Mittel trotz steigender Personal- und Betriebskosten (Energie, Material) werden auf die Häuser abgewälzt. Wenn es dann im Gebälk der Konstruktion kracht, rollen schnell Köpfe. Man behauptet in Sonntagsreden den Wert der Kunst, der aber gefälligst nichts kosten soll.

Auf der anderen Seite müssen auch neue Theaterleitungen angehalten sein, ihren Umgang mit dem bisherigen Ensemble zu prüfen. Wer als Berufsstand Verständnis für eigene Nöte erhalten möchte, sollte genau berücksichtigen, wie er mit den Menschen umgeht, die das neu zu leitende Theater durch ihre vorangegangenen Proteste, Gehaltsverzichte oder schlechteren Produktionsbedingungen erst gerettet haben. Auf einer imaginären Linie zwischen Flexibilität und sozialer Sicherheit muss das Theater balancieren. Soziale Aspekte werden aber nicht nur auf der Bühne wichtiger und sind dort nur glaubwürdig, wenn sie auch hinter der Bühne eingehalten werden.

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