Jörg Löwer Geschrieben am 15 Juni, 2012

EuroFIA-Treffen in Istanbul

Die International Federation of Actors (FIA) ist eine internationale Nicht-Regierungs-Organisation, die Darsteller-Gewerkschaften, Innungen und Verbände aus der ganzen Welt repräsentiert. Auch die GDBA ist Mitglied dieser Organisation, da immer mehr Regelungen und Gesetze nicht mehr auf nationaler Ebene, sondern international verabschiedet werden.

Die EuroFIA-Delegierten trafen sich vom 1. – 3. Juni in Istanbul zu ihrer ersten Sitzung in 2012. Bei der Veranstaltung, deren Gastgeber freundlicherweise das türkische Mitglied der FIA ÇASOD war, trafen sich Darsteller-Gewerkschaften aus ganz Europa. Außerdem nahmen am ersten Tag auch europäische Verwertungsgesellschaften an dem Treffen teil (für Deutschland z. B. die GVL).  Die EuroFIA hatte die Verwertungsgesellschaften in dem Bemühen um die Weiterentwicklung eines fruchtbaren Dialogs zum vierten Mal in vier Jahren eingeladen. Das Treffen erlaubte es den Delegierten, sich mit allen Arten von relevanten Themen zu befassen: Privatkopie, verwaiste Werke, das Grünbuch über die Online-Distribution von audiovisuellen Werken, gesetzgeberische Initiativen im Hinblick auf die kollektive Rechtewahrnehmung, den WIPO-Vertrag für audiovisuelle Darbietungen und die Enforcement-Richtlinie (Gesetz zur besseren Durchsetzung geistigen Eigentums).

Das EuroFIA-Treffen war auch ein Anlass, sich in vielfältigen Diskussionen über die Arbeitsbedingungen europäischer Künstler/innen auszutauschen: jüngste EU-Entwicklungen wie das neue EU-Programm für die Kultur- und Kreativbranche „Kreatives Europa“ und das Grünbuch über den Online-Vertrieb audiovisueller Werke, den europäischen sozialen Dialog in den Sektoren Bühne/ Film + Fernsehen sowie Fragen der Ausbildung und des lebenslangen Lernens.

Ein weiterer Punkt auf der Tagesordnung – die öffentliche Finanzierung nationaler Theater und die Unterstützung für den Live-Performance-Sektor – führte zu einer Resolution der EuroFIA zur Unterstützung der türkischen Theaterszene, die sich in einer dramatischen Situation befindet. Nachdem die Istanbuler Stadtverwaltung entschieden hatte, die Theaterleitungen von Stadttheatern generell – ohne die Beteiligung von Theaterschaffenden – in die Verantwortung von städtischen Verwaltungsbeamten zu legen und nach den daraus resultierenden Protesten der künstlerischen Gemeinschaft, kündigte Ministerpräsident Erdogan eine möglichst vollständige Abschaffung aller öffentlichen Mittel für Staats- und Stadttheater an. Eine Resolution wurde von der EuroFIA verabschiedet, um die Unzufriedenheit über solche Bedrohungen des künstlerischen Schaffens zum Ausdruck bringen. Zudem gab das Treffen der vor kurzem gegründeten Actors Union der Türkei die Gelegenheit, offiziell die FIA-Mitgliedschaft zu beantragen.

In der allgemeinen Diskussion wurden noch einmal die Auswirkungen der Finanzkrise der öffentlichen Haushalte auf die Theater in Europa deutlich: Budget-Kürzungen von 50 % und mehr, flächendeckende Schließungen von Theatern und dramatische Arbeitslosenquoten bei Theaterschaffenden sind die Folge. Betroffen hiervon sind sowohl die öffentlich finanzierten Theater als auch die freie Szene. Als Brennpunkte dieser Kürzungen und Schließungen kristallisierten sich Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, England und Holland heraus. Bisher relativ glimpflich scheinen die Auswirkungen auf die Theater in Frankreich, Skandinavien, Österreich, Deutschland und der Schweiz zu sein, auch wenn Theaterschaffende in Deutschland sich beim Blick auf Beispiele wie in Mecklenburg-Vorpommern oder Nordrhein-Westfalen davon kaum trösten lassen dürften.

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