Jörg Löwer Geschrieben am 28 März, 2011

Erklärung des Betriebsrates des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin zur drohenden Insolvenz

Der Betriebsrat des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, Andreas Fritsch, hat sich in einer Erklärung zum Welttheatertag zu der von Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke)  erwogenen Insolvenz des Theaters geäußert. In ihrer Funktion als Vertreterin des Mehrheitsgesellschafters Stadt reagierte sie damit auf die Nachricht, dass für den neuen Wirtschaftsplan eine Million Euro fehlen. Andreas Fritsch kritisiert vor allem die Landespolitik, die die Zuschüsse an die Bühnen seit 1994 eingefroren hat und dies auch in den nächsten Jahren fortführen will.

Hier die Erklärung im Wortlaut:

Politisch verordnete Theaterinsolvenz

Angesichts der Berichterstattung in der lokalen Presse am 17. und 25. März 2011 zur Unterfinanzierung und drohenden Insolvenz des Mecklenburgischen Staatstheaters, die mit großer Sorge und Bestürzung vom Betriebsrat zur Kenntnis genommen wurde, ist aus unserer Sicht klar, dass Bildungsminister Henry Tesch auf ganzer Linie versagt hat. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses sind in Aufruhr, denn eines der bundesweit erfolgreichsten Theater droht eine Abstrafung in Form einer Insolvenz, nur weil die Landesregierung ihre Zuschüsse seit 1994 eingefroren hat.

Was Bildungsminister Henry Tesch durch die nochmals um neun Jahre gedeckelten Zuschüsse als Planungssicherheit für die Theater in M-V verkauft, bedeutet nichts anderes als Arbeitsplatzabbau im großen Stil. So müssen nach Berechnungen seines Bildungsministeriums ca. 350 Arbeitsplätze bis 2020 wegfallen, das bedeutet, ein Viertel aller derzeitigen Theatermitarbeiter im Land. Nur offiziell wird das nicht bekannt gegeben.

Eine Theaterreform, an der die Landesregierung mit vielen hochbezahlten Fachkräften über viele Jahre gefeilt hat, ist gescheitert. Milliarden werden für marode Banken aufgebracht, Ministerien lassen sich von sogenannten Investoren täuschen, um Millionenbeträge in dunkle Kanäle versickern zu lassen, Jachthafenresidenzen werden subventioniert, Flughafenbetreiber wird der Kaufpreis erlassen, aber für den soliden Wirtschaftszweig Theater, der seit Jahrzehnten in der Landeshauptstadt funktioniert und nachweislich zahlungskräftige Kundschaft ins Land holt, ist nicht ausreichend Geld da?

Die Statements des Ministerpräsidenten sind Zynismus pur

Ministerpräsident Erwin Sellering lobte erst kürzlich im Rahmen einer Festveranstaltung der Theaterfreunde die großartigen Erfolge und die besondere Ausstrahlung des Mecklenburgischen Staatstheaters und seiner Freunde auch über die Landesgrenzen hinaus. Man denke nur an die Einladung des Schweriner Schauspiels zum Berliner Theatertreffen, die einem Theater-Oskar gleichkommt. War dem MP da bewusst, dass einigen dieser Schauspieler nun die Kündigung droht? Weiß Herr Sellering nicht, was in seinem Land vorgeht? Da sind uns die Politiker in Hamburg doch um einiges voraus. Der Kulturetat wurde zukunftsweisend erhöht und künftige Tarifsteigerungen werden auch übernommen.

Landesrechnungshof liefert absurde Vorschläge

Nicht nur die Landesregierung macht sich lächerlich in der gesamten Republik. Auch der Landesrechnungshof kommt mit so absurden Ideen, wie das Rostocker Volkstheater, dessen Großes Haus derzeit geschlossen ist, mit Schwerin fusionieren zu lassen. Eine nachweislich gute, gewachsene Struktur wie in Schwerin soll mit einem Haus in einer 100 Kilometer entfernten Stadt zusammenkommen, die ihr Theater über Jahre hinweg bereits zugrunde gerichtet hat? Mit solch Vorschlägen von Menschen, die von Theaterarbeit keine Ahnung haben, kann man sich nur lächerlich machen.

Ein Gespenst geht um in M-V

Eine Kündigungswelle wird unaufhaltsam und fast unbemerkt von Bürgerschaften und Stadtvertretungen durch die Theater gehen. Leiden werden in erster Linie die Menschen, die in die Arbeitslosigkeit gehen. Von einer lebendigen Theaterkultur in M-V, einem Land, das sich den Tourismus und die Kultur als eines ihrer wichtigsten Güter auf die Fahnen schreibt, wird man bald nicht mehr reden.

Schwerin 27. März 2011

Andreas Fritsch
Betriebsratsvorsitzender
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin gGmbH
Kontakt: andreas.fritsch@theater-schwerin.de

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