Jörg Löwer Geschrieben am 11 November, 2010

Drohende Spartenschließung am Theater Bonn: das nächste Wuppertal?

Ludwig BarnayDie Verwaltung der Stadt Bonn (Motto der Website: „Freude. Joy. Joie. Bonn“) hat eine Liste mit Streichzielen vorgelegt, um einen Nothaushalt zu verhindern, durch den die Stadt die kommunale Finanzhoheit an die Bezirksregierung abtreten müsste. Nachdem im Vorfeld geplante Kürzungen des Theateretats von bis zu 7 Millionen Euro durchgesickert waren, wurde dies auf der gestrigen Pressekonferenz als Missverständnis deklariert und eine Sparsumme für das Theater Bonn ab 2013 von 3,5 Millionen Euro genannt. Der fassungslos machende Kommentar von Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch zu den geplanten Sparauflagen für den Generalintendanten Klaus Weise oder seine/n Nachfolger/in (der aktuelle Intendantenvertrag läuft noch bis 2013):

„Es ist seine Aufgabe, damit umzugehen. Wir als Verwaltungsvorstand beteiligen uns nicht an Schließungsdebatten.“

Eine Aussage, die weder Interesse am Theater, Fürsorge für das Theater oder Kenntnis der Theaterstrukturen zeigt. Eine solche Summe führt zwangsläufig zu Schließungen – wahrscheinlich der des Schauspiels, wie man hier auf der Protestseite des Internetauftritts des Theaters lesen kann. Dieses Theater hat, wie dort ebenfalls zu erfahren ist, in den letzten 10 Jahren bereits 14 Millionen Euro pro Jahr und 200 Mitarbeiter/innen eingespart. Und jetzt will die Stadt Bonn, deren Bevölkerung gegen den Trend wächst und die Standort mehrerer Großunternehmen (Deutsche Post AG, Telekom, Postbank) und Organisationen der Vereinten Nationen ist, weiter mit dem Sparhammer schwingen.

Hat keiner der Verantwortlichen von Kultur und Theater als Standortvorteil gehört? Wie will man noch darbende Städte wie Wuppertal (hier, hier, hier und hier im Blog) oder Halle (hier, hier und hier im Blog) kritisieren, wenn auch wachsende „Boomgemeinden“ wie Hamburg (hier, hier, hier und hier im Blog) und jetzt Bonn ihre Kultureinrichtungen zerstören?

In Kürze sollen die Bürger beteiligt werden. Es wird eine Internetseite mit Namen „Bonn packts an“ eingerichtet, auf der sie angeben können, wo zuerst der Rotstift angesetzt werden soll. Angeblich wird das Schauspiel mit 7 Millionen Euro gelistet, die Oper mit 12 Millionen. Ähnliches hatte Solingen praktiziert (hier wurde im Blog darüber berichtet), allerdings mit dem Unterschied, dass vor der Bürgerbeteiligung Empfehlungen der Stadtverwaltung ausgesprochen wurden. Dies will man sich in Bonn nun schenken. Orientierungs- und Verantwortungslosigkeit als Prinzip. Man kann sich nur einmal mehr über die ausschließliche Sicht auf die Theater als Finanzproblem ärgern.

Berichte und Reaktionen lassen sich nachlesen: hier in der Pressemeldung des Deutschen Bühnenvereins, hier auf WELT ONLINE, hier im General-Anzeiger, hier in der Frankfurter Rundschau und hier auf RP ONLINE. Außerdem hier ein Kommentar von Ralf Johnen im Kölner Stadtanzeiger, hier ein Kommentar von Stefan Keim im WDR und hier ein Interview mit Klaus Weise auf Deutschlandradio Kultur.

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