Jörg Löwer Geschrieben am 7 März, 2012

Der Standard IDW S6 oder warum Theaterschaffende Mecklenburg-Vorpommern meiden sollten

Der Schweriner Generalintendant Joachim Kümmritz hat auf einer Belegschaftsversammlung am Dienstag einen Sanierungsplan des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Wikom für das  finanziell angeschlagene Mecklenburgische Staatstheater Schwerin vorgestellt. Zum ersten Mal ist laut Kümmritz in Deutschland ein Sanierungskonzept für ein Theater nach dem Standard IDW S6 des Instituts der Deutschen Wirtschaftsprüfer angefertigt worden. Der Standard sei vom Landesrechnungshof vorgegeben worden und gelte nach seiner Ansicht für Wirtschaftsbetriebe.

Der Sanierungsplan muss am 26. März in der Stadtvertretersitzung in Schwerin beschlossen werden und sieht folgende Maßnahmen vor:

  • bis 2016 sollen acht Millionen Euro eingespart werden;
  • neun offene Stellen sollen bereits in diesem Jahr nicht mehr besetzt werden;
  • Streichung bei Schauspiel, Chor, Orchester, Ballett, Technik, Beleuchtung und Kasse  von 70 der derzeit verbliebenen 320 Stellen bis 2016 (einstmals waren es 600);
  • Einsparungen bei den Sachkosten (so soll es nur noch Minimal-Bühnenbilder geben), die allerdings laut Kümmritz nur 15 Prozent des Haushaltes ausmachen;
  • Schließung  der niederdeutschen Fritz- Reuter-Bühne und des Puppenspiels;
  • für anstehende Abfindungen und mögliche Klagen vor Gericht stellt das Land Mecklenburg-Vorpommern zusätzlich sieben Millionen Euro (!!!!!!!!!!!)  zur Verfügung.

Das Mecklenburgische Staatstheater hatte in der Spielzeit 2010/2011 fast 200.000 Besucher und war damit das Haus mit den meisten Zuschauern in Mecklenburg-Vorpommern. In diesem Zusammenhang muss es als skandalös bezeichnet werden, dass Kultusminister Mathias Brodkorb in einem Interview auf Deutschlandradio Kultur der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern unterstellt, „dass man sich nicht für Kunst und Kultur interessiert“.

Joachim Kümmritz wird in der Presse mit folgenden Aussagen zitiert:

„Es bleibt von dem wunderschönen Staatstheater nicht all zu viel übrig.“ (…) Die Stadtvertreter müssen entscheiden, was für ein Theater sie wollen.“

und auf die Frage des Hamburger Abendblatts, was in zehn Jahren sein wird:

„Ick schwöre Ihnen, dann steht hier noch ein Theater. Die Alternativen wären Bordell oder Spielhalle.“

Fragt sich nur, ob dieses Theater dann noch Menschen beschäftigt oder eine leere Hülle sein wird, die man als Veranstaltungsstätte an Beratungsunternehmen für externe Mitarbeiterschulungen vermietet.

Angesichts dieser aktuellen Entwicklung und der Gesamtsituation in Mecklenburg-Vorpommern (mehr hier, hier, hier, hier und hier im Blog) kann man Theaterschaffenden nur raten, dieses Bundesland zukünftig zu meiden, wenn sie eine berufliche Veränderung planen.

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