Jörg Löwer Geschrieben am 19 Dezember, 2011

Demonstration für den Erhalt der Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern

Am vergangenen Freitag haben in Schwerin rund 500 Theaterschaffende und -freunde aus ganz Mecklenburg-Vorpommern gegen den Sparkurs an den Theatern im Land demonstriert. Unterstützung fanden sie von KollegInnen aus Lübeck und Hamburg, die in Bussen angereist waren. Der Landesregierung wurde in zahlreichen Reden – unterstützt durch Trillerpfeifen, Gesang und Transparente – vorgeworfen, dass sie weitere massive Einschnitte fordert, obwohl die Theater in der Vergangenheit bereits hunderte Stellen abgebaut haben und Orchester geschlossen wurden.

Die Volksinitiative „Für den Erhalt der Theater- und Orchesterstrukturen in Mecklenburg-Vorpommern“ (wir berichteten hier) hat bereits 30.000 Unterschriften für den Erhalt der Theater und Orchester gesammelt. Jetzt muss sich der Landtag erneut mit der Theaterfinanzierung beschäftigen. Zwischenzeitlich ist ein Beschluss des Aufsichtsrates des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin bekannt geworden, der u.a. die Schließung der Fritz-Reuter-Bühne (einziges professionelles Platt-Theater in Mecklenburg-Vorpommern), die Verkleinerung der Mecklenburgischen Staatskapelle von 67 auf 55 Musiker und eine Herabstufung des Orchesters sowie des Opernchores von der besser bezahlten Kategorie A in Kategorie B vorsieht. Für alle MitarbeiterInnen sollen außerdem Haustarifverträge unter dem heutigen Niveau abgeschlossen werden.

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) verteidigte die Sparpläne mit dem Verweis, dass man jetzt endlich langfristig finanzierbare Theaterstrukturen schaffen wolle. Zusätzliches Geld des Landes sei nicht vorgesehen. Die Demonstranten reagierten auf seine Aussagen mit lautstarken Zwischenrufen und Pfiffen – schließlich wird seit Jahren mit ähnlichen Argumenten die Theaterlandschaft beschädigt.

Als Vertreter der GDBA habe ich bei der Veranstaltung folgende Rede gehalten:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freunde des Theaters,

was für ein Selbstbild hat Mecklenburg-Vorpommern in Sachen Kultur?

Ich habe dazu im Internet das Portal der Landesregierung befragt, wo folgendes steht:

„Rot wie der Backstein der gotischen Kirchen. Gelb, grün und blau wie die Farben in Werken der bildenden Kunst. Schillernd wie die Theaterszene: Die vielfältigen Angebote aus Kunst und Kultur lassen in Mecklenburg-Vorpommern ein farbenprächtiges Mosaik entstehen.

Die bunten Teile des Mosaiks machen ein gutes Stück der Lebensqualität unseres Landes aus. Theateraufführungen und Konzerte, Ausstellungen und Vorträge bereichern die Freizeit der Einwohner und locken kulturinteressierte Urlauber nach Mecklenburg-Vorpommern. Veranstaltungen wie die sommerlichen Musikfestspiele, die Schlossfestspiele Schwerin oder die Störtebeker-Festspiele auf der Insel Rügen sind längst zu Standortfaktoren des Tourismus geworden. Das Gleiche gilt für die Theater, die mit der Qualität ihrer Aufführungen überzeugen. (…)

Wenn sich in Mecklenburg-Vorpommern der Vorhang hebt, steht Vielfalt auf dem Spielplan.“

Sehr schön, aber zur Zeit klingt diese Beschreibung wie der blanke Hohn.

Wenn die Politik in Mecklenburg-Vorpommern den eingeschlagenen Weg weiter verfolgt, wird das Bild in einigen Jahren ein anderes sein und der Text müsste dringend überarbeitet werden:

Die Theater werden allenfalls noch Bespieltheater sein, in denen beispielsweise Musiktheater nur noch aus Musical-Tourneen besteht, wo die Musik vom Band eingespielt wird und ausgebeutete Darsteller als Scheinselbständige ohne soziale Absicherung bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Berufsunfällen aus dem Bus heraus- und wieder reinspringen.
Es wird keine Ensembles mehr geben, die für einen abwechslungsreichen Spielplan sorgen, sich in die Region einbringen und hier ihre Steuern und Mieten zahlen, sondern ästhetisch gleichgeschaltetes Allerweltsangebot von Durchreisenden, die das Steuersäckel der Metropolen füllen, in denen sie wohnen.

Ist das Schwarzmalerei?

Ich meine nein. Das Spiel wiederholt sich doch regelmäßig.

Mit dem Totschlagargument „zu hohe Personalkosten“ wird den Theatern vorgeworfen, dass sie sich notwendigen Strukturveränderungen verweigern. Und schon hat die Politik den „Schwarzen Peter“ für eigene Versäumnisse an die Betroffenen weitergereicht.

Solche Strukturdebatten werden geführt, um zu verschleiern, dass es in Wahrheit darum geht, Geld zu sparen, weil man Kultur und Künstler nur noch als Finanzproblem sieht.

Dabei ist Theater gerade in Krisenzeiten ein Baustein für den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft und die ästhetische Bildung von Kindern und Jugendlichen. Dies sollte in einem Bundesland, das ein immenses Problem mit rechtsradikaler Gesinnung hat, eine entscheidende Bedeutung haben.

Die GDBA fordert den Ministerpräsidenten auf, sein Wahlversprechen einzuhalten und Kultur zur Chefsache zu machen.

Kämpfen wir alle gemeinsam dafür, dass die lokalen Ensembletheater vor Ort erhalten bleiben und ihren Beitrag für ein lebens- und liebenswertes Mecklenburg-Vorpommern leisten.

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