Jörg Löwer Geschrieben am 15 September, 2016

Claus Peymann – Naiv und vergesslich?

Noch ein tumultöser Leitungswechsel in Berlin zeitigt Folgen: Dass Claus Peymann (79) das Berliner Ensemble (BE) 2017 an Oliver Reese, der aus Frankfurt kommt, übergeben muss, hat ohnehin bereits für anhaltenden Theaterkrach in der Hauptstadt gesorgt. Am 14. September hat Peymann in einer Pressekonferenz nun auch noch behauptet, der ungeliebte Nachfolger werde sämtliche Künstlerinnen und Künstler des Ensembles nicht übernehmen, die allerdings ohnehin nur mit befristeten Verträgen angestellt sind. Ein gesamtes Ensemble werde vernichtet, „ausgelöscht wie der Palast der Republik“. Es fiel der Begriff „beispiellos“.

Von den rund 80 künstlerischen Verträgen am Haus (die auch Assistenten und Dramaturgen einschließen) wolle Reese nur zehn fortführen. Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller (SPD) und sein Staatssekretär Tim Renner müssten unverzüglich handeln: „Schauen Sie sich den Trümmerhaufen an, den Sie angerichtet haben!“

Peymann und der Betriebsrat des BE fordern vom Senat, einen Sozialplan für die künstlerischen Mitarbeiter zu finanzieren, die nach Ende seiner Intendanz nicht mehr beschäftigt würden. Das würde angeblich rund eine Million Euro kosten und stieß prompt auf Widerstand von Peymanns Lieblingsgegner: Abfindungen werde der Senat jedenfalls keine zahlen, zitiert die Berliner Morgenpost Kulturstaatssekretär Renner. Der designierte Intendant Reese findet die Vorwürfe „absurd“, nicht einmal Peymanns Zahlen stimmten. Laut Süddeutscher Zeitung hat Reese zwei BE-Schauspielern Festengagements angeboten. Andere sollen Stückverträge bekommen. „Etwa 15 Mitarbeiter“ gingen darüber hinaus im Sommer 2017 in Rente, bestätigt der Senat. Weitere Mitarbeiter scheiden freiwillig aus. „Rund 30 Mitarbeiter im Künstlerischen Bereich erhalten voraussichtlich kein neues, festes Vertragsangebot“, lässt der Senat erklären und dementiert damit deutlich die Peymannschen Zahlen. Diese „Größenordnung“ sei für einen „Intendantenwechsel – insbesondere nach einem ungewöhnlich langen Zeitraum einer Vorgängerintendanz – in deutschen Stadttheatern absolut üblich“. Im übrigen sei für den „Betrieb insgesamt kein Stellenabbau vorgesehen“.

Ein Sozialplan wäre in dieser verfahrenen Situation tatsächlich eine absolut erstrebenswerte Regelung – aber auch er könnte nur notdürftig zu reparieren versuchen, was Claus Peymann höchstselbst angerichtet hat. Denn seine Krokodilstränen gelten künstlerisch Beschäftigten des BE, die gerade nicht über die sich jährlich verlängernden Verträge des NV Bühne verfügen. Das BE war niemals Mitglied des Deutschen Bühnenvereins und besitzt die Struktur einer GmbH – mit Peymann als einzigem Gesellschafter. Hätte er sich anders verhalten und die Beschäftigten damit NV Bühne-Verträge, wären Entschädigungen wegen Intendantenwechsels garantiert – und langjährig künstlerisch Angestellte wäre inzwischen unkündbar.

Peymann hat seine angesichts der Theaterpraxis völlig unrealistische Annahme, Nachfolger Reese werde nicht Teile des Ensembles austauschen, öffentlich mit „Naivität“ erklärt. Eine Portion Vergesslichkeit muss allerdings auch dabei gewesen sein.

Beispielsweise gab es für 44 künstlerisch Beschäftigte in Bochum Nichtverlängerungen, als Peymann 1979 dort Intendant wurde (Peymann sprach von 30). Die Folge waren böse Artikel in der Presse, nicht nur in der Bühnengenossenschaft. Die Zeit schrieb von „Enttäuschung und Bitterkeit“ bei den Künstlern, die Welt schloss sich den Protesten des damaligen GDBA-Präsidenten Hans Herdlein an.

Von den damaligen Vorgängen will Peymann heute übrigens nichts mehr wissen, er selber habe vielmehr nie so gehandelt, wie er das seinem Nachfolger Reese vorwirft.

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