Jörg Rowohlt Geschrieben am 9 Dezember, 2013

Bühnenverein ohne Rostock: Das Volkstheater will austreten

Ludwig BarnayDie Volkstheater Rostock GmbH will aus dem Deutschen Bühnenverein austreten. Vorausgegangen war ein entsprechender Beschluss der Bürgerschaft der Hansestadt Rostock. Das mehrheitlich von den Fraktionen getragene Votum beauftragt das Volkstheater, die Mitgliedschaft mit sofortiger Wirkung zu kündigen.

Hintergrund für die Entscheidung ist der geplante neue Flächentarif für Orchestermusiker, wonach alle wegen eines Rechtsstreits seit 2010 ausgesetzten Lohnerhöhungen nachgeholt werden müssen. Im Ergebnis würde dies für Rostock nach eigenen Angaben eine Nachzahlung von mindestens einer Million Euro und eine zusätzliche Lohnerhöhung von 8,9 Prozent bedeuten. Die Personalkosten stiegen damit um ca. 460.000 Euro pro Jahr, was die Existenz des Theaters erneut auf die Kippe stellen würde. Vorausgegangen waren Verhandlungen mit dem Bühnenverein, bei denen das Theater auf seine prekäre Lage verwiesen hatte und um eine Sonderregelung bat.

Sewan Latchinian, designierter Rostocker Theaterintendant und stellvertretender Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein (!), hat der Stadt laut Medienberichten den Austritt empfohlen: „Unser Vertreter, der Deutsche Bühnenverein, hat nicht in unserem Sinne verhandelt. Das ist ein Fall von Untreue. Wir brauchen diesen Befreiungsschlag. Der Tarif ist nicht wichtiger als die Kunst. Wir müssen die Insolvenz abwenden und die Arbeitsplätze erhalten. Deshalb müssen wir uns jetzt selbst helfen. Wenn sich das Volkstheater konsolidiert hat, können wir ja wieder eintreten.“

Speziell die Aussage „Der Tarif ist nicht wichtiger als die Kunst.“ ist aus gewerkschaftlicher Sicht ein Schlag in das Gesicht aller Beschäftigten. Wer solche Aussagen trifft, behauptet letztendlich, dass KünstlerInnen keinen Schutz durch tarifliche Normen benötigen. Außerdem betrifft ein Austritt aus dem Deutschen Bühnenverein auch die auf NV Bühne-Beschäftigten, die somit ebenfalls Leidtragende der aktuellen Querelen sind. Sewan Latchinian zeigt mit dieser Aussage sein wahres Gesicht als willfähriger Vollstrecker des Abbaus von Theaterstrukturen.

Der Deutsche Bühnenverein erklärte, ein fristloser Austritt sei unwirksam und befreie das Volkstheater Rostock angesichts der von ihm selbst abgeschlossenen Arbeitsverträge nicht von seiner tariflichen Bindung. Der jetzt für die Mitgliedsorchester des Bühnenvereins abzuschließende Flächentarifvertrag hole für die Musiker nur die Lohnerhöhungen nach, die von der Stadt Rostock über ihren kommunalen Arbeitgeberverband für ihre Angestellten vereinbart wurden. Eine Erhöhung von 8,9 Prozent sei für das Volkstheater Rostock nicht vorgesehen. Die Erhöhung würde angesichts der für das Volkstheater Rostock mit der DOV verhandelten Sonderregelung lediglich 6,1 Prozent betragen. Diese Lohnerhöhung müsste das Volkstheater Rostock nur umsetzen, wenn bis zum 31. Juli 2014 kein Haustarifvertrag mit Gehaltsverzicht abgeschlossen wird. Zu solchen Haustarifverhandlungen habe sich die DOV aber schon bereit erklärt.

Auch GDBA und VdO hatten bereits Gespräche über einen neuen Haustarifvertrag, die offiziell noch nicht beendet sind. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass der aktuelle Streit nur der willkommene Anlass für die Stadt Rostock war, durch Tarifflucht vollendete Tatsachen zu schaffen.

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