Jörg Löwer Geschrieben am 1 Oktober, 2010

Aufruhr in Hamburg: Menschenkette, Demonstrationen und Pfeffersäcke….

Ludwig BarnayDie Protestwelle rollt durch Hamburg.
Am 29.09.2010 fand eine nicht öffentliche Fragestunde im Schauspielhaus statt, während der Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) den Mitarbeiter/innen Rede und Antwort stand. Gleichzeitig versammelten sich 800 Menschen vor dem Theater – darunter viele Schulklassen – die gegen die Sparpläne des Senats demonstrierten. Zu dieser Protestaktion hatte das Junge Schauspielhaus aufgerufen.

Abends gab es dann eine Veranstaltung des Kulturklub HH (hier ein Bericht mit und hier ein Bericht ohne Video – beide aus dem Hamburger Abendblatt), in der die frühere Kultursenatorin Helga Schuchardt ihrem Nachfolger vorhielt, dass seine Politik „so was von dilettantisch ist, das kann man gar nicht anders bezeichnen“ und ausrief „Sie brennen nicht für die Kultur“.

Mit einer riesigen Menschenkette haben dann am gestrigen Abend die Hamburger Gewerkschaften und zahlreiche andere Organisationen unter dem Motto „Gerecht geht anders“ gegen die Sparpolitik des Senats protestiert. 16 000 Menschen versammelten sich zwischen Elbphilharmonie und Finanzbehörde und zogen um 17 Uhr in einem Demonstrationsmarsch zum Gänsemarkt. Dort fand die Abschlusskundgebung satt. Die Mitarbeiter/innen des Schauspiehauses protestierten mit und zahlreiche Kulturschaffende anderer Institutionen unterstützten ebenfalls diese Aktion.

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Danach zogen die Teilnehmer/innen des Schauspielhauses zum Thalia Theater, dessen Ensemble sich solidarisch zeigte und in den Protestzug einreihte. Gemeinsam ging es an die Kirchenallee, wo am selben Abend ein Gastspiel des „Thalia Vista Social Club“ stattfand.

Bundesweit erfährt das Schauspielhaus ebenfalls Soldarität. Zum Beispiel hat der Intendant des Schauspiel Frankfurt Oliver Reese in einer Kolumne in der Frankfurter Rundschau ein kostenloses Gastspiel mit Michael Thalheimers Inszenierung „Ödipus/Antigone“ zur Unterstützung angeboten. Das Theater Bremen (gerade die eigene, durch einen Event-Intendanten ausgelöste Krise überstanden) wendet sich in einem offenen Brief „mit Entsetzen“ an Bürgermeister Ahlhaus.

Und im Feuilleton werden den Pfeffersäcken die Leviten gelesen:

„Jetzt zeigen sich die Pfeffersäcke wieder als Pfeffersäcke. Renommiersüchtig, aber geschichtsvergessen. Wir würden ja lachen, wenn wir nicht fürchten müssten, dass das Beispiel Schule macht.“ (Evelyn Finger hier in der ZEIT)

„So sind sie, die Hamburger Bildungsbürger, die Hunderte von Millionen für die Elbphilharmonie verbauen und verplanen, aber gleichzeitig das Theater kaputtsparen und viele Museen und Bibliotheken in den Stadtteilen ebenso. Womit absolut nicht das Geringste gegen die Philharmonie oder den Bildungsbürger gesagt sein soll. Aber nur Pfeffersäcke spielen das eine gegen das andere aus.“ (Matthias Matussek hier auf SPIEGEL ONLINE)

Umso schlimmer ist es, wenn die Politik sich nicht entblödet – wie z.B. der grüne Bürgerschaftsabgeordnete Farid Müller (um Herrn Stuth ausnahmsweise nicht zu erwähnen) -, das Kaputtsparen in die Rettung umzudeuten. Und zwar hier auf seiner Website mit dem Beitrag „Schauspielhaus: Schliessung abgewendet“. Er gibt dem Schauspielhaus die Ratschläge „dass eigene, künstlerische Profil zu stärken“, „die Einnahmesituation durch hochwertige Gastronomie zu verbessern“ und dass „Private für manche Zuwendung zu haben sind“. Ihm sei gesagt: Vielleicht verbessert Kulturgenuss auch die Rechtschreibung? Fachlich sollte er sich allerdings diesen Beitrag zu Gemüte führen.

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