Jörg Rowohlt Geschrieben am 23 Juli, 2015

Arm dran: Kaum Chancen auf Kultur

Ludwig BarnayJugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern haben zum Ende ihrer Pflichtschulzeit mit großer Wahrscheinlichkeit weniger Kenntnisse und Interessen in kulturellen Bereichen als Kinder aus Akademikerhaushalten.

Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, die auf Initiative des Rats für Kulturelle Bildung in Essen durchgeführt wurde. Die repräsen­tative Befragung mit dem Titel „Jugend/ Kunst/Erfahrung. Horizont 2015“ unter Schülerinnen und Schülern aus 9. und 10. Klassen wurde jetzt vorgestellt. Demnach prägt das im Schnitt geringere Kulturinteresse der Eltern in bildungsfernen Milieus die Heranwachsenden wesentlich, sie besuchen zudem häufiger Schulen mit niedrigeren Abschlüssen, in denen das kultu­relle Angebot im Schnitt weniger um­fänglich ist. Überdies fällt der Unterricht dort in den künstlerischen Fächern häufiger aus als an Gymnasien. Auffallend außerdem: Interesse und Engagement für Kultu­relles sind bei Jungen erheblich niedriger als bei Mädchen.

Im Einzelnen ergab die Untersuchung, dass kulturelles Interesse, der Wunsch nach Wissen über Kultur und kulturelle Aktivitäten bei den Heranwachsenden signifikant vom Bildungsgrad der Eltern abhängen: 74 Prozent der Kinder aus Akademikerhaushalten (mindestens ein Elternteil mit Hochschulabschluss) geben die Eltern als entscheidende Impulsgeber ihres Kulturinteresses an, hingegen nur 33 Prozent aus Elternhäusern mit höchstens mittlerem Schulabschluss. Von Schülerinnen und Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern gehen zudem dreieinhalb Mal soviele auf Sekundarschulen. Dort ist das kulturelle Angebot dann deutlich geringer als an Gymnasien. Um bis zu 40 Prozentpunkte höher ist die Wahrscheinlichkeit an Gymnasien gegenüber diesen Sekundarschulen, dass etwa Literatur, klassische Musik oder Theater Teil des Unterrichts sind. Auch führen Gymnasien ihre Schülerinnen und Schüler deutlich häufiger in außerschulische Kulturveranstaltungen. Und von 14 im Interview abgefragten kulturellen Nachmittags­ange­boten gibt es nach Kenntnis der Befragten im Schnitt 5,9 an den Gymnasien, indes nur 3,8 an Sekundarschulen. Zudem fällt der Kunstunterricht bei 33 Prozent aller befragten Schülerinnen und Schüler ihrer Wahrnehmung nach mehr als selten, zum Teil sogar häufig aus. Hinzu kommen 17 Prozent, die derzeit überhaupt keinen Kunstunterricht erhalten. Die Hälfte der Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen hat also keinen regelmäßigen Kunstunterricht. Ähnliches gilt für den Musikunterricht. Bei der Chancen­gerechtig­keit ist ebenfalls ein Gefälle zwischen den Schulformen festzustellen: An den Sekundarschulen haben 54 Prozent keinen regelmäßigen Kunstunterricht, an den Gym­nasien aber ’nur‘ 43 Prozent.

Der Vorsitzende des Rates für Kulturelle Bildung, Prof. Dr. Eckart Liebau, ist über die Befunde einigermaßen erschüttert: „Wir haben es mit großen Unterschieden zwischen den Schulformen zu tun, mit kulturellen Bildungsverläufen, die kaum durch­brochen werden können, mit Schulen, die ein Drittel der Kinder gar nicht für Kultur gewinnen, und wir finden in einem Ausmaß tradierte Rollenbilder, wie wir es nicht mehr erwartet hatten.“ Auch sei kaum anzunehmen, „dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern den künstlerischen Vorsprung ihrer Altersgenossen in der Schule aufholen könnten“. Der Rat für Kulturelle Bildung forderte deshalb zum bildungs- und kulturpolitischen Handeln auf: „Es darf nicht dabei bleiben, dass im Schulwesen ausgerechnet den benachteiligten Kindern und Jugendlichen das quantitativ schwächste Angebot Kultureller Bildung gemacht wird. Hier ist ein Ausbau vor allem in den Sekundarschulen dringend erforderlich.“

Zwischen Kulturinteresse und allgemeinem Bildungsinteresse der Schülerinnen und Schüler besteht nach Meinung von Werner Süßlin, der das Projekt bei Allensbach betreute, ein Zusammenhang – wie sehr zeige die Frage nach den Lieblingsfächern: „Je höher das Kulturinteresse der Eltern aus Sicht der Schülerinnen und Schüler ist, umso häufiger zählen sie neben den künstlerischen Fächern auch viele andere zu ihren Lieblingsfächern: Fremdsprachen +40 Prozentpunkte, Deutsch +36, Geschichte +23, Biologie und Sozialkunde jeweils +18.“

69 Prozent der Mädchen halten Grundwissen über Kultur für wichtig, hingegen nur 48 Prozent der Jungen. Diese größere Wertschätzung schlägt sich im eigenen Engagement nieder: Gehen Mädchen außerhalb der Schule im Schnitt drei kulturellen Aktivitäten wie Musizieren, Malen, Tanzen oder Theaterspielen zumindest ab und zu nach, sind es bei Jungen zwei.

Fazit: Wer sich auch in Zukunft volle Theater wünscht, wird diesen Befund ernst nehmen müssen – und handeln. Nach Lage der Dinge müssen sich alle Beteiligten auf allen Ebenen angesprochen fühlen. Das gilt insbesondere für Politiker und Kulturinstitutionen.

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