Jörg Löwer Geschrieben am 16 März, 2012

Anti-Stammtisch-Papier zur Theater- und Orchesterförderung

Die Gewerkschaften DOV, VdO, ver.di und GDBA haben ein gemeinsames „Anti-Stammtisch-Papier zur Theater- und Orchesterförderung in Mecklenburg-Vorpommern“ veröffentlicht. Über die unhaltbare Situation in diesem Bundesland haben wir hier im Blog immer wieder berichtet. Das Papier soll eine Argumentationshilfe für Künstler/innen vor Ort sein, damit Sie bei Besuchen von Politikersprechstunden oder Podiumsdiskussionen argumentativ gerüstet sind:

  1. Kultur stiftet Identität, bietet Menschen Halt und Orientierung. Viele Länder beneiden uns um unsere Kultur. Dennoch wird die Diskussion um die Theater- und Orchesterförderung als reine Finanzdebatte geführt. Das ist falsch – es geht um Inhalte: Mecklenburg-Vorpommern braucht alle seine Theater und Orchester. Kultur gibt es nicht zum Nulltarif.
  2. Kulturförderung ist eine Investition in die Zukunft unserer Kinder. Theater und Orchester gewährleisten die Grundversorgung der Bevölkerung mit Kultur, festigen die Demokratie und sind Bollwerke gegen Rechtsextremismus. Musische Bildung für Kinder und Jugendliche ist ein „Muss“. Ohne Schulkonzerte und -theatervorstellungen kommen Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern nie mit Musik und Theater in Berührung.
  3. Die Profis an den Bühnen sind Kulturmultiplikatoren: Als Instrumental- und Gesangslehrer, als Leiter von Laienspielgruppen, Chören und Ensembles wirkt ihr Engagement weit in die Gesellschaft hinein. Jeder weitere Stellenabbau zerstört dieses Engagement.
  4. Keine Haushaltssanierung durch Kulturabbau: Die Theater- und Orchesterförderung beträgt nur 0,5 % des Landeshaushaltes (von 100 € gehen nur 50 Cent an die Theater und Orchester). Die Festschreibung der Förderung auf 35,8 Mio. Euro (seit 1994 und bis 2020!) ist faktisch mindestens eine Halbierung. Man spart nichts und zerstört alles.
  5. Jeder in die Kultur investierte Euro kommt mehrfach zurück. Diese Investitionen rentieren sich als Steuereinnahmen und Rückflüsse z.B. in der Gastronomie und im Tourismus („Umwegrentabilität“). Der Standortfaktor Kultur begünstigt die Ansiedlung von Unternehmen und bremst die Abwanderung von Fachkräften und jungen Familien.
  6. Das Flächenland Mecklenburg-Vorpommern benötigt eine dezentrale Grundversorgung der Menschen mit Theater- und Orchesterangeboten. Bei weiteren Fusionen der jetzt bestehen-den vier Mehrspartenstandorte wäre eine flächendeckende Versorgung nicht mehr möglich.
  7. Die Pro-Kopf-Ausgabe für Kultur in M-V scheint nur auf den ersten Blick hoch. Der Vergleich mit anderen Bundesländern hinkt: Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und vor allem Brandenburg profitieren vom Kulturangebot angrenzender Stadtstaaten und Ballungsräume. Unter den östlichen Bundesländern liegt M-V bei der Kulturförderung nur im Mittelfeld.
  8. An allen Standorten wurde bereits massiv gespart. In Haustarifverträgen haben Beschäftigte seit Jahren auf Teile ihrer Vergütung verzichtet. Etwa die Hälfte des Personals in den Theatern und Orchestern wurde seit der Wende abgebaut. Von acht Orchestern sind nur vier übrig geblieben. Viele Künstler sind extrem unterbezahlt.
  9. Fusionen schaffen mehr Probleme als sie lösen. Sie greifen in bestehende Aufgabenverteilungen in den Theatern und Orchestern ein. Die Entlassung vorwiegend jüngerer Künstler führt zur Überalterung der Ensembles. Bei betriebsbedingten Kündigungen werden tarifliche Abfindungen fällig: Dieses Geld wäre im Spielbetrieb sinnvoller investiert.
  10. Kooperationen machen bei großen Entfernungen keinen Sinn. Das Geld bleibt im wahrsten Sinn des Wortes „auf der Strecke“. So wurde die Kooperation weit entfernter Orchester (z.B. Hagen/Hilchenbach, etwa 100 km) wieder eingestellt. Wegen zu langer Fahrzeiten sind weniger Orchester- und Theatereinsätze möglich. Das Angebot wird ausgedünnt, weniger Eigeneinnahmen sind die Folge. Künstler gehören auf die Bühne, nicht in den Bus!

V.i.S.d.P.:
Gerald Mertens, Deutsche Orchestervereinigung e.V. (DOV), Littenstr. 10, 10179 Berlin;
Agnes Schreieder, Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), Besenbinderhof 60, 20097 Hamburg;
Sabine Nolde, Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), Feldbrunnenstr. 74, 20148 Hamburg;
Gerrit Wedel, Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer e.V. (VdO), Marburger Str. 2, 10789 Berlin.

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