Jörg Rowohlt Geschrieben am 28 April, 2015

Agitation und Propaganda

Ludwig BarnayDie Warnstreiks am Staatsballett Berlin (wir berichteten hier, hier und hier) schlagen inzwischen absurde Wellen.

Das Internet-Blog „Ballett-Journal“, das im Impressum um PR-Aufträge wirbt, veröffentlichte am 22. April einen Beitrag seiner einschlägig bekannten Betreiberin, die schon häufiger als Lohnschreiberin der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di aufgefallen ist. Überschrift ihres Textes mit Bezug auf die tags zuvor veröffentlichte gemeinsame Presseerklärung von GDBA und VdO: „Das Imperium schlägt zurück“. Realitätsnah wie „Star Wars“ geht es auch weiter. Eine „gefälschte Meldung“ (sic!) sei „als Pressemitteilung von Georg Vierthaler verschickt“ worden.
Fakt ist: GDBA und VdO haben am 20. April 2015 ihre Forderung von rund 14 Prozent Vergütungserhöhung für die Beschäftigten des Staatsballetts Berlin in Verhandlungen mit dem Deutschen Bühnenverein (DBV) durchgesetzt und einen dementsprechenden Tarifvertrag unterzeichnet. ver.di war an den Verhandlungen nicht beteiligt. Im Gegenteil hatte der Arbeitgeber seine Verweigerung dieser Nachzahlung für das Staatsballett Berlin mit systemfremden Forderungen von in der ver.di organisierten Tänzerinnen und Tänzern begründet. Außerdem: Die GDBA ist für Hilfe immer dankbar, ein Arbeitgebervertreter wie der geschäftsführende Direktor des Berliner Staatsballetts, Georg Vierthaler, gehört aber sicher nicht zu unseren Unterstützern.

Dass die Artikelschreiberin verkündet, die beiden „Mini-Gewerkschaften“ hätten nicht nur keine Mitglieder am Staatsballett, sondern der Mehrverdienst sei von ver.di ausgehandelt, ist wohl ihrer Verbalrabulistik geschuldet. Ein wenig Recherche hätte nicht geschadet, war aber womöglich auch nicht gewollt.
Fakt ist: ver.di hat einen hohen Organisationsgrad am Staatsballett, aber GDBA und VdO sind dort ebenfalls vertreten. Bundesweit verhandeln GDBA und VdO auf der Grundlage des NV Bühne das geltende Tarifrecht für alle künstlerisch Beschäftigten der Theater und Opernhäuser – damit auch für die Tanzkompanien. Der NV Bühne ist ein – im weltweiten Vergleich beispielhaftes – Tarifwerk, das speziell auf die Belange künstlerischer Theaterarbeit zugeschnitten ist. Dort ist zwar eine Übernahme der Tarifsteigerungen des öffentlichen Dienstes festgeschrieben, was aber keine 1:1-Regelung bedeutet, vielmehr folgen jeweils hartnäckige Verhandlungen der Künstlergewerkschaften. Die Verhandlungen mit dem Bühnenverein zur laufenden Tarifrunde 2015 etwa sind aktuell im ersten Termin ergebnislos abgebrochen worden. Auch das Bundesarbeitsgericht hat in einem Rechtsstreit zwischen Bühnenverein und Deutscher Orchestervereinigung entschieden, dass die Lohnerhöhungen des öffentlichen Dienstes nicht einfach „eins-zu-eins“ auf die Orchestermusiker zu übertragen sind (deren Tarifvertrag die gleiche Anpassungsklausel enthält wie der NV Bühne).Vielmehr ergibt sich aus der Anpassungsklausel ein qualifizierter Verhandlungsanspruch – verhandeln müssen also die Gewerkschaften dann doch noch selbst.

Und wenn die große Science-Fiction-Anhängerin behauptet, dass mit Hilfe von GDBA und VdO, die bisher angeblich zu der Sache geschwiegen hätten, bei den Tänzern mal wieder gespart werden sollte, dann hat jemand unsere Pressemitteilungen der letzten Zeit nicht gelesen.
Fakt ist: In jeder Verlautbarung unsererseits wurde darauf hingewiesen, dass „sobald die Irritationen beseitigt sind, die Vergütungsanpassung auch für die Mitglieder des Staatsballetts durchsetzbar sein wird“ und dass „sich GDBA und VdO weiterhin für deren Auszahlung einsetzen werden.“

Aber wir lernen ja aus einem weiteren Text, dass ver.di „auch andere Künstlergruppen – wie Schauspieler und Musiklehrer – erfolgreich betreut“ und dass die Situation durch das Ansinnen Vierthalers verschärft wird, „mit zwei Zwerg-Gewerkschaften, die Chorsänger und Maskenbildner vertreten, über Tänzerbelange zu verhandeln.“
Fakt ist: Der Großteil der organisierten Schauspieler in Deutschland sind in der GDBA oder im Bundesverband Schauspiel (BFFS) Mitglied. In der GDBA stellen sie die größte Einzelgruppe der Berufe. Außerdem sind in GDBA und VdO bundesweit zahlreiche Tänzerinnen und Tänzer Mitglied und werden von Kollegen aus dem Tanzbereich in den Gremien vertreten. Dies gilt im Übrigen auch für alle anderen künstlerischen Berufe am Theater.

Die Welt der Künstlerinnen und Künstler und ihr Tarifrecht ist eben doch komplizierter als das „Star Wars“-Universum.

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