Jörg Löwer Geschrieben am 7 Januar, 2011

2011: Schicksalsjahr für das Theater ??!!

Ist es übertrieben, 2011 als Schicksalsjahr für das Theater zu bezeichnen?

Schließlich wird in vielen Bereichen Alarm geschlagen: Der ADAC beklagt den Zustand der Straßen, foodwatch beklagt im Zuge des Dioxin-Skandals mangelnde Lebensmittelkontrollen, die GEW beklagt den maroden Zustand der Schulgebäude, und und und…………..

Trotz wirtschaftlicher Erholung und sinkender Arbeitslosenzahlen sind alle diese Klagen Ausdruck des gleichen Problems: Die öffentlichen Finanzen – im Speziellen die der Kommunen und der Länder – sind durch die antizyklisch verlaufenden Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise in einem katastrophalen Zustand. Dadurch sind Straßenbeläge und Theater gleichermaßen gefährdet, auch wenn man bei einem solchen Vergleich schaudern möchte. Allerdings führen die Kosten der Straßenschäden nicht zu Rufen nach Abschaffung der Straßen, sondern zu Forderungen nach Sonderausgaben. Das ist beim Theater anders.

Die Ausgaben für die Theater veranlassen Ignoranten und Banausen vermehrt, sich auf Kosten eines komplexen Systems zu profilieren. Mal geschieht dies – wie im Tagesspiegel und auf ZEIT ONLINE in dem Artikel „Wie viel Oper braucht das Land?“ nachgewiesen – mit falschen Zahlen wie in der WirtschaftsWoche (Artikel: „Deutschlands Musiktheater im Wirtschaftlichkeits-Check„), mal geschieht dies mit argumentfreien Pamphleten wie dem Text „Worstward ho – Mythos und Hort: das deutsche Stadt- und Staatstheater!“ von Frank Alva Buecheler in NovoArgumente (der Autor und seine absurden Äußerungen waren bereits hier Thema im Blog).

Wenn die Strukturen dann aber doch seriöser untersucht werden, stellt sich meist schnell heraus, dass Theater effizient arbeiten und eben keine in altmodisch-verkrusteten Strukturen verharrenden Geldverschwendungseinrichtungen sind. Zuletzt aufgezeigt durch die Beratungsfirma actori für die hessischen Staatstheater („Viel Kunst für wenig Geld“ aus der FAZ + „Gute Noten für Staatstheater“ aus der HNA). Und während Herr Buecheler wohl hauptsächlich bedauert, dass er die künstlerisch tätigen Arbeitnehmer nicht bis aufs Blut ausbeuten darf, da sie durch tarifliche Rechte geschützt sind, gibt es auch Regisseure, die – sowohl den kommerziellen als auch den subventionierten Theaterbetrieb kennend – den deutschen Stadttheatern attestieren, dass sie „von einem existierenden künstlerischen und technischen Stab profitieren“ und  gerade große Häuser „an Professionalität und Vielfalt der Möglichkeiten nach meiner Erfahrung kommerziellen Häusern oft überlegen sind“ (Matthias Davids im Interview auf musicalzentrale.de).

Die Politik muss einfach eines verstehen:
Abwechslungsreiches, ambitioniertes Theater mit täglich wechselnden Programmangeboten, das für die Menschen vor Ort spielt, in dem die Beschäftigten auskömmlich bezahlt werden und die Tickets selbst für ärmere Bevölkerungsschichten bezahlbar sind, gibt es nur mit dem Stadttheater.

Die Alternativen sind:
Bespieltheater mit Tourneeproduktionen ohne lokalen Bezug – Theater als ästhetisch gleichgeschaltetes Kinoersatzevent. Kommerzielle Großproduktionen im Ensuite-Betrieb ohne künstlerische Grenzgänge. Theaterschaffende als fahrende Gesellen in prekären Lebensverhältnissen, da die Bespieltheater in der Realität versuchen werden, möglichst preisgünstig einzukaufen und das billigste Künstlerkollektiv den Zuschlag erhält (die Vielzahl der jetzt schon existierenden Low-Budget-Tourneeanbieter lässt grüßen). Freie Produktionen, die sich dadurch Fördergelder erhoffen, dass sie die Personalkosten – die an Stadttheatern ca. 80% des Etats ausmachen – möglichst klein halten und selbstausbeuterisch arbeiten. Aussterben allen Repertoires (große Choropern, große Tanzmusicals), das hohen und teuren Produktionsaufwand benötigt usw. usw. usw……………

Franz Wille von Theater heute sagt in seinem Beitrag „Die letzten beißen die Hunde“ im Deutschlandradio Kultur ganz richtig:

„(…) Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Die Theater haben in den letzten anderthalb Jahrzehnten ihre Sparaufgaben erfüllt und die öffentlichen Kunstbetriebe nach allen Regeln der Betriebswirtschaft optimiert: erheblich an Personal gespart, viele feste Beschäftigungsverhältnisse flexibilisiert, den Produktionsausstoß deutlich erhöht, die Eigeneinnahmen gesteigert, die Auslastung erheblich verbessert, in Marketing investiert, nicht-künstlerische Bereiche ausgelagert. Es werden Inszenierungen koproduziert und ausgetauscht, dazu das Gastspielgeschäft angekurbelt. Jetzt sind die Rechtsträger der Bühnen in der Verantwortung und diejenigen, von denen diese Rechtsträger finanziell abhängen.
Wer einfachere Lösungen verspricht, ist entweder ahnungslos oder ein Scharlatan. (…)“

Nachtkritik.de berichtet über ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes. Dort spricht diese ebenfalls darüber, dass Theaterschaffende eigentlich nur im Stadttheater auskömmlich den Beruf Künstler ausüben können. Bei Projektarbeit gebe es kein Limit nach unten. Sie berichtet aus ihrem Heimatland Argentinien, wo Künstler drei Jahre an einem Stück arbeiten und zu Hause proben, aber „das kann man nicht vergleichen mit dem, was wir hier in der Ensemblearbeit an unseren Stadttheatern leisten. Für die Professionalität und den Zauber unseres Systems braucht man feste Häuser und ein ordentliches Tarifsystem. Ich finde, es wäre eine Katastrophe, wenn dieses immer noch sehr reiche Land einen Bruch mit dieser, seiner tradierten Kultur vollziehen würde.“

Manch einer aus der freien Szene hofft wohl, aus dieser bedrohlichen Situation für das Stadttheater Vorteile für seine eigene Finanzsituation herausschlagen zu können. Jedenfalls wurden beim 1. Kongress des Bundes­verbandes Freier Theater in Stuttgart Stimmen laut, die fahrlässig die Abschaffung der Stadttheater forderten. Nachzulesen hier bei nachtkritik.de. Dass der finanzielle Druck der Kommunen zu einer Umgestaltung der Theaterlandschaft zu Gunsten der freien Szene führt, ist aber ein gefährlicher Trugschluss. Nichts lässt sich leichter streichen als Projektmittel. Der Weg der klammen Kommunen führt im Gegenteil häufig zuerst über die Streichung der Mittel für die freien Theater, bevor man sich an die Tanker herantraut. Es ist doch heute vielmehr so, dass Theaterschaffende zwischen den Welten pendeln und sowohl am Stadttheater als auch in der freien Szene arbeiten. Obige Forderungen bedeuten nichts als Selbstzerfleischung. Ansprechpartner für Misstände in der Kulturfinanzierung sollte die dafür verantwortliche Politik bleiben.

Wenn die Politik das Stadttheater nicht mehr will, soll sie dies offen sagen und Schließungen politisch verantworten.  Ständig zu hören, dass die Personalkosten und Tarifsteigerungen das Problem seien oder die neu aufkommenden Versuche, Verantwortung durch Internetumfragen abzuwälzen, sind Methoden ängstlicher Politprofis, die nichts so sehr fürchten, wie politische Verantwortung zu übernehmen.

Hier also die Gründe, warum 2011 ein Schicksalsjahr für das Theater wird:

20.02. Bürgerschaftswahl in Hamburg (das Deutsche Schauspielhaus hat steigende Zuschauerzahlen und braucht noch eine Intendanz)

20.03. Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (die Haustarifverträge am Thalia Theater Halle sind noch nicht unterschrieben und für 2013 müssen die Theaterverträge mit dem Land neu verhandelt werden)

27.03. Landtagswahl in Rheinland-Pfalz + Landtagswahl in Baden-Württemberg + Kommunalwahlen in Hessen (für die Staatstheater in Hessen schlägt actori übrigens als Sparmöglichkeit die Schließung aller Tanzsparten vor………)

22.05. Bürgerschaftswahl in Bremen (das Theater und die Verantwortlichen müssen sich weiterhin mit den Auswirkungen der Machenschaften des inkompetenten  Ex-Intendanten Hans-Joachim Frey beschäftigen; nachzulesen ebenfalls in obigem Text von Franz Wille)

04.09 Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern (das Land deckelt den Theateretat dauerhaft und zwingt Einsparten-Häuser zur Kooperation mit Mehrspartenhäusern)

11.09. Kommunalwahlen in Niedersachsen

18.09. Abgeordnetenhauswahl Berlin

Für das Theater sind diese Wahlen wichtiger als jede Bundestagswahl.

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