Jörg Löwer Geschrieben am 6 Januar, 2010

Wenn „Agenda 2020“-Prognosen sich selbst widerlegen

Ludwig BarnayDer aktuelle Jahreswechsel ist nicht irgendein Jahreswechsel, sondern sogar ein Jahrzehntwechsel. Die Zeit also für ganz große Rückblicke oder Mega-Prognosen. Letzteres ist jetzt im KulturSPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE zu lesen.

Man veröffentlicht eine „Agenda 2020“ genannte 10-Jahres-Prognose mit Ausblicken für diverse Kulturbereiche. Ein Artikel beschäftigt sich mit möglichen Veränderungen in der Theaterlandschaft, bzw. scheint sich diese herbeizuwünschen. Die Autorin geht davon aus, dass das Theater durch die andauernden Kürzungen in der Krise ist und deshalb das Stadttheatersystem zusammenbrechen wird. Unschön, aber nicht unschlüssig, wenn man die Krise der kommunalen Haushalte verfolgt. Als die Rettungslösung wird die Umstellung der Theaterfinanzierung auf eine Künstlerfinanzierung verkauft. Das Theatergebäude sei dann nur noch eine Andockstation für Künstlergruppen, die über mehrere Jahre Fördergelder erhielten, um diese Andockstation zu bespielen. Das Gebäude habe die Grundaustattung, um diesem Zweck zu dienen, aber kein künstlerisches Ensemble mehr. Das Theatersystem sei dann im Idealfall nicht billiger, aber innovativer und besser, da Kreativität nicht mehr durch den starren Apparat gehindert würde.

Hier der Link zum Artikel:
www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,669433,00.html

Bleibt anzumerken:
Die Autorin beschreibt eine Krise, die durch finanzielle Kürzungen ausgelöst wird.
Sie behauptet dann im Verlauf eine Kreativitätskrise, die durch eine Art erweiterte Projektförderung gelöst werde.
Sie endet mit der Behauptung, dadurch werde alles besser, aber vermutlich nicht billiger.

Die Selbstwiderlegung:
Wenn das Stadttheatersystem durch Unterfinanzierung – wie behauptet – zusammenbricht, kann das Theater nicht durch ein anderes System gerettet werden, das genauso teuer ist. Denn das von der Autorin selbst geschilderte Anfangsproblem sind die fehlenden Finanzmittel und nicht der Kreativitätsmangel.

Realität:
Bisher hat sich Arbeiten außerhalb der im Artikel erwähnten Apparate eher dadurch ausgezeichnet, dass die Arbeitsbedingungen selbstausbeuterisch sind. Exemplarisch wird hier die Lektüre zweier Artikel empfohlen, die die Situation speziell in der freien Tanzszene aufzeigen und in der Zeitschrift ballettanz erschienen sind:

www.kultiversum.de/Tanz-ballettanz/Kolumne-Das-liebe-Geld-Ehrenamt.html?

www.kultiversum.de/Tanz-Ballet-Tanz/Kolumne-Das-liebe-Geld-Konjunkturpaket-II.html?

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