Barnay, Gründer der GDBADas Fach, das bei der Ausbildung in künstlerischen Bühnenberufen ziemlich stiefmütterlich behandelt wird, heißt “Theaterpraxis”.

Von den Höhenflügen nach einem erfolgreich absolvierten Studiengang wird man in der alltäglichen Theaterpraxis sehr rasch heruntergeholt. Terminzwänge, Probenengpässe, Rollenbesetzung, Arbeit mit einem Korrepetitor, Bühnenproben, Kostümproben, die ganze Hektik des Probenbetriebes, wenn es auf die Haupt- und Generalproben zugeht, stürmen auf einen ein.

Vielfältig mögen die Motive sein, die dazu führen, der Faszination der Theaterberufe zu erliegen. Der Preis, der dafür zu entrichten ist, ist hoch. Nicht nur der finanzielle Aufwand für die Ausbildung bis zur Bühnenreife ist damit gemeint, auch die Lebensumstände der künstlerischen Berufsausübung, die viel Opferbereitschaft verlangen. Handelt es sich doch um Berufe, die vor allem in der Freizeit der anderen ausgeübt werden. Freilich gewähren diese Berufe auch Höhepunkte, so dass man mit keinem anderen tauschen möchte.

Dennoch ist es ein Beruf mit all den Problemen, die eine Berufstätigkeit mit sich bringt. Der Umstand, Künstler zu sein, enthebt einen nicht der irdischen Sorgen. Im Gegenteil, er vergrößert sie. Die Arbeitszeiten liegen im Vergleich zu den so genannten “bürgerlichen” Berufen völlig anders. Sonn- und Feiertagsarbeit sind die Regel, die abendliche Vorstellung der Zweck der ganzen Unternehmung. Zu dieser andersartigen Berufstätigkeit gehört auch die Bereitschaft zum Wechsel von Bühne zu Bühne.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass man es als Einzelner schwer hat, ständig dem freien Spiel der Kräfte ausgeliefert zu sein und gleichzeitig volle Leistung zu erbringen. Ein Minimum an Existenzsicherung muss gewährleistet sein, die spätere Alterssicherung eingeschlossen. Das “soziale Netz” garantiert zwar dieses untere Minimum, aber davor hat der Gesetzgeber “Anspruchsvoraussetzungen” gestellt, die erfüllt sein müssen, bevor eine Leistung erfolgt. Innerhalb bestimmter “Rahmenfristen” müssen Versicherungszeiten erworben sein, nach denen sich der Leistungsumfang bestimmt. Der “Künstler” wird hier nach ganz und gar normalmenschlichen Grundsätzen behandelt. Keine Spur von einer Ausnahmesituation, die tatsächlich besteht, aber nicht berücksichtigt wird. Wer aber wird sich am Anfang seiner Karriere bei solchen Überlegungen aufhalten?

Die erste Begegnung mit den Niederungen der realen Welt erfolgt schon bei der Vertragsanbahnung. Begeistert unterzeichnet man den “Wisch” und freut sich seines Engagements. Hat man das Glück, gleich mit einer guten Rolle oder Partie “einsteigen” zu können, überspielt man die Widrigkeiten einer kleinen Bühne oder eines Tournee-Theaters. Die gehobene Stimmungslage kann auch noch das zweite Bühnenjahr andauern; darauf aber folgt – genauer: sollte folgen – der “Fachvertrag”. Das würde bedeuten: höhere Gage, gute und noch bessere Rollen und Partien. Da aber steigen die meisten Theaterleiter aus. Mehr Geld steht ihnen nicht zur Verfügung, außerdem “lebt das Theater vom Wechsel”. In dieser Situation erst wird es einem klar, was es heißt, auf zeitlich befristeten Verträgen angestellt zu sein. Es folgt eine Phase des “Herumtingelns”, mal hier, mal dort, bis es wieder zu einem längerfristigen Anschlussengagement kommt.

Diese Bewährung im Beruf kann einem keine Organisation abnehmen. Was eine gewerkschaftliche Organisation – wie die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) – jedoch kann, ist eine arbeitsrechtliche Grundlage zu schaffen, die elementare Bedingungen sichert. Das geschieht über die “Tarifverträge”. Diese beinhalten die Rahmenbedingungen, unter denen der Einzelarbeitsvertrag abgeschlossen wird. Am Theater ist das der “Normalvertrag Bühne”.

1871 wurde die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger – GDBA – in Weimar gegründet. Eine Witwen- und Waisenkasse und eine Pensionsanstalt wurden im Lauf der Zeit errichtet. Von da her stammt die Bezeichnung “Genossenschaft”, die sich bis heute erhalten hat. In den Jahren 1919 und 1924 wurden die ersten “Normalverträge” geschaffen, deren Grundzüge bis in die Gegenwart reichen.

Manchen Politikern ist in Anbetracht fortdauernder Haushaltsengpässe die Theaterfinanzierung mehr als ein Dorn im Auge. Doch vor lauter kurzatmigen Einsparungsbeschlüssen wird übersehen, dass das Theater nach wie vor ein unverzichtbarer Mittelpunkt im Kulturleben einer Stadt ist. So kommen zu der den Bühnenberufen immanenten Unsicherheit die noch belastenderen Unsicherheitsfaktoren der Haushaltslage der öffentlichen Hand. Mancherorts droht der Abbau von Kunstgattungen oder gar die Schließung eines Theaters.

Gegen die “außenbürtigen” Kräfte kann man sich nur in der Geschlossenheit der gewerkschaftlichen Organisation zur Wehr setzen. Mit dem Schlagwort der “Individualisierung” hat man einen alten Begriff der Gewerkschaftsbewegung verdrängt: Die Solidarität. Sie hat angeblich ausgedient, soll nicht mehr in die heutige Zeit passen. Mag auch der Begriff “Solidarität” durch übermäßigen Gebrauch abgenutzt sein: ohne Zusammenschluss mit anderen kann sich der Einzelne in dieser Gesellschaft nur schwer behaupten. Die Herausforderungen in dieser Zeit werden nur in der Rückbesinnung auf die traditionelle Form der Solidarität zu meistern sein: im gemeinsamen Einstehen für gemeinsame Ziele.

Ohne gewerkschaftlichen Zusammenschluss, sei es im Lokalverband oder als Einzelmitglied, kann es keine Wahrung von Rechten und keine Durchsetzung von Interessen der Bühnenangehörigen geben.

Doch nicht nur die Wahrnehmung der übergreifenden Interessen im Lokalverband erfordert den gewerkschaftlichen Zusammenschluss. Die Verhandlungssituation des Einzelnen ist ohne diesen Rückhalt gefährdet. Mit einer Einstellung: “keiner für alle – jeder für sich”, sind weder die Probleme des Einzelnen noch die des Theaters und seiner kulturpolitischen Aufgabe in der “Wissensgesellschaft” zu meistern. Zur Beherrschung des künstlerischen Metiers, für das man sich entschieden hat, gehört in gleicher Weise die Kenntnis der Rechtsverhältnisse, auf die man sich vertraglich eingelassen hat. Das ist ganz und gar nicht “unkünstlerisch”, sondern existenznotwendig, um sich in zeitlich befristeten Arbeitsverhältnissen behaupten zu können. Man muss seine Rechte kennen, um sie nützen zu können. Darum ist die Mitgliedschaft in der GDBA in der heutigen Theaterpraxis genauso notwendig wie vor mehr als einhundert Jahren, als sie in Weimar gegründet wurde.

Hans Herdlein