Jörg Löwer Geschrieben am 11 Oktober, 2010

Thalia Theater in Halle soll geschlossen werden

Ludwig BarnayDer Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle hat am 08.10.2010 die Schließung des Thalia Theaters beschlossen. Jetzt gibt es für alle Beteiligten laut Aufsichtsrat die Wahl: Entweder werde das innovative Kinder- und Jugendtheater zum Spielzeitende geschlossen. Oder es würden Haustarifverträge für die GmbH vereinbart, die die Schließung um zwei Jahre hinauszögern könnten. Also eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Nachzulesen hier in der Mitteldeutschen Zeitung.

Mittlerweile liegen im Foyer Kondolenzlisten aus, in die man sich eintragen kann (hier ein Bericht ebenfalls aus der Mitteldeutschen Zeitung). Die politische Diskussion um die Schließungsabsichten hat begonnen, in der Politiker der Grünen die Vorgehensweise beklagen (nachzulesen hier auf der Website HalleForum.de). Grünen-Stadtrat Dietmar Weihrich findet:

„Das ist nicht Aufgabe des Aufsichtsrates, sondern originäre Aufgabe des Stadtrates.“ (…) „Es ärgert uns, dass wir da Außen vor gelassen wurden.“

In der Mitteldeutschen Zeitung beklagt der Autor Andreas Montag in dem Kommentar Rette sich, wer kann:

„Die Schwächsten werden nicht in Sicherheit gebracht, sondern müssen über Bord.“ (…) „Gleichwohl geht der angekündigte Schnitt eindeutig zu Lasten der jungen Zuschauer. Die aber bestimmen über die Zukunft des Stadttheaters.“

Und die Intendantin des Thalia Theaters hat sich in einer Erklärung zum Beschluss des Aufsichtsrates geäußert:

Wir, das Thalia Theater, sind vor zwei Jahren der Theater, Oper und Orchester GmbH beigetreten, ohne von dieser Zusammenführung überzeugt zu sein.
Wir ahnten, dass wir mit unserer flachen Struktur in der zentralistischen Führung der GmbH Dauerstress auslösen.
Da wir in der Vergangenheit wiederholt Kürzungen im Personalbereich kreativ verarbeiteten, hatten wir uns sehr weit von einer klassischen Stadttheaterstruktur entfernt. Die durchaus schmale Betriebsführung, die ungewohnte Aufgabenverteilung, der Wegfall von Dramaturgie zugunsten von Projektleitern und die daraus resultierenden Erfolge bei der Beschaffung von Drittmitteln, versetzten uns in die Lage, neue Formen der Kulturvermittlung mit Kindern und Jugendlichen auszuprobieren. Dabei hatten wir viele Unterstützer: Mit den Mitteln der Kulturstiftung des Bundes, der Deutsche Bank Stiftung, der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, der Förderung durch Lotto Toto, der Robert Bosch Stiftung, der IKEA Stiftung und der Unterstützung vieler regionaler Partner konnten eine Reihe bis dahin ungewohnter Theaterformen erprobt, entwickelt und zur Nachahmung weitergegeben werden.
Nicht allein die dafür empfangenen Preise und Auslobungen, sondern gerade die Wirkung in unserer Stadt Halle und ihrer Umgebung bestärkten uns auf unserem Weg.
Das Thalia Theater war bereit, diese Erfahrungen in die GmbH einzubringen.
Die Vielfalt unseres Angebotes: eine Mischung aus mindestens jeweils zwei Neuinszenierungen für 6 Altersgruppen zwischen 4 und 18 Jahren, der Erfolg der alle zwei Jahre stattfinden Kinderstadt, die Durchführung der Werkstatttage des Kinder- und Jugendtheaters in Zusammenarbeit mit der ASSITEJ e.V. bis 2004, die kontinuierlichen theatralischen Interventionen im Stadtraum, der Schwerpunkt nicht nur neue deutsche Dramatik vorzustellen, sondern anhand Frankreichs, Tendenzen der dramatischen Entwicklung Europas auch zu spiegeln und nicht zuletzt das durch die großzügige Unterstützung der Deutsche Bank Stiftung mögliche Stipendiatenprogramm – jungen Hochschulabsolventen die Möglichkeit zu geben, an einem regulären Theater über andere Formen der Kunstvermittlung, also dessen Abschaffung oder notwendige Veränderung nachzudenken – wiegte uns in die Gewissheit, ein wesentlicher und unverwechselbarer Bestandteil des kulturellen Lebens in Halle zu sein.
Circa 25 Inszenierungen erblickten im Thalia Theater in jeder Spielzeit das kritische Licht der Öffentlichkeit. Nicht vergessen werden darf die kontinuierliche Zusammenarbeit mit benachteiligten Jugendlichen und Randgruppen aus unserer Region. Diesen jungen Menschen eine Chance zu geben, die normaler Weise, den Weg zu uns gar nicht finden, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung des Thalia Theaters.
Selbstverständlich eckt man damit auch an, sorgt für Konfliktstoff und galt auch immer mal wieder als Nestbeschmutzer. In der Vergangenheit sind wir mit unterschiedlichen Institutionen, Verbänden und Gruppierungen dazu im Gespräch geblieben.
Fazit nach noch nicht zweijähriger Zugehörigkeit in der Theater, Oper und Orchester GmbH ist, dass diese Arbeit nicht gebraucht wird und unsere Angebote austauschbar sind.
Die Investition in die Zukunft der heranwachsenden Kinder und Jugendlichen, die vom Thalia Theater geleistet wurde und die wir bereit sind, weiterhin zu leisten, wird o h n e D e b a t t e zugunsten eines schnellen temporären Sparerfolgs liquidiert.

Annegret Hahn
Intendantin Thalia Theater
Halle, 9. Oktober 2010

(Nachtrag vom 14.10.2010)
32 Erstunterzeichner fordern inzwischen in einer Petition eine rechtliche Prüfung der Vorgänge und die Offenlegung der Zuschauerzahlen. Hier kann man unterschreiben.

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