Jörg Löwer Geschrieben am 22 November, 2010

Thalia Theater Halle vorerst gerettet und das Theater Bonn kämpft

Ludwig BarnayDas Thalia Theater Halle ist vorerst gerettet. Bei den Haustarifvertragsverhandlungen am vergangenen Freitag haben die Tarifparteien (unter ihnen die GDBA) eine Einigung erzielt. Ab 2011 bis Mitte 2016 verzichten alle Beschäftigten von Theater, Oper und Orchester auf Teile ihres Gehaltes und in diesem Zeitraum auch auf Lohnsteigerungen. Dadurch kann die GmbH in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben und betriebsbedingte Kündigungen sind dann ausgeschlossen. Man scheut sich als Gewerkschaft zwar, Gehaltsverzicht als Erfolg zu verkaufen, aber die Alternative wäre inakzeptabel gewesen. Der Einigung muss noch vom Aufsichtsrat zugestimmt werden, aber alle Seiten sind zuversichtlich, dass dies geschehen wird. Nachzulesen hier auf HalleForum.de und hier auf dem Portal der Mitteldeutschen Zeitung. Dort ist auch ein Video zu den Ergebnissen online gestellt:

Sicherlich ist die Entwicklung auch ein Erfolg der Mitarbeiter/innen des Thalia Theaters und Ihrer Onlinepetition (18210 Unterzeichner bis zum heutigen Tag) sowie der Protestseite thalia21.de.

Ein Weg, den die Betroffenen am Theater Bonn nun auch in Angriff nehmen. Auf der Seite JETZT IST SCHLUSS! kann man unter dem Motto „KÜRZUNGEN. CUTBACKS. COUPES. NEIN DANKE! seine Unterschrift gegen die geplanten Budgetkürzungen leisten.

Und diese Unterschriften sind inzwischen umso wichtiger, da sich Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch in verheerender (und im Hinblick auf Hamburger Kulturpolitik  ist man versucht, das Adjektiv „stuthscher“ einzuführen) Weise auf dem 3. Kölner Kulturpolitischen Symposium zur Sparte Oper in seiner (Heimat-)Stadt geäußert hat. Für ihn hätte es

„einen gewissen Charme, wenn die Oper künftig einen Schwerpunkt in Köln, der Tanz dagegen in Bonn hat.“

Er plädiert angesichts des Spardrucks wegen dessen Bedeutung für Kinder und Jugendliche für den Erhalt des Schauspiels. Und da man sich auf das in der Bürgerschaft fest verankerte beschränken müsse, für eine neue Beethovenhalle als kulturprägendes Markenzeichen. Nachzulesen hier im General-Anzeiger und hier im Kölner Stadt-Anzeiger.

Weiß er, dass das Beethoven Orchester zum großen Teil auch ein Opernorchester ist? Beethoven, Schauspiel und Tanz (wo es den zur Zeit weder in Köln noch in Bonn auf staatlichen Bühnen gibt) also in Bonn. Und die Opernliebhaber bekommen folgenden Rat:

„Von uns aus ist man in 30 Minuten in der Kölner Oper.“

Selbst die anwesenden Kulturdezernenten waren irritiert und auch die Presse kommentiert entsprechend:

„Nimptsch öffnet die Schleusen“ von Markus Schwering im Kölner Stadt-Anzeiger:

„Es ist, so weit wir sehen können, das erste Mal, dass ein Oberbürgermeister, der ja eigentlich für den Erhalt der Institutionen in seiner Stadt kämpfen sollte, aus eigenem Antrieb die Abrissbirne schwenkt. (…) Aber mit seinem brutalstmöglichen Vorschlag schafft der Bonner OB auch einen Präzedenzfall, er öffnet Schleusen. Dabei fließt viel Wasser auf die Mühlen derjenigen, denen die Kultur egal ist – es sei denn, sie tauge als Objekt für den Kahlschlag.“

„So wird der Ruf verspielt“ von Thomas Kliemann im General-Anzeiger:

„Noch vor der Bürgerbefragung, mitten in einer von Ängsten geprägten Situation und eine knappe Woche, bevor der etatmäßige Bonner Kulturdezernent seinen Job antritt, lässt Nimptsch die Opernbombe platzen. Ungeschick oder Kalkül? Beides fatal.“

Auch der Generalintendant des Theaters Bonn, Klaus Weise, hat sich im Deutschlandradio Kultur in einem Interview geäußert, nachdem ihn – wie er am Anfang des Beitrags erzählt – unser an der Veranstaltung teilnehmende Landesvorsitzende Adil Laraki auf die Aussagen des OB aufmerksam gemacht hat.

Bleibt die Frage: Was sagen eigentlich die Kölner dazu, dass der Bonner Oberbürgermeister ihr Schauspiel abschaffen will?

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Nachtrag vom 23.11.2010
Adil Laraki hat aufgrund der aktuellen Aussagen erneut einen offenen Brief an den Bonner Oberbürgermeister, Jürgen Nimptsch,  geschrieben:

Ihre Äußerung bei dem 3. Kölner Kulturpolitischen Symposium
„Oper in Köln, Tanz in Bonn“

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Sie saßen bei der o. g. Veranstaltung neben dem Kölner und dem Düsseldorfer Kulturdezernenten auf dem Podium und haben unter anderem die Wichtigkeit des Schauspiels und des Beethovenorchesters in Bonn betont. Auf die Frage, wie Sie sich die Zusammenarbeit in der Region vorstellen, haben Sie kurz und knapp – aber auch sehr sicher und selbstbewusst – geantwortet: „Oper in Köln, Tanz in Bonn“. Sie meinten auch, dem Publikum sei eine 30-km-Fahrt nach Köln absolut zumutbar. Das Entsetzen unter den Zuhörern war sehr groß, denn niemand hat mit einer solchen Kahlschlagsabsicht gerechnet.

Das Bonner Orchester genießt einen sehr guten überregionalen Ruf, vor allem auch wegen seiner Zusammenarbeit mit der Oper, die den wesentlichen Teil seiner Tätigkeit ausmacht.

Herr Quander, der Kölner Kulturdezernent, hat die Zusammenarbeit im Opernbereich wegen der unterschiedlichen Maße der Kölner und Bonner Bühnen kategorisch ausgeschlossen. Er bekräftigte eher sein Angebot, eine Tanzkompanie mit Bonn unterhalten zu wollen. Auf ein solch vernünftiges Angebot sind Sie nicht eingegangen.

Wie viel das Theater Bonn in den vergangenen Jahren an Einsparungen leisten musste und wie leise die bereits entschiedenen Kürzungen angegangen werden, ist bemerkenswert. Vor allem vor dem Hintergrund der Arbeitsverdichtung und der großen Belastung aller Mitarbeiter. Trotz dieser außergewöhnlichen Leistung, die große Anerkennung verdient, wird Ihrerseits beabsichtigt, weitere massive Einsparungen vorzunehmen. Die können nicht realisiert werden, ohne die Stadt Bonn um weitere Sparten ärmer zu machen.

Sie können dem Theater nicht einen Einsparungsmarathon nach dem anderen verordnen, ohne einen Zusammenbruch zu riskieren. Es sei denn, das ist Ihre Absicht. Ihre oben gemachte Aussage lässt dies stark vermuten.

Kann sich die Bundesstadt Bonn, die im Gegensatz zu anderen Städten expandiert und an Bevölkerung weiter wächst, die über 150 internationale Einrichtungen mit vielen Mitarbeitern beherbergt, die als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort gilt, weniger Theater leisten? Bonn darf sich mit solchen Entscheidungen nicht blamieren. Gerade Sie, der die Sozialpolitik als Grundsatz für sein Handeln propagiert, darf die Vernichtung vieler sinnvoller Arbeitsplätze nicht zulassen.

Sie haben sich darüber beklagt, dass Bonn für die Kultur jährlich 170 € pro Kopf ausgibt. Dies liegt daran, dass Sie ein sehr breites und großartiges Kulturangebot haben und das Theater ist ein wichtiger Teil davon. Wollen Sie das, was Ihre Stadt ausmacht und für den Zuwachs der Bevölkerung förderlich war, zurückfahren?

Im Interesse der Stadt Bonn appelliere ich an Sie, mit den sehr erfolgreichen engagierten Betroffenen eine für Bonn mit Weitsicht geplante und zukunftsorientierte Lösung zu finden.

Die momentane Notlage der Stadt darf nicht den Tod einer gewachsenen Kulturlandschaft diktieren.

Die Bürger und die Mitarbeiter des Theaters haben es verdient, dass Sie sich für sie einsetzen!

Mit freundlichen Grüßen

Adil Laraki
GDBA Landesverbandsvorsitzender

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