Theater im Arbeitslicht

theagerimarbeDie beiden Bände wenden sich an Bühnenangehörige – in deren Namen sie geschrieben wurden – genauso wie an den Deutschen Bühnenverein, als Arbeitgeberverband der Bühnen. Der am Theater interessierten Wissenschaft sollen sie neue Forschungshorizonte erschließen. Vor allem sollen sie dazu beitragen, einer theaterinteressierten Öffentlichkeit das Verständnis der Binnenstrukturen des Theaters zu vermitteln.

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Rezensionen:

UFITA – Archiv für Urheber- und Medienrecht – Band 2002/II

Das Orchester 10 – Oktober 2002 – S. 93

Kulturpolitische Mitteilungen – Zeitschrift der kulturpolitischen Gesellschaft – Nr. 95-IV/2001

Ballett-Journal/Das Tanzarchiv – 50. Jg. Nr. 1 – 1. Februar 2002


UFITA – Archiv für Urheber- und Medienrecht
Band 2002/II

 

„Theater im Arbeitslicht“ nennt Hans Herdlein, der Geschäftsführende Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, GDBA (um nur eine seiner zahlreichen Funktionen zu nennen), eine Sammlung kulturpolitischer Kommentare zur Realität an deutschen Bühnen, die im wesentlichen im Fachblatt der GDBA „bühnengenossenschaft“ von 1980 bis 2000 erschienen. Es sind zwei Bände mit zusammen über 1200 Seiten geworden, die die GDBA im Verlag Bühnenschriften-Vertriebs-GmbH 2001 herausgegeben hat. Vorausgeschickt wird eine umfassende Einleitung des Autors mit einer Art aktueller Standortbestimmung für den Themenkreis der Sammlung. Die Kommentare selbst, 168 an der Zahl, sind gruppiert um die Stichworte Kulturpolitik, Theater im „Beitrittsgebiet“, Strukturpolitik, Kulturmanagement, Theatergewerkschaften, Deutscher Bühnenverein, Intendanten, Tarifpolitik, Sozialschutz, Bühnentarifreform, Ballett, Medien, Künstler als Forschungsobjekt. In einem Exkurs werden Beiträge des Autors über die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen, die Sozialversicherung und die Künstlersozialversicherung abgedruckt. In einem Anhang werden das Sächsische Kulturraumgesetz und die Anordnung über die Gewährung einer berufsbezogenen Zuwendung an Ballettmitglieder in staatlichen Einrichtungen der DDR angefügt. Ein akribisches Literaturverzeichnis und ein umfassendes Personenregister beschließen das Kompendium.

Herdlein wollte mit seinen Kommentaren die Binnenstrukturen des Theaters, die „terra incognita“ wie er sie nennt, bühnengerecht ausleuchten. Und das hat er fürwahr mit einem veritablen Tageslichtscheinwerfer getan. Herd­lein beklagt zu Recht, dass eine öffentliche Auseinandersetzung mit den So­zialproblemen des Künstlers, hier also v.a. des Theaterkünstlers, kaum stattfin­det. Das belegt schon die heute mehr denn je aktuelle Diskussion über die „Befreiung“ der Theater aus den Fesseln der Tarifverträge, die häufig (v.a. über Haustarifverträge) zum Ziel hat, die soziale Stellung der Künstler abzubauen. Herdlein zitiert u.a. den Bericht des Bayer. Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst vom 23. September 1996 an den Bayer. Senat, in dem darauf hingewiesen wird, dass die tarifliche Mindestgage von 2500 DEM bei zahlreichen kleinen und mittleren Bühnen die regelmäßige Vergütung darstellt und junge Sänger, Schauspieler und Solotänzer sich sozial ausgegrenzt vorkommen, wenn ihre Gagen nur geringfügig über den Gehältern des Reinigungspersonals und im Durchschnitt deutlich unter der Vergütung der Bühnenarbeiter liegen.

Herdlein plädiert dafür, die Kulturfinanzierung zu einer öffentlichen Pflichtaufgabe zu erklären, und verspricht sich davon eine ähnliche soziale Absicherung für die Künstler, wie dies für das administrative und (teilweise) das technische Theaterpersonal über deren Integration in den BAT und den BMT-G der Fall ist. Freilich wird man bedenken müssen, dass – wie die Praxis zeigt – auch die öffentlich-rechtliche Einbindung (die es ja, allerdings nur für die ausgehandelten Gagen, über den Anpassungsrahmentarifvertrag gibt, der die Gagen der öffentlichen Bühnen an die Entwicklung des BAT koppelt) kei­neswegs den Bestand der Theater selbst gewährleistet. Letztlich sind es doch die Theaterbesucher und das aktive öffentliche kulturelle Selbstverständnis, die ein Theater tatsächlich am Leben halten. Denn eine Gesellschaft wie die unsere kann sich Theater natürlich leisten, wenn sie ihm die entsprechende gesellschaftliche Priorität zuerkennt.

Herdlein kämpft in seinen Kommentaren an allen Fronten für den Erhalt des Theaters und der Theater. Und es geht ihm dabei nicht einfach um Arbeitsplätze. Es kommt darauf an, bringt Herdlein die Diskussion auf den Nen­ner, „den primären Nutzen der Kunst als Ferment der gesellschaftlichen Er­neuerung nicht dem sekundären Nutzen der Kunst als ökonomischem Faktor unterzuordnen“. Wie wahr! Herdlein wird dabei nicht müde, ein effektives Theatermanagement anzumahnen, und setzt sich auch engagiert mit der hierzu erschienenen Literatur auseinander. Er fordert die Ablösung der Kameralistik und die Einführung moderner Steuerungssysteme. Allerdings könnte man die Kameralistik durchaus so ausgestalten (und mit einer unternehmensadäquaten Kostenkontrolle koordinieren), dass ein Theater damit gut zurecht kommen kann; denn auf der anderen Seite führt die von Herdlein: ebenfalls beklagte gegenwärtige Welle der „Gutachteritis“ theaterfremder Wirtschaftsberater zu einer nicht minder fachfremden Bewertung der Kultureinrichtung Theater und zu einer neuen Art von Bürokratisierung, in der Rechnungssysteme zum Selbstzweck und zur betriebswirtschaftlichen Spielwiese werden.

Natürlich nimmt die Diskussion des Bühnentarifsystems selbst einen breiten Raum in Herdleins Kommentaren ein. Herdlein steht dem bei NV Chor und NV Tanz bereits eingeleiteten Versuch der Zusammenfassung aller Theatertarifverträge in ein großes Tarifwerk äußerst kritisch gegenüber. Er sieht als wachsamer Gewerkschaftler den Hauptzweck im Abbau von Sondervergütungen und der Ausdehnung der Arbeitszeit. Unabhängig von der hinter diesem Unterfangen stehenden, zweifellos beachtlichen „gesetzgeberischen“ Leistung des Bühnenvereins und der Notwendigkeit der Entrümpelung von überholten Bestimmungen, stellt sich tatsächlich die Frage, ob dieses Konvolut nicht letztendlich ein Ausmaß an Unhandlichkeit jedenfalls für die Masse der Bühnen, die keine Mehrspartentheater sind, erreicht, die den Praktiker und noch mehr den betroffenen Künstler) mit Sehnsucht an die alten handlichen und eingespielten Normalverträge zurückdenken lässt.

Es ist hier nicht möglich, den umfassenden Problemzyklus, mit dem sich Herdleins Kommentare auseinander setzen, auch nur annähernd abzuschreiben. Die beiden Bände sind eine Fundgrube für alle aktuellen «internen»Theaterthemen. Sie zeigen, wie sie Herdlein mit heller Wachsamkeit und Kritik in den letzten zwanzig Jahren bewertet. Er bleibt seiner Linie unverrückbar treu. Er scheut die Auseinandersetzung mit dem Bühnenverein und mit der Intendantengruppe des Bühnenvereins so wenig wie die mit den Kulturpolitikern oder mit der eingehend referierten maßgeblichen Rechtsprechung (dass etwa das Bundesarbeitsgericht den Arbeitgeber gezwungen hat, im der Nichtverlängerung eines Künstlerdienstvertrags vorgelagerten Anhörverfahren eine nachvollziehbare Begründung seiner Entscheidung zu geben, war nicht zuletzt Ergebnis auch der von Herdlein beharrlich vertretenen Rechtsposition). Die Kommentare sind vor allem als Dokumente der Diskussion ums Theater interessant. Und oft knüpft Herdlein aufhellende Verbindungen zur Geschichte einzelner Themen. Das Florett wird geschickt geführt, und es ist mehr als anregend, ihm dabei zuzusehen, ein respektgebietender, versierter und engagierter Kämpfer für die Interessen der Bühnenkünstler und der Bühnenkultur.

Dr. Hanns Kurz, München


Das Orchester 10 – Oktober 2002 – S. 93

 

Wer seit 30 Jahren Geschäftsführender Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger ist, der kennt die Probleme hinter dem Bühnenvorhang und hat vieles über die Arbeitswelt und das kulturpolitische Umfeld in den vergangenen Jahrzehnten mitzuteilen. Die beiden Sammelbände mit Kommentaren zu theaterpolitischen Fragen, die der Autor monatlich in der Zeitschrift bühnengenossenschaft veröffentlicht hatte, geben – ergänzt durch weitere Beiträge – eine Übersicht zentraler Bühnenkünstlerprobleme unserer Zeit.

Bemerkenswert ist immer wieder, wie aktuell die Stellungnahmen zu kulturpolitischen Fragen geblieben sind. Was der Autor 1993 anlässlich der Leipziger Theatergespräche gesagt hat, ist zehn Jahre später noch genauso zutreffend: Die Finanzierung der Theater muss öffentliche Pflichtaufgabe werden, „damit sie von dem immensen Druck entlastet werden, den die Tarifbewegungen des öffentlichen Dienstes von allgemeinen Gehaltserhöhungen bis zur Arbeitszeitverkürzung im künstlerischen Etat auffangen zu müssen“. Der unverzichtbaren Kulturfinanzierung, der Kulturförderungspolitik, dem Kulturraumgesetz, der Sparkultur und der Tarifpolitik bei leeren Kassen sind folgerichtig weitere Beiträge gewidmet.

Ein Kapitel „Theater im Beitrittsgebiet“ befasst sich mit der Umbruchsituation seit 1990 und mahnt, die kulturelle Substanz zu erhalten. Dazu verpflichtet der den beiden Sammelbänden vorangestellte Artikel 35 des Einigungsvertrags. Es ist spannend, auf rund 40 Seiten nachzulesen, welche Probleme die Zusammenfügung der beiden Teile Deutschlands 1990 und 1991 im Theaterbereich brachte, und traurig, was in der Praxis der folgenden Jahre für Bühnenangehörige der DDR verloren gegangen ist: geregelte Arbeitszeit und Kündigungsschutz, berufsbezogene Zuwendung für Ballettmitglieder und die spezielle medizinische Betreuung der Bühnenkünstler und der Orchestermusiker durch die Betriebsambulatorien. Gleichzeitig ist die Schilderung der Tatsachen ein historisches Dokument.

Die Arbeitsbedingungen der künstlerischen Bühnenangehörigen und das kulturpolitische Umfeld bilden Schwerpunkte in den beiden Bänden. Zu ihren 14 Kapiteln gehören „Kulturmanagement“, „Strukturpolitik“, „Sozialschutz“, „Bühnentarifreform“ und – mit Humor und Ironie gewürzt – „Deutscher Bühnenverein und Intendanten“. Daneben finden sich z. B. kurze, sachliche Zusammenstellungen der Kulturdebatten vom 9. November 1984 und vom 4. Dezember 1986 im Deutschen Bundestag. Alles in allem eine Fundgrube kulturpolitischer Entwicklungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Wolfgang Spautz


Kulturpolitische Mitteilungen
Zeitschrift der kulturpolitischen Gesellschaft
Nr. 95-IV/2001

 

Länger als alle Kulturdezernenten, die heute noch im Amt sind, prägt Hans Herdlein die Theater- und damit auch ein wichtiges Feld der Kulturpolitik entscheidend mit. Seit 1972 ist er Vorsitzender der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger und wirkt darüber hinaus in zahlreichen weiteren kulturpolitischen Gremien wie etwa dem Deutschen Kulturrat an zentraler Stelle mit. Mit einer Regelmäßigkeit, die ihresgleichen sucht, erscheinen zehnmal im Jahr seine zwei bis vier Heftseiten umfassenden Einlassungen zu den zentralen Fragen der Theater- und Kulturpolitik. Mal analysierend, mal polemisch eingreifend, mal ironisch-kritisch, aber immer Position beziehend und kämpferisch. Etwa 180 dieser monatlichen Beiträge sind in den beiden vorliegenden Bänden „Theater im Arbeitslicht“ zusammengestellt. Gegliedert in 14 Sachkapitel wie Kulturpolitik, Theater im „Beitrittsgebiet“, Kulturmanagement, Strukturpolitik, Deutscher Bühnenverein, Tarifpolitik lesen sich die Beiträge heute als Kommentar zur Theater- und Kulturpolitik der 80-er und 90-er Jahre und sind somit ein nützliches Kompendium der kulturpolitischen Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte.

Bernd Wagner


Ballett-Journal/Das Tanzarchiv
50. Jg. Nr. 1 – 1. Februar 2002

 

Dem Mythos des Theaters als allheiligem, unantastbarem Musentempel stellt die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger mit „Theater im Arbeitslicht“ eine nüchterne Darstellung der Arbeitsrealität von Kulturschaffenden an deutschen Theatern gegenüber. Ein besonderes Interesse gilt dabei den sozialen Bedingungen beim Zustandekommen von Kunstereignissen, die so gut wie nie öffentlich reflektiert werden.

So berichten die beiden Bände über das kulturpolitische Umfeld, innerhalb dessen sich künstlerische Arbeit in den vergangenen 20 Jahren an deutschen Bühnen entwickeln konnte (oder auch nicht), denn über dem Arbeitsalltag am Theater schwebt stets die Unsicherheit, der das Theater als öffentlich subventionierte Institution ausgesetzt ist. Darüber hinaus informiert „Theater im Arbeitslicht“ gründlich über Tarifpolitik, Sozialschutz, Sozialversicherungen und Gewerkschaften. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ergänzt die Sammlung früherer Beiträge aus der Zeitschrift „Bühnengenossenschaft“. Die beiden Sammelbände wenden sich an Bühnenangehörige sowie an den Deutschen Bühnenverein als Arbeitgeberverband. Aber auch für den am Theater interessierten Laien finden sich aufschlussreiche Informationen.

Das zwölfte Kapitel behandelt ausschließlich das Ballett. Die Artikel befassen sich im Wesentlichen mit dem sozialen Status des Tänzers sowie mit dem Zustand der Sparte Tanz an den deutschen Musiktheatern. Hans Herdlein schreibt hier nicht zuletzt deshalb mit besonderer Sachkenntnis, weil er selbst früher Tänzer war und seit vielen Jahren als Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger erfolgreich für die Belange des Balletts eintritt. Bezüglich des Tänzerberufes wurden in den achtziger Jahren verschiedene Forderungen gestellt und zum Teil auch durchgesetzt. Zunächst eine einheitliche Regelung der Tanzausbildung, um besonders die „freie Wildbahn“ der privaten Tanzausbildung zu beschneiden. Zur Erinnerung: In Deutschland kann jeder Gymnastiklehrer, aber auch jeder Bäckermeister eine Ballettschule eröffnen! Sodann eine Regelung der Berufsausübung durch Tarifverträge, in denen das Gehalt, die Arbeitszeit und die Ruhetage verbindlich festgelegt sind. Schließlich eine bessere Altersvorsorge für Tänzerinnen und Tänzer, da sie ihren Beruf nur bis ca. 40 ausüben können und ein Wechsel in einen anderen Beruf häufig problematisch ist.

Da manche dieser Bedingungen in Zeiten leerer Kassen nur schwer zu erfüllen sind, haben in den neunziger Jahren Intendanten und Kulturpolitiker zu tricksen begonnen. Sie nannten ihre Ballettensembles einfach „Tanztheater“, um den geltenden Tarifvertrag zu unterlaufen. Dass in der Folge häufig das Publikum aufgrund mangelnder künstlerischer Qualität ausblieb, war den Verantwortlichen nur recht. So wurden mit Verweis auf mangelnden Erfolg und mangelnde Wirtschaftlichkeit ganze Ensembles exekutiert.

Umgekehrt werden aber Millionenbeträge für die Prüfung ganzer Häuser durch Unternehmensberater wie die Firma Kienbaum zur Verfügung gestellt, die natürlich im Ballettbereich phantastische Sparmöglichkeiten entdecken. Dass kreative, künstlerische Arbeit nicht nur unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden kann, haben die Verantwortlichen wohl schlichtweg übersehen.

Im Jahr 2000 bot die Lage an vielen Theatern ein desolates Bild: Fusionspläne bedrohen vitale Compagnien (Berlin, Düsseldorf, Essen), andere Ensembles wurden privatisiert und dann aufgelöst, wie das Kölner Tanzforum, wieder andere werden langsam von innen durch Personalreduktion ausgehöhlt (Aachen, Würzburg).

Die Leidtragenden dieser Entwicklungen sind diejenigen, die sowieso schon das höchste Berufsrisiko im Theaterbetrieb tragen: die Tänzerinnen und Tänzer, denen man nun auch noch die Chance einer würdigen Berufsausübung nimmt.

Wahrlich, die Situation des Balletts an deutschen Bühnen sieht nicht rosig aus, obwohl vom Tanz wesentliche künstlerische Impulse und Innovationen ausgehen, die für die gesamte darstellende Kunst unverzichtbar sind. Daher sei „Theater im Arbeitslicht“ allen Kulturpolitikern als gruselige Nachtlektüre wärmstens ans Herz gelegt, damit in Zukunft weitere drastische Einsparungen verhindert werden.

Jörg Hawlitzeck