Geld, Geld, Geld

Von Jörg Löwer

Wenn man aktuelle Diskussionen über Kulturabbau verfolgt, fällt bei den Kritikern dieses Abbaus immer wieder ein Argument: Kultur dürfe nicht unter das Diktat der Wirtschaftlichkeit und des Marktes gestellt werden.
Ein frommer Wunsch, der naiv ist, realistisch betrachtet.

Die nächsten Sparmaßnahmen werfen ihre Schatten voraus. Die Probenzeit für überwiegend mit Gästen besetzte Stücke wird neuerdings gerne auf 4 Wochen verkürzt. Macht zwei bis vier Wochen weniger Entlohnung (an Theatern, die Proben bezahlen). Die Gäste arbeiten dann eben 12 Stunden, ein Verstoß gegen jede gesetzliche Regelung. Das ganze passiert ohne offizielle Klagen – man ist ja froh über den Job und will sich durch Beschwerden nichts verbauen.

Mit Glück hat man sogar mehrere Gastverträge, die sich nicht überschneiden. Da kann man doch auch mal wochenlang auf freie Tage verzichten. Schließlich weiß niemand, wann man wieder so ein Glück haben wird. Nur krank sollte man nicht werden, denn dann entfällt das Vostellungshonorar. Soviel zum kollektiven Durchwurschteln.

Geld ist alles – da muss es erlaubt sein, den Spieß umzudrehen.
Stellen wir mal den Hauptträger der Theaterlandschaft, den Staat mit allen seinen Organen, unter das Diktat der Wirtschaftlichkeit.
Da die öffentlichen Kassen leer sind, sinken seit Jahren die Theateretats. Man muss sparen mit all den sich daraus ergebenden Folgen (vor allem arbeitslosen Theaterschaffenden). An sich bis hierher bei gutem Willen nachvollziehbar.
Aber Staat ist ja nicht nur Theaterträger (sei es das Land oder die Stadt).

Staat sind auch die Agentur für Arbeit und die ARGEs (Arbeitsgemeinschaften) mit allen anhängenden Satelliten, z.B. den von ihr finanzierten Weiterbildungsvereinen, den Ein-Euro-Maßnahmen oder der Zentralen Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung (ZBF).
Der für Vermittlung (!) regulärer Arbeit zuständige Satellit ZBF sollte auf Vorschlag des Bundesrechnungshofes verkleinert werden. Auch hier also auf den ersten Blick Einsparung.

Jetzt könnte Schluss sein, gäbe es nicht den boomenden Markt von Beschäftigungsmaßnahmen und Weiterbildungsangeboten. Schließlich müssen die von den sparenden Theatern freigesetzten „Klienten“ „betreut“ werden.
Als Folge explodiert die Anzahl der Hartz-IV-Ensembles, der 1-Euro-Kompanien und teurer Weiterbildungskurse auf Agenturkosten.
Ein Schauspieler in einer 1-Euro-Truppe kostet aber nicht nur 345 Euro Grundsicherung, 170 Euro 1-Euro-Lohn und 300 Euro Wohngeld.
Folgende Zusatzkosten wurden von einem „Insider“ aufgeschlüsselt.

Die zuständige Trägereinrichtung der Maßnahme erhält mehrere hundert Euro „Regiekosten“ (was nichts mit Regie in unserem Sinne zu tun hat, sondern Anleitungs-, Verwaltungs- und Kontrollkosten sind), Finanzierungskosten der Maßnahme von 350 Euro, in den ARGEs entstehen Verwaltungskosten, Sozialversicherungsleistungen von 200 Euro werden fällig, 83 Euro Fortbildungsgeld für den 1-Euro-Jobber, etc. …
Das macht bei vorsichtiger Schätzung einen Betrag aus, der deutlich über der Mindestgage am deutschen Stadttheater liegt.
Nicht zu vergessen, dass hier eine „staatliche“ Konkurrenz zur freien Szene entsteht.

Wer zahlt in der freien Szene seinen Darstellern noch 50 Euro Abendgage, wenn er „Regiekosten“ abschöpfen kann und die Darsteller vom Amt bezahlt werden?
Und wer prüft eigentlich die Qualifikation der Leiter der Hartz-IV-Ensembles? Ein Verantwortlicher ist mir persönlich aus regulärer Theaterarbeit als unfähiger Regieassistent bekannt. Wollte hier jemand eher seiner eigenen Karriere auf die Sprünge helfen, weil es am freien Theatermarkt nicht vorwärts ging und sein Talent vor allem im Erstellen von überzeugenden Konzepten in Beamtendeutsch liegt?

Bei aller Polemik scheint mir eines klar:
Reguläre Kunstarbeit wird rationalisiert und in Dumpingkunst (die nicht billiger ist) umgewandelt. Das alles wird dadurch ermöglicht, dass der eine Finanztopf mit dem anderen nichts zu tun hat.
Leider wird Kritik an diesen Strukturen am ehesten dazu führen, daß die betroffenen Arbeitslosen gleich komplett umgeschult werden, statt unsinnige öffentliche Geldströme wieder in den ersten Arbeitsmarkt Theater zurückzuführen.
Warum regt sich die Politik über das Verhalten von Hedgefonds auf, den sogenannten Heuschrecken? In der Kulturpolitik agiert der Staat mindestens wie ein Grashüpfer.

Jörg Löwer ist Musicaldarsteller und Choreograf und war von August 2009 bis Mai 2013 Persönlicher Referent des Präsidenten der GDBA. Im Mai 2013 wurde er zum Präsidenten der GDBA gewählt.

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