Der selbstständige Opernsänger als Unternehmer

Am 07. Februar 2007 hat uns das deutsche Bundesarbeitsgericht endlich einen lange geträumten Wunsch erfüllt. Wir gastierenden Opernsängerinnen und -sänger sind jetzt selbstständig – 5 AZR 270/06. Wir sind also gar nicht mehr weisungsgebunden– gegenüber niemandem. Nicht den Anweisungen des Regisseurs, der ohnehin nichts hält von Werktreue, und auch nicht gegenüber Dirigenten bei der Vorstellung. Die Maestri müssen uns jetzt – seit der neuen Rechtsprechung mit dem Orchester begleiten. Nicht wie früher, als sie sogar teilweise recht ungehalten werden konnten, wenn man ihrem geschwungenen Elfenbeinstäbchen tempomäßig nicht Folge leistete. Aber was machen wir, wenn Regisseure und Dirigenten ebenfalls als selbstständig eingestuft sind und wir uns vertragen sollen, damit die Aufführung der Oper zu einem Gesamtkunstwerk gedeiht? Dann entscheidet der Stärkere mit dem schwarzen Gürtel und damit immer der selbstständige Opernsänger.

Wir selbstständigen Sänger erwerben durch 5 AZR 270/06 auch ein Miturheberrecht am Gesamtkunstwerk Oper. Das ist so neu und wunderbar, dass dem Hohen Gericht die zwangsläufigen Folgen einer Miturheberschaft völlig entgangen sind (vgl.§ 8 UrhG), wonach „das Recht zur Verwertung des Werkes den Miturhebern zur gesamten Hand zusteht; Änderungen des Werkes sind nur mit Einwilligung der Miturheber zulässig. Jeder Miturheber ist berechtigt Ansprüche aus Verletzungen des gemeinsamen Urheberrechts geltend zumachen. Die Erträgnisse aus der Nutzung des Werkes gebührenden Miturhebern nach dem Umfang ihrer Mitwirkung an der Schöpfung des Werkes.“

Deshalb müssen jetzt die Theater mit uns vertraglich festlegen, wie hoch – in Prozenten gemessen – wir an der Regie, am Bühnenbild – am Gesamtkunstwerk eben, auch außerhalb unserer gesanglichen Leistung, beteiligt sind. Vielleicht sollte man dazu die Noten unserer Gesangspartie und ihre auszuhaltende Länge zählen und messen, die zeitliche Gesamtdauer der Aufführung und gesangliche Präparationszeit – mit Stoppuhr– in Beziehung setzen zu den entsprechenden Beiträgen mit den anderen am Gesamtkunstwerk Beteiligten. Unsere mittlere Phonstärke unser kammersängerliches Körpergewicht? Wie lange muss jenes bei „La Traviata” auf den Brettern, die die Welt bedeuten sollen, präsent sein? Wie steht es mit den staatlichen Subventionen? Dem Umsatz bei freiem Verkauf an das Publikum? Geschlossenen Vorstellungen? Werden hier Einnahmen prozentual an die selbstständigen Künstler, also die Teilhaber an der Aufführung umgelegt? Nachwelchem Schlüssel?

Aber dafür gibt es für uns Selbstständige keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder bei Absage durch Indisposition –auch nicht für „Parsifal“. Auch kein Arbeitslosengeld. Deshalb bestimmen jetzt wir – und um nicht zu ermüden und dabei unserem Immunsystem und in Folge unserer Stimme zu schaden–, wie aktiv wir uns an Proben und damit der Regie oder der gesamten Opernaufführung beteiligen. Zum ersten und letzten Mal – ganz sicher!

Das Bundesarbeitsgericht bietet uns selbstständigen Opernsängern jetzt in seiner Rechtsprechung – 5 AZR 270/06 – eine wunderbare, weil rechtlich sehr eindeutige Lösung an: Die Gründung eines eigenen Unternehmens – hier eines Opernhauses. Damit wird man tatsächlich selbstständig. Denn eine selbstständige Tätigkeit kennzeichnet das eigene Unternehmerrisiko, die Verfügungsmöglichkeit über die eigene Arbeitskraft und die im Wesentlichen freigestaltete Tätigkeit und Arbeitszeit. Eine eigene Betriebsstätte ist allerdings nicht notwendig (BSG-Urteil vom 31.Mai 1978 – 12 RK 25/77 -).

Wie gehen wir vor? Wir gastierenden Künstler sind in der Regel kaum durchgehend an den Theatern beschäftigt. Zwischen den einzelnen Engagements entstehen Leerzeiten, die zwar für Studienzwecke an neuen Rollen, zum Auffrischen von gesungenen Partien, zum stimmlichen und körperlichen Training oder auch zur Bewältigung der komplizierten Buchführung genutzt werden. Für die Agentur für Arbeit sind wir aber sozusagen untätig undmelden uns dort. Wir möchten Hartz IV beantragen. Gibt es denn das auch für selbstständige Opernsänger? Wir gehen zu unserem Sachbearbeiter, zu obligaten Vorträgen zwecks Weiterbildung, lernen einen Businessplan zu erstellen und erhalten neun Monate lang und länger finanzielle Unterstützung zur Gründung einer eigenen Existenz. Deshalb müssen wir selbstständigen Opernsänger auch Intendant des Institutes und weiter in Personalunion Verwaltungsdirektor, erster Solist sein, Beleuchter, Toningenieur, Öffentlichkeitsarbeiter usw. Detaillierte Informationen zu den Möglichkeiten der Existenzgründung finden wir im BBZ-Heft 9 (Beruf Bildung Zukunft) Existenzgründung. Und noch einmal die Bundesagentur für Arbeit, Stand 01.01.2007, Merkmale, die für die Annahme einer selbstständigen Tätigkeit sprechen: Die Entscheidungsfreiheit des Auftragnehmers, wann und wie viel Betriebsmittel/Transportmittel/Produktionsmittel angeschafft werden und wie die Anschaffung finanziert wird.

In der Regel handelt es sich bei der Gründung einer Oper um einen geschlossenen Raum. Der große Keller neben der Waschküche kann genügen. Licht, Heizung, getrennte Toiletten, Fluchtwege bei Brandgefahr – es bedarf jedoch keiner Parkplätze. Die Staatsopern Hamburg, Wien, Berlin usw. haben auch keine eigenen. Eine Bühne? Nichts leichter als das. Selbstgebaut ausSperrholz, Zwanzig Stühle für die Zuschauer. Es gibt keine Verordnung über die Größe einer derartigen Einrichtung. Vor 60Jahren wurde in New York das bisher kleinste Opernhaus der Welt gegründet. 120 Menschenfinden in der „Amato Opera“ Platz, die Bühne ist kaum größer als ein Wohnzimmer. Vielleichtetwas größer als unsere Kelleroper … Aber nur etwas.

Wir spielen 5 Mal die Woche. Ausschließlich zeitgenössische Werke junger Komponisten. Auch nachmittags für Kinder. Die Wiedergabe der Opern unterliegt jeglicher künstlerischen Freiheit. Das bestätigen auch immer wieder Politiker, wenn sie nach Festspielpremieren von den Medien befragt werden, ob ihnen die Aufführung gefallen hätte. Neben einem stimmlichen Kunstgenuss –Karaoke – darf noch etwas vorgelesen werden. Kurz: Es muss sich um eine geschlossene Vorstellung handeln. Auch eine halbeStunde genügt. Und das schaffen wir leicht, wir, die selbstständigen Kammersänger.

Und ehe ich es vergesse: Ein mit Bravour bestandenes Examen als Opernsänger mit Nebenfach Erdkunde an einer staatlichen Hochschule für Musik und Theater ist bei den Behörden zur Akkreditierung unserer Kelleroper unbedingt vorzuweisen.

Kammersänger Walter von der Paragraphenweide -erster und einziger Solist ,Intendant der Kelleroper, Verwaltungsdirektor u.v.m.

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