Jörg Löwer Geschrieben am 23 Februar, 2012

Offener Brief der Sparte SCHAUSPIEL DES TPT GERA ALTENBURG

Die Kolleginnen und Kollegen der Sparte Schauspiel des TPT Gera Altenburg haben mit einem offenen Brief auf erpresserische Forderungen aus den Reihen der Theaterträger reagiert. Die Verantwortlichen wollen ihre Probleme und Fehler auf die ca. 300 Mitarbeiter des Theaters abwälzen, indem sie diese vor die fatale Wahl stellen, entweder einen weiteren Lohnverzicht zu akzeptieren oder ansonsten die Schliessung der Sparten Schauspiel und Puppenspiel zu riskieren. Wir hatten letzte Woche über die aktuelle Lage in unserem Blog berichtet. Hier der Wortlaut des offenen Briefes in Auszügen:

Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

wir möchten Sie darüber informieren, dass nach Plänen der Gesellschafter von Theater & Philharmonie Thüringen als Alternative zum Lohnverzicht in Betracht gezogen wird, im Jahr 2013 die Sparten Schauspiel und Puppentheater zu schließen und das Orchester extrem zu verkleinern. Vor allem die Abwicklung der beiden Sparten bedeutet einen radikalen Einschnitt in das soziale Bildungs- und Kulturleben Ihrer Stadt. Besonders Kindern und Jugendlichen, also der Zukunft unserer Region, wird ein hohes Gut entzogen, denn mit der Abwicklung dieser beiden Sparten wird es ab dem Jahr 2013 keine Weihnachtsmärchen geben, keine Kindervorstellungen, keine Jugendstücke, keine Klassenzimmerproduktionen, keinen Goethe, keinen Schiller, keinen Shakespeare, keinen Lessing, keinen Kleist, keine Grimms, keinen Hauff, keine Versorgung mit den Klassikern deutscher und internationaler Dramatik und Literatur. (…) Es wird also im Endeffekt kein Angebot für junge Menschen mehr geben. Der Bildungsauftrag kann nicht mehr ausreichend erfüllt werden. Ein Nachwuchspublikum wird nicht herangebildet.

Gleichzeitig entfallen die Unterstützung im Rezitationswettbewerb für Schüler und die Möglichkeit für Jugendliche, in der Zusammenarbeit mit der JugendTheARTerWelt e.V und professionellen Schauspielern von TPT, sich kreativ in Form von eigenen Theaterstücken auszuprobieren.

Es werden keine Theaterkünstler mehr in Altenburg leben und dort ihr Geld ausgeben. Bisher ist ein Teil der Subventionen, die durch Altenburger Steuern finanziert wurden, aufgrund des Wohnsitzes der Künstler und Angestellten in Altenburg wieder zurück in die Region geflossen. Das wird nicht mehr sein. Im Altenburger Theater wird nicht mehr produziert werden, letztendlich wird das Landestheater Altenburg ein Bespieltheater werden. Dies wird gleichzeitig auch eine Reduzierung der anderen Gewerke in Altenburg zwangsläufig nach sich ziehen. Das Ende einer 140jährigen Tradition, auf welche die Altenburger jahrzehntelang stolz gewesen sind.
Es endet die Geschichte eines Theaters, das seit seiner Gründung trotz provinzieller Lage immer einen ehrenwerten Namen getragen hat.

(…)

Es wird zudem keine Beteiligung von Theater & Philharmonie Thüringen an Altenburger Festspielen geben. Die dann beteiligten Schauspieler müssen als Gäste mit höheren Kosten engagiert werden; denn für die Schauspieler von TPT erfolgte die Beteiligung im Rahmen ihres monatlichen Einkommens am ortsansässigen Theater.

(…)

Jede Spielzeit sind im Schauspiel bei ansteigender Vorstellungs- und Auslastungszahl bereits stillschweigend Stellen gestrichen worden.
Da die Gehälter in den Sparten Schauspiel und Puppentheater nicht tariflich geregelt sind, es sich bei den Künstlern beider Sparten ausschließlich um Solisten nach dem NV Bühne handelt, sind in diesen Sparten keine hohen Tarifsteigerungen in Aussicht.

(Anmerkung der GDBA: Hier irren die KollegInnen. Die Gagen der SolistInnen sind über den § 58 und die dort festgelegte Mindestgage geregelt. Außerdem nehmen selbstverständlich auch SolistInnen an Tarifsteigerungen teil, die für NV Bühne – Beschäftigte in der Fläche ausgehandelt werden. Zuletzt geschah dies im April 2011 – nachzulesen hier.)

(…)

Die Entscheidung für die Schließung der Sparten und der Verkleinerung des Orchesters ist letztlich nichts anderes als die heimliche Abwicklung der Theater in Altenburg und Gera. Und schließlich ist die Fusion beider Theater doch in Kraft getreten, um beiden Städten auch in Zukunft die Vielfalt aller theatralischen Sparten zu sichern. Wenn nun trotzdem zwei davon komplett entfallen und eine dritte extrem eingestrichen wird, so sind am Ende all jene betrogen worden, die mit der Fusion auf eine langfristige, vielfältige sozial-kulturelle Versorgung gehofft hatten.

Diese Maßnahme bedeutet einen Kahlschlag des gesellschaftlichen Lebens in den Regionen in und um Altenburg und Gera. Sie ist verantwortungslos und kurzsichtig. Sie zerstört den emotionalen und geistigen Austausch der Menschen in der Region. Die Theaterkunst mit all ihren Facetten spricht sämtliche Sinne des Menschen an. Vermittelt Werte, beleuchtet moralische, seelische und gesellschaftskritische Zusammenhänge. Ist Vordenker, zeitnaher Kritiker und Sprachrohr der Gesellschaft. Fordert den Betrachter zur Selbstreflexion, auch zur Stellungnahme, zu Mut und Zivilcourage. Unterhält, erfreut und macht das Leben bunter und leichter. Städte und Regionen ohne ein ausreichendes kulturelles Angebot sind für mögliche Investoren und Arbeitgeber unattraktiv. Dieses Angebot ist nur mit dem Erhalt aller Sparten möglich.

Bitte unterstützen Sie uns, treten Sie für den Erhalt aller Sparten ein, um Ihren Kindern, Enkelkindern und nachfolgenden Generationen diesen Ort der Freude und Sinnlichkeit, des Geistes und der Seele auch in Zukunft zu sichern. Zeigen Sie mit Ihrer Empörung den politisch Verantwortlichen, das eine so radikale Verkleinerung des Orchesters und die Schließung der Sparten Puppentheater und Schauspiel keine in Erwägung zu ziehende Möglichkeit ist.

Wir wollen weiterhin für Sie und Ihre Kinder Theater spielen!

Ihre
Sparten Schauspiel und Puppentheater von Theater & Philharmonie Thüringen

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