Jörg Löwer Geschrieben am 24 Mai, 2012

Neue Studie belegt: Öffentliche Zuschüsse fördern Vielfalt und Innovationskraft von Opernhäusern

Nachdem zuletzt häufig Debatten über die angeblich innovationsfeindlichen (Stadttheater-)Strukturen geführt worden sind – man erinnere sich an den „Kulturinfarkt“ (an den vielleicht auch besser nicht) oder eine ganze Reihe von Beiträgen auf nachtkritik.de (Debatte um die Zukunft des Stadttheaters I, II, III, IV, V, VI) – kommt eine neue Studie zu überraschenden Ergebnissen. Das Kulturberatungsunternehmen actori hat die Auswirkungen der Finanzierungsstruktur auf das Programm von 15 international führenden Opernhäusern untersucht und hat dabei festgestellt, dass das künstlerische Angebot umso vielfältiger und innovativer ist, je höher der Finanzierungsanteil an öffentlichen Mitteln ausfällt. In der Studie heisst es:

In der aktuellen Krise der öffentlichen Hand wird die Frage nach der Finanzierung unseres Kultursystems akut. Überschuldete Kommunen und Länder müssen sich entscheiden, an welchen Stellen der öffentlichen Ausgaben sie die drastischen Sparzwänge umsetzen. Wo können Mittel mit möglichst geringen negativen gesellschaftlichen Auswirkungen gekürzt werden? Mit einem Blick auf angelsächsische Kulturinstitutionen ist die Forderung nach einer höheren Wirtschaftlichkeit der deutschen Theater bei gleich bleibendem Kulturangebot schnell ausgesprochen. Deutsche Theater werden zu rund 80% durch öffentliche Zuschüsse subventioniert. Bei US-Opernhäusern machen die öffentlichen Mittel am Gesamtbudget dagegen nur 2,5% im Durchschnitt aus1. Dabei haben die deutschen Theater in den letzten 15 Jahren bereits erhebliche Effizienzsteigerungen realisiert: der Eigenfinanzierungsgrad für Musik- und Sprechtheater stieg im Zeitraum von 1993 bis 2008 um knapp 50% (von 12,1% auf 18,1%). (…)

actori hat Spielpläne und wirtschaftliche Kennzahlen von 15 international führenden Opernhäusern auf den Zusammenhang von Finanzierung sowie Vielfalt und Innovationskraft des künstlerischen Programms hin ausgewertet. (…)

Das Ergebnis der Untersuchung zeigt: Häuser mit einem hohen Anteil an öffentlichen Zuschüssen bringen deutlich mehr unbekannte Werke, eine höhere Anzahl an Produktionen und tendenziell mehr Neuproduktionen auf die Bühne. Dagegen hemmt die Notwendigkeit, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, die Vielfalt und Innovation im künstlerischen Programm. Anders formuliert: Die fünf produktionsstärksten Opernhäuser mit durchschnittlich 39 Produktionen weisen einen doppelt so hohen Zuschussanteil am Gesamtbudget auf wie die fünf Häuser mit der geringsten Anzahl an Produktionen (Durchschnitt: 12 Produktionen). Bei der Anzahl an Raritäten ist der Effekt noch gravierender: Der Zuschussanteil am Gesamtbudget der vier „stärksten“ Häuser beträgt das 3,8-fache (bei 9 versus 3 Raritäten im Durchschnitt). (…)

Es ist utopisch zu glauben, dass ein deutsches Opernhaus kurzfristig seinen Zuschussbedarf reduzieren kann, indem es sich nach dem amerikanischen Modell aufstellt. Zum einen ist es zweifelhaft, ob es im Stagione-Modell noch genug Zuschauer anziehen könnte. Denn man darf nicht vergessen, dass das Einzugsgebiet je Opernhaus in Deutschland viel kleiner ist und dass das Publikum an einen reichen Spielplan gewöhnt ist und diesen verlangt. (…)

Die actori-Studie zeigt, dass die finanzielle Sicherheit in Folge einer langfristig ausgerichteten öffentlichen Förderung von Opernhäusern Vielfalt fördert und Innovation unterstützt. Der Zwang zu einem hohen Eigenfinanzierungsanteil wirkt sich dagegen negativ auf Risikofreudigkeit und Angebotsreichtum in der Programmgestaltung aus. Etwas weiter gedacht, verdeutlicht die Untersuchung damit auch, dass es in der Kulturpolitik nicht ausschließlich um finanzielle Aspekte gehen sollte, sondern vielmehr um die Frage, welche künstlerischen, bildungsbezogenen oder sonstigen nicht-monetären Ziele mit der Kulturförderung erreicht werden sollen. Innovationen, Experimente und Vielfalt sind dabei leider teurer als massentaugliche Mainstream-Angebote.

Die gesamte Studie können Sie hier als PDF herunterladen.

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