Jörg Löwer Geschrieben am 31 Januar, 2014

Minister Dorgerloh gegen den Rest der Welt

Ludwig BarnayUm es mal in Relation zu stellen:

Insgesamt betragen die Zuwendungen der öffentlichen Hand für die öffentlich getragenen Theater und Orchester jährlich rund 2 Milliarden Euro – also ungefähr 0,2 Prozent der Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden.

Eine ein(!)prozentige Tariferhöhung nur für Bund und Kommunen kostet etwa 1,2 Mrd. Euro – inklusive der Übertragung auf BeamtInnen. Wenn man die Erhöhungen für das Tarifgebiet der Länder dazunimmt, übersteigt das Ergebnis den Gesamtbetrag der Theater- und Orchesterförderung bei weitem.

Unter diesen Voraussetzungen entbrennt mal wieder eine Diskussion (mehr in den Kommentaren auf nachtkritik.de) über „die Schuld“ der Tarifverträge am Theater. Zuletzt stellte der designierte Intendant des Volkstheaters Rostock, Sewan Latchinian, die automatische Kopplung der Tarifsteigerungen für die Theater und Orchester an die Dynamisierungen des öffentlichen Dienstes in Frage – nachdem er seine Ämter im Deutschen Bühnenverein niedergelegt hatte.

Die im Vergleich winzige Anzahl Theaterschaffender als ArbeitnehmerInnen zweiter Klasse?

Übertroffen wird eine solche Haltung wohl nur von Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), der will, dass das Theater in Dessau ab 2016 ohne Schauspiel und Ballett auskommt (mehr hier).

In einem lesenswerten Text (hier auf nachtkritik.de und außerdem abgedruckt in der Februarausgabe der Bühnengenossenschaft) schreibt Matthias Schmidt über die Kulturpolitik eines Landes, das den Theatern ab 2014 rund 6 Millionen Euro weniger geben will – obwohl bekannt wurde, dass Sachsen-Anhalt das Jahr 2013 mit einem Überschuß von 120 Millionen Euro abgeschlossen hat. Und unter Missachtung eines zur Beratung selbst eingesetzten Kulturkonvents. Der Autor hat dazu einiges zu sagen:

„Natürlich hat Sachsen-Anhalt noch reichlich Kultur. Aufschlussreich aber ist, dass es nach dem Willen der Regierung fast immer Kultur ist, die nach hinten schaut, ins Historische.“

Er belegt dies mit einigen Beispielen. Über das bedrohte Theater Eisleben schreibt er:

„Immerhin waren er und seine Truppe ein Hoffnungsschimmer für Leute, die abends gerne weggehen, in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und Luther begraben liegt.“

Das dahinter steckende Kulturverständnis sehe man auch am Fall Bauhaus:

„Dem amtierenden Direktor der Stiftung wurde ohne seriöse Begründung eine Vertragsverlängerung verweigert. (…) Das, was dem modernen Profil Oswalts entsprach, wurde einfach gestrichen. Übrig blieb, leicht verkürzt gesagt, die Pflege des Erbes.“

Beispiel Goethe-Theater:

„Sachsen-Anhalt feiert Händel, ehrt Luther und regiert zugleich gegen eine lebendige Kulturszene. Es fördert die Sanierung des historischen Goethe-Theaters in Bad Lauchstädt, das genau genommen ebenfalls mehr Museum als Bühne ist, (…)“

Matthias Schmidt zieht das Fazit:

„Der Regierung indes scheint es darum zu gehen, ihren – gelinde gesagt – restaurativen Kulturgeschmack zu pflegen. Kultur als Staatsakt, was für ein Missverständnis.“

Auch auf nachtkritik.de hat Minister Dorgerloh geantwortet:

„Notwendige Strukturanpassungen müssen deshalb jetzt eingeleitet werden, damit wir auch nach 2019 unsere reiche Kulturlandschaft nicht nur erhalten, sondern auch ausfüllen.“

Sein Verständnis von Strukturanpassungen findet zahlreiche Kritiker. Nachdem das Land ankündigte, einen Erweiterungsbau für das Bauhausmuseum mit 12,5 Millionen Euro zu unterstützen, befand der damalige Kulturstaatsminister, Bernd Neumann:

„Theater zu schließen und Erweiterungsbauten zu planen – das passt nicht zusammen. Das eine zu tun und das andere nicht zu lassen – das wäre verantwortungsbewusste Kulturpolitik!“

Seine Vorstellung von eingekauften Schauspielproduktionen beschied das Hans Otto Theater Potsdam:

„Sehr geehrter Herr Minister,

mit größter Verwunderung erfahren wir aus Ihrem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung, daß Sie u. a. das Hans Otto Theater Potsdam zur Bespielung der von Ihnen abgewickelten Dessauer Bühne vorsehen. Wir erinnern uns an keine Absprachen.

Ist es vielleicht Ihr Ziel, der zu Recht empörten Öffentlichkeit »Alternativen« vorzutäuschen? Wie können Sie glauben, daß unsere Potsdamer Künstlerinnen und Künstler auf einer Bühne spielen, deren Ensemble Sie ausgelöscht haben? Wir spielen in keinem toten Haus. Wir setzen unser Ensemble nicht dem Boykott des Dessauer Publikums aus. Wir lassen uns nicht in die Machenschaften Ihrer verheerenden Politik hineinziehen.

Wir fordern Sie auf, umgehend die Zerstörung der großen Dessauer Spieltradition zu stoppen. Diese 220jährige Ensemble- und Theatertradition gehört nicht Ihnen. Generationen von Künstlern haben hier gemeinsam mit Generationen von Bürgern und Stadtgemeinschaften ihre Welt befragt, Anschauungen entwickelt, soziale Erfahrungen und Erkenntnisse mit ästhetischen Mitteln vertieft.

Ihre Aufgabe ist es, künstlerische Impulse und Traditionen zu beschützen. Die bloße Auslöschung von Teilen der Struktur, ohne Idee für einen Neuanfang, ist phantasielos und haltungslos und bedeutet die ultimative kulturpolitische Bankrotterklärung.

Im Hinblick auf Ihr hohes demokratisches Amt halten wir Ihr Vorgehen darüber hinaus für moralisch verwerflich. Sie zertreten die Saat.

Es ist richtig, die Region wandelt sich. Haben Sie Ideen für die Zukunft? Wo Theater, Schauspiel-, Ballettsparten geschlossen werden, entsteht nichts – nur Ödnis. Prothesen können echte kulturelle Bewegung weder ersetzen noch imitieren. Die Kulturtechnik öffentlichen Spiels braucht Kontinuität und Befähigung, sie braucht Ensembles und den ständigen Austausch von Impulsen mit der Bürgergesellschaft.

Wir fordern Sie auf, alle gesellschaftlichen Teilnehmer an der kulturpolitischen Willensbildung des Landes zu beteiligen und insbesondere den Kulturkonvent, die Städte und Gemeinden mit ihren Theaterleitern und die Öffentlichkeit mit ihren differenzierten Haltungen und Erwartungen in den Prozeß kulturpolitischer Konzeptfindung auf ehrliche und transparente Weise einzubeziehen. Haben Sie Mut zu den »Investitionen in die Zukunft«, die Ihre Partei fordert. Stehen Sie dazu!

Wir unterstützen den Protest unserer Kollegen und der Öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt gegen Ihre hermetische Handlungsweise und Ihre zerstörerischen kulturpolitischen Entscheidungen.

Wir geben diesen Brief den Intendanzen von Dessau, Magdeburg, Halle, Eisleben und Leipzig sowie dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins zur Kenntnis.

Mit freundlichem Gruß,

Tobias Wellemeyer
Intendant

Volkmar Raback
Geschäftsführender Direktor

Ute Scharfenberg
Chefdramaturgin

Heike Arlt
Betriebsratsvorsitzende

Potsdam, 28. 01. 2014“

 

Die Reaktion von Matthias Brenner, Intendant des Neuen Theaters in Halle, auf die Frage, ob er Lust habe, mit seinem Ensemble künftig die Dessauer Bühne zu bespielen, beschreibt die Mitteldeutsche Zeitung:

„Nein, nein, nein!, antwortet Brenner prompt. Erstens, sei der ganze Vorgang „entsetzlich“, zweitens, habe er auch schon deshalb keine Lust, weil das hieße, der „Beuteteilungsphilosophie“ zu folgen.“

Mit heftiger Kritik an den radikalen Kürzungsplänen der Landesregierung für die Theater hat der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) reagiert:

„Kultur gehöre seit jeher zu den weichen Standortfaktoren und sei deshalb für die Witschaft wichtig, erklärte Martini. Mit ihnen bekommen die Ansiedlung von Unternehmen und die Zuwanderung dringend benötigter Fachkräfte wichtige Impulse. (…) Eine gut aufgestellte Infrastruktur in der Kultur unterstützt die Wirtschaftspolitik in den Regionen in einem oft noch unterschätzen Maß. Nachhaltigkeit auf diesem Gebiet dürfe sich nicht allein an der aktuellen Kassenlage orientieren, (…) Der BVMW forderte die Landesregierung auf, mit Augenmaß und Blick auf die Zukunft die geplanten Theaterverträge für Dessau, Halle und Eisleben noch einmal auf den Prüfstand zu stellen und das Überleben der Bühnen zu sichern.“

Felix Losert, Operndirektor am Anhaltischen Theater Dessau, weist in einem Beitrag in der Mitteldeutschen Zeitung auf, was Dessau alles verlieren wird:

„In der „West Side Story“ haben wir Schauspieler, Opernsänger und Ballett auf die Bühne geschickt und mit einer riesen Show jeden Abend ein ausverkauftes Haus gehabt (…) Die Zirkusproduktion“ können Sie erleben und genießen, was hier an klassischer Operette möglich ist – mit Ballett wohlgemerkt. Letzten Samstag umjubelte Premiere, nächsten Samstag wieder – machen Sie sich bitte ein Bild! Überhaupt: Gerade das Ballett ist in Dessau der größte Zuschauermagnet (…) Drei Vorstellungen eines eingekauften Weihnachtsmärchens, die auf der Vorbühne stattfinden müssen, weil’s für die Hauptbühne nicht reicht – wollen Sie das? Jetzt fahren die Busse weite Strecken, um das junge Publikum ans Theater heran zu führen, an unser Theater. In einer Zukunft ohne Mehrspartenpolitik käme kein Bus mehr.(…)“

Dem Argument der schrumpfenden Bevölkerung begegnet Silvia Rhode in ihrem Blog:

„Lokal betrachtet entkernen solche Schließungen zusätzlich die Lebensqualität der davon betroffenen Stadt. Wer sucht sich einen Wirtschaftsstandort mit nichts als ein paar Cafés und einem Kinoplalast? Wer bleibt in Städten, die nichts weiter herzeigen können als die Kultur vergangener Zeit im Museum? (…) Stephan Dorgerloh ist studierter Theologe. Es ist ihm nicht zuzumuten den künstlerischen Unterschied zwischen einem lokal verankerten, kontinuierlich arbeitenden Theaterensemble und gelegentlichen Tourneetheatereinkäufen zu verstehen (…)“

Sie zitiert dabei dankenswerterweise Marion Tiedtke (Professorin und Ausbildungsdirektorin für Schauspiel, Dekanin für den Fachbereich Darstellende Kunst in Frankfurt am Main), die in einem Vortrag sagte:

„Das Beispiel unserer niederländischen Nachbarn zeigt, dass eine radikale Kürzung des Kulturhaushaltes nur eine Sterbehilfe ist. Sobald die Kunst nur noch als Hochkultur gefördert, sobald die Nachwuchsförderung oder die sogenannte Provinz als Spielwiese und freies Feld einer zukünftigen Generation abgeschafft wird, ist es eine Frage der Zeit, bis gar nichts mehr bleibt als Repräsentationskultur im Hochglanzformat.“

Und ganz ehrlich: Uns fallen jetzt auch keine weiteren Argumente ein, außer, dass diese Kürzungspläne Theaterschaffende in soziale Notlagen stürzen (wir weisen beispielsweise auf Beiträge in unserem Blog hier und hier hin). Den handelnden strukturanpassenden Politikern scheint das Schicksal der betroffenen Theaterschaffenden schlicht egal zu sein. Die ziehen ja sowieso nach Berlin und beziehen dort Sozialleistungen, wenn sie entlassen und arbeitslos sind.

Auf eines möchten wir allerdings noch hinweisen:

Die nächste Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist im Frühjahr 2016.

 

 

 

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken

Kategorien

Archive