Jörg Rowohlt Geschrieben am 2 Februar, 2017

Kolumne Februar 2017

Kulturerbe Theater

buehnengenossenschaft_02_17Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wird von der Bundesrepublik für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen. Das ist ein erfreulicher und richtiger Schritt. Aber die materiellen Grundlagen dürfen darüber nicht in Vergessenheit geraten.

Die Kultusministerkonferenz (KMK), geleitet von der Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), sowie Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) folgten mit ihrer Entscheidung einer Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission. Die besondere Bedeutung von Theatern und Orchestern wird damit hervorgehoben. Der Beschluss geht auf einen Antrag des Deutschen Bühnenvereins zurück und entspricht einer Resolution des Genossen­schaftstages der GDBA von 2013. In der Tat ist das Verfahren komplex, das im Erfolgsfall schließlich auf die 2006 beschlossene weltweite Liste des immateriellen Kulturerbes führt. Die Liste umfasst kulturelle Ausdrucksformen wie Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen sowie Bräuche, Feste und Handwerkskünste. Sie soll das immaterielle Kulturerbe weltweit sichtbar machen. Die Unterorganisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur will das Bewusstsein für die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen stärken.

Diese Kriterien erfüllt die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft allemal, zeichnet sie sich doch durch eine weltweit einmalige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen aus, die im Schauspiel, Figurentheater, in Oper, Operette, Musical, Tanz, Konzert sowie in performativen Veranstaltungen verwirklicht wird. Jährlich besuchen hierzulande rund 35 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer mehr als 120.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerte – so steht es in der Vorlage der Deutschen UNESCO-Kommission. Geprägt wird sie durch die rund 140 öffentlich getragenen Theater, also durch Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen. Hinzu kommen rund 220 Privattheater, etwa 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester und circa 70 Festspiele, etwa 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble und um die 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus. Dazu komme eine hohe Anzahl freier Gruppen. Kulturstaatsministerin Grütters war anlässlich der Nominierung des Lobes voll: Das Theater begründe „Deutschlands Ruf als Kulturnation“. Durch die Weitergabe und Neugestaltung von Dramaturgien, künstlerischen Praktiken und Ästhetiken würden Tradition und Innovation verbunden, die dieses Immaterielle Kulturerbe besonders auszeichneten: „Die Theater- und Orchesterlandschaft bietet kulturelle Räume der Orientierung und Selbstvergewisserung, die wir heute mehr denn je brauchen. Denn Kultur schafft nicht nur Identität, sie ist auch unser stärkster Integrationsmotor.“ Die immer fragiler werdende materielle Grundlage indes erwähnte sie nicht. Der Aufnahme in die deutsche Liste war ein abgestuftes Verfahren vorausgegangen.

NUR WENIGE EINTRÄGE AUS DEUTSCHLAND

Auf der deutschen UNESCO-Liste standen Orchester und Theater schon länger – das ist Voraussetzung für den Versuch, auf die weltweite Liste zu gelangen. Nur sind dort auch viele andere Einträge zu finden, derzeit genau 68, darunter etwa das Flechthandwerk, die Brotkultur oder die Morsetelegrafie. Das deutsche Verzeichnis soll von Jahr zu Jahr wachsen und langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Nur in ganz wenigen Fällen allerdings sind Nominierungen für die internationale Liste bisher erfolgreich gewesen. Aktuell sind aus Deutschland außer der Theater- und Orchesterlandschaft noch Orgelbau und Orgelmusik nominiert. Das weitere Verfahren ist zeitaufwändig: Im Frühjahr 2018 wird Deutschland das Nominierungsdossier bei der UNESCO in Paris einreichen. Dort entscheidet dann der sogenannte Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe über die endgültige Aufnahme auf die Liste. Diesem Gremium gehören 24 gewählte Vertragsstaaten der Konvention zum Immateriellen Kulturerbe an. Es befindet jährlich über die Berücksichtigung neuer Kulturformen in der Liste immateriellen Kulturerbes. Dort stehen aktuell knapp 340 Einträge aus aller Welt wie etwa die Feuerfeste zur Sommersonnenwende in den spanischen und französischen Pyrenäen, die chinesische Kunqu-Oper oder das Schattentheater Sbek thom der Khmer aus Kambodscha. Aus Deutschland ist erst im Dezember vergangenen Jahres der Genossenschaftsgedanke aufgenommen worden, mit dem ein allen Interessenten offen stehendes, überkonfessionelles Modell der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung auf Grundlage von Kooperationen geehrt wurde.

KULTURERBE IST MEHR ALS EIN BAUDENKMAL

Als immaterielles Kulturerbe werden kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden, daher im Gegensatz zu unbeweglichen Bauten und beweglichen Gegenständen nicht anfassbar sind – womit der Unterschied zu den bekannten Welterbestätten oder dem Weltdokumentenerbe benannt wäre. Von ersteren gibt es in Deutschland aktuell 41, darunter sind die Altstadt von Bamberg, die Zelle Zollverein in Essen oder die Hamburger Speicherstadt. Der Begriff des Kulturerbes hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt und erweitert. Kulturerbe endet nicht bei Baudenkmälern oder Kulturgutsammlungen. Es umfasst auch Traditionen und lebendige kulturelle Ausdrucksformen, wie zum Beispiel mündlich überlieferte Traditionen, darstellende Künste, gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste, Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum sowie Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken. Das Verständnis, dass lebendige und gelebte Kulturformen ebenfalls Kulturerbe sind, kommt ursprünglich aus den Ländern Asiens und aus der Indigenenbewegung und sollte eine Gegenbewegung zum stark auf Denkmäler ausgerichteten, von manchen als eurozentrisch empfundenen Schutzkonzept der UNESCO darstellen. Dass auch in Europa noch ein reicher Schatz an regionalen, nicht dinglich festgelegten Kulturformen vorhanden ist, ist ein Bewusstsein jüngeren Datums.
Kriterien für die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente für die Trägergemeinschaft der Kulturform, die Entwicklung von Erhaltungsmaßnahmen und eine weitreichende Beteiligung der Trägergemeinschaft. Mit der Aufnahme in die Liste verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe zu fördern.
Wie bei den bekannten materiellen Kulturerbestätten besteht das Risiko von Kommerzialisierung und Folklorisierung.

THEATER SIND KEINE RELIKTE

Theater sind aber keine musealen Relikte und ihre Berufung darf nicht kreativitätserstickend wirken. Auch dürfen die Länder und Kommunen – in den meisten Fällen Träger der Staats- und Stadttheater – nicht aus ihrer finanziellen Verantwortung entlassen werden. Die Häuser bedürfen vielmehr der Zuwendung der öffentlichen Hände, um ihren Aufgaben gerecht zu werden und zum Beispiel ihren Bildungsauftrag oder künstlerische Ausdrucksformen stetig weiterzuentwickeln. Theatrale Vielfalt gibt es nicht zum Nulltarif. Die in immer mehr Orten schon zu beobachtende chronische Unterfinanzierung darf nicht zu einem Substanzabbau führen. Gerade in kleineren Städten leisten Theater einen wichtigen Beitrag zum Föderalismus. Damit wird die kulturelle Versorgung im ganzen Land verbreitet und bleibt nicht wie anderen Ländern ein Privileg der Metropolen. Kulturelle Bildung überall ist heute wichtiger denn je. Dafür kann die Nominierung zum Immateriellen Kulturerbe das Bewusstsein schärfen – was sich dann auch in der Finanzierung niederschlagen muss.

WORUM ES GEHT

Die Vielfalt der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft entwickelte sich aus der kleinstaatlichen Verfasstheit Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert. Zu den in den Fürstentümern und Königreichen entstandenen Theatern und Orchestern kamen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fremdsprachige Schauspielgruppen hinzu, die den Marktplatz und den Hof gleichermaßen bespielten. Das sich verfestigende Selbstbewusstsein des Bürgertums äußerte sich im 18. Jahrhundert zunächst im Gedanken des Nationaltheaters. Während des 19. Jahrhunderts etablierten sich dann die von den Bürgern getragenen Stadttheater und Konzertgesell schaften. Das Regie­theater entstand Ende des 19. Jahrhunderts und ent­wickelte das Theater zur Kunstform.

WER SICH UM DAS KULTURERBE SORGT
Als Unterorganisation der Vereinten Nationen ist die UNESCO zum Schutz des Kulturerbes tätig und hat 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes getroffen. Die Konvention trat im April 2006 in Kraft, nachdem 30 Staaten sie ratifiziert hatten. Insgesamt sind 141 Länder beteiligt. Deutschland ist dem Übereinkommen im April 2013 beigetreten.

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