Jörg Rowohlt Geschrieben am 30 März, 2017

Kolumne April 2017

Hans Herdlein ist tot

buehnengenossenschaft_4_17Die Wochenzeitung Die Zeit nannte ihn 1979 „wortgewaltig, wo es um gewerkschaftliche Interessen der Theaterleute geht“. Allerdings bediene er sich dabei auch eines „Agitationsvokabulars“. Darüber wirklich geärgert haben dürfte sich Hans Herdlein trotzdem nicht. Immerhin 35 Jahre war er wirkmächtiger Präsident der GDBA. Anfang März ist Hans Herdlein gestorben. Ein Nachruf.

Der Hauptvorstand der GDBA nahm in tiefer Trauer Abschied von einem Funktionär „im besten Sinne des Wortes“, der immer mehr gewesen sei als das, „kein Theoretiker, sondern ein Pratiker, der wusste, wovon er redete“: Alle tarifpolitischen Erfolge des letzten halben Jahrhunderts für Bühnenkünstlerinnen und -künstler habe er wesentlich mitbestimmt.

Im Dezember 1928 geboren, ist Hans Herdlein seit Mitte der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts aktiver Tänzer. Bis 1948 dauert sein Bühnentanzstudium, gefolgt von einem Engagement am Deutschen Theater in München. Von 1949 bis 1956 ist er an den Städtischen Bühnen in Düsseldorf zu Hause, danach wieder in München, an der Bayerischen Staatsoper. Parallel ist er Gaststudent in den Fächern Soziologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Schon während dieser Zeit engagiert er sich für seine Kolleginnen und Kollegen, wird zum Interessenvertreter, der neben den künstlerischen Herausforderungen auch die Bedeutung der sozialen Fragen reklamiert: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) beschreibt ihn sehr viel später als „tanzenden Ombudsmann“, der sich notfalls auch mit Ballettdirektoren und Intendanten anlegt, um angemessene Dienstverhältnisse auszuhandeln und die notorische Benachteiligung des Balletts bei den Bühnenproben auszuräumen. Folgerichtig tritt Herdlein im August 1949 in die ein Jahr zuvor in den Westzonen wieder begründete GDBA ein. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre erstreitet Herdlein gegen den Willen des amtierenden GDBA-Präsidenten Wüllner eine eigene Berufsgruppe für die Tänzerinnen und Tänzer und spricht Klartext: „Man redet von Kunst und meint das Geschäft; die Tänzerschaft hat man bis heute billig eingekauft.“ Herdlein will die Tänzer vom „System primitivster Ausbeutung, wie es bisher gehandhabt wurde“ befreien und zum „Leistungslohn“ führen. Erster Vorsitzender der neuen Berufsgruppe Tanz wird – Hans Herdlein, wer sonst. Bald darauf wird der Normalvertrag Tanz ausgehandelt. Ohne sein großes tarifpolitisches, soziales und künstlerisches Engagement wäre auch die 1975 erreichte Gleichstellung der Ballettgagen mit den Chorgagen oder die Einführung des Pflicht­trainings für Tänzer nicht zu denken gewesen.

ERSTE ERFOLGE: NV TANZ

In den 60er Jahren schien sich die GDBA – jedenfalls auf den ersten Blick – in einem langwierigen Tauziehen mit dem DBV um Gagenanpassungen und Rahmentarifverträge, Rentenversicherung, Ortszuschläge und Leistungsschutz zu verwickeln. Obwohl ihre Arbeit alles andere als erfolglos blieb: Die Gewerkschaft bekam zusehends das Image einer biederen Standesvertretung. Gerade unter den jüngeren Mitgliedern machte sich Unruhe breit. Der junge Vorsitzende der Berufsgruppe Tanz, Hans Herdlein, mit seinen Erfolgen bei der Einführung des NV Tanz genoss dort steigendes Ansehen (und rief wohl auch Misstrauen im Hauptvorstand hervor). Völlig überraschend kandidierte er beim Genossenschaftstag im Oktober 1969 in Dortmund gegen den bisherigen Präsidenten Heinrich Wüllner. Die Abstimmung ging äußerst knapp mit 87 zu 83 Stimmen zu Gunsten Wüllners aus. Zwei Jahre später, 1971, wurde Herdlein an die Spitze des Landesverbands Bayern gewählt, dem er bis zu seinem Tod vorstand. Im zweiten Anlauf, im Oktober 1972 in Mannheim, wurde Hans Herdlein dann auch an die Spitze der Gesamt-GDBA gewählt – und in den Auseinandersetzungen um mehr (auch) künstlerische Mitbestimmung an den Theatern gab es eine neue Offensive der Gewerkschaft, in der Kritik stand die vermeintliche Alleinherrschaft der Intendanten und das laut Herdlein „hierarchische Prinzip der Theaterverfassung“. 1975 in Berlin und insgesamt noch achtmal wurde er wiedergewählt. An Theatern unter anderem in Berlin und Frankfurt gab es unterschiedliche Mitbestimmungsmodelle; aber im neuen Betriebsverfassungsgesetz 1972 wurde der Tendenzschutzparagraf trotz Protestes der GDBA und ihres Präsidenten nicht gestrichen.

Bestimmend für die GDBA und Hans Herdlein war aber etwas anderes: An vielen Häusern stiegen Anfang der 1970er Jahre die Betriebs- und Personalkosten der Theater bei gleichzeitig tendenziell rückläufigen Besucherzahlen. Kommunal- und Landespolitiker scheuten sich zunehmend, für die horrenden Summen aufzukommen. Seither wiederholt sich diese Entwicklung in immer kürzeren Intervallen – ihr Beginn ist auf das Frühjahr 1973 zu datieren, als in Hessen Pläne bekannt wurden, in Wiesbaden und Gießen den Opernbetrieb einzustellen und andernorts Mittel zu kürzen. Gegen solchen „Raubbau am Kulturetat“ hat sich Hans Herdlein namens der GDBA stets engagiert, meist erfolgreich: „Die Menschen in diesem Lande haben ein Anrecht – nicht nur auf einen Arbeitsplatz, der ihnen ihr materielles Auskommen sichert – sondern auch auf ein kulturelles Angebot, das ihr Menschsein nicht verkümmern lässt.“

SPAGAT ZWISCHEN KUNST UND GEWERKSCHAFT

Um den NV Solo kam es in den Folgejahren zu harten Auseinandersetzungen zwischen GDBA und dem DBV, zwischen Hans Herdlein und August Everding als Präsident des Bühnenvereins; die Zeit schrieb über „von Jahr zu Jahr grobschlächtiger werdenden, selbst den Bayernkurier tief unterbietenden“ Angriffen. Erst kurz vor Everdings Tod versöhnten sich die beiden inzwischen älteren Herren. Die GDBA wollte den im Kern seit 1924 unveränderten Tarifvertrag modernisieren und den Bühnenangehörigen mehr Rechte verschaffen – der Bühnenverein mauerte jahrzehntelang. Erst 2003 wurde er vom neuen NV Bühne abgelöst, der seither Grundlage aller weiteren Verhandlungserfolge zugunsten der Beschäftigten ist.

Apropos Zeit: Die Redakteure der Hamburger Wochenzeitung verband offenbar eine tiefe Haßliebe mit dem GDBA-Präsidenten – bei jeder sich bietenden Gelegenheit fielen sie über ihn her, der angeblich dauernd und unflexibel den „Darstellungsbeamten“ verlange. Das hatte er zwar nie getan, aber seine über Jahrzehnte für das GDBA-Fachblatt Bühnengenossenschaft glänzend geschriebenen Leitartikel argumentierten nicht nur immer messerscharf für die Interessen der Bühnenangehörigen, sie bedienten sich gelegentlich auch wunderbarer Polemik. Die besten Texte erschienen 2001 in Buchform.

Nachdem die ersten 2000er Jahre von einem heftigen grundlegenden Streit zwischen GDBA und Bühnenverein über Tarifpolitik im allgemeinen und die Stellung der Gewerkschaften im besonderen gekennzeichnet waren, schloss sich für Hans Herdlein ein Kreis: Mit der Verleihung des Deutschen Tanzpreises im Februar 2005 würdigte der auslobende Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik und der Verein zur Förderung der Tanzkunst seinen unermüdlichen Einsatz für die sozialen Belange der Bühnenkünstler in Deutschland: „Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bühnenangehörigen“ habe Hans Herdlein stets am Herzen gelegen: „Über eine Zeitspanne von zwei Generationen hat sich Hans Herdlein unermüdlich für die sozialen Belange der Bühnenkünstler in Deutschland eingesetzt.“ Ihm verdanke der Tanz in Deutschland die soziale Basis – einen für Tänzerinnen und Tänzer verträglichen Proben- und Aufführungsbetrieb und eine tarifvertragliche Verankerung, die sich weltweit sehen lassen kann. Laudator Norbert Lammert würdigte den „dauernden Spagat zwischen Kunst und Gewerkschaft, Tanz und Tarifen“. Das allein sei „ein Kunstwerk sui generis mit einem unangefochtenen Hauptdarsteller: Hans Herdlein. Mit seiner Statur und einer, wenn nötig, gänzlich unaufgeregten Sturheit vertritt er die Besonderheiten des Bühnenbetriebes nicht nur gegenüber dem Tarifpartner, sondern auch gegenüber den Gewerkschaften.“ Lammert spielte damit auf die geplante Verschmelzung der Kartellgewerkschaft Kunst mit der Gewerkschaft Druck und Papier zur neuen IG Medien, wogegen Herdlein sich ebenso erfolgreich wehrte wie gegen die Eingliederung der GDBA in die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Er hat so die Eigenständigkeit der GDBA erhalten.

Immer wieder hat er beklagt, dass sich jüngere Bühnen-Angehörige weniger für ihre sozialen Belange engagieren als vor 20 oder 30 Jahren. Die nachlassende Organisationsbereitschaft war wohl auch Folge der längst für selbstverständlich gehaltenen Regelungen, die es früher nicht gab und in seiner Amtszeit durchgesetzt worden sind. Zuletzt konnte er dann noch eine positive Umkehr dieses Trends miterleben.

2011 ehrte ihn der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer mit dem Bayerischen Verdienstorden – weil er „auf nationaler wie internationaler Ebene maßgeblich dazu beigetragen (habe), die soziale Situation und finanzielle Absicherung der Tänzer und Bühnenkünstler zu verbessern“.

EINFLUSS OHNE ÄMTER

„Das Merkwürdige ist, den Menschen Hans Herdlein gar nicht zu kennen.“ Staatsschauspieler Hans Stetter brachte es 2009 auf den Punkt, als ersterem – er trat als Präsident der GDBA nicht mehr an – die Ehrenmitgliedschaft verliehen wurde: „Er hat viele Jahre seine Person völlig zurückgenommen und sich ganz in den Dienst der guten Sache gestellt. Seine Wahrheit, in allem was er tut, ist leise.“ Aber vielleicht war diese Sache in Wirklichkeit sein Leben, oder wie Peter Rammert, Abteilungsdirektor der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen anlässlich seines 80. Geburtstages formulierte: „Das gesamte deutsche Theater ist in den letzten Jahrzehnten ohne Hans Herdlein gar nicht denkbar.“

Das galt auch nach seinem Verzicht auf das Präsidentenamt und Berufsgruppenvorsitz: Seine herausragende Stellung in der GDBA und darüber hinaus in der künstlerischen Gewerkschaftspolitik war niemals auf Ämter angewiesen – er konnte kraft seiner Argumente auf „seine“ Gewerkschaft Einfluss nehmen. Seinen Nachfolgern war er ein wertvoller Berater. Er wird fehlen.

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