Jörg Löwer Geschrieben am 10 Dezember, 2010

Künstler als Finanzproblem: das Schauspiel des THEATER AACHEN kommt mit auf die Liste

Ludwig BarnayTHEATER AACHEN, Deutsches Schauspielhaus, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, Thalia Theater Halle, Theater Altenburg-Gera, Theater Bonn, Theater Vorpommern…………………

Nun reiht sich also das Schauspiel des Theater Aachen in die Liste der zum Finanzproblem erklärten Institutionen ein. Diesmal im wortwörtlichen Sinne. Die schwarz-grüne Ratsmehrheit unter Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) will eine Bürgerbefragung im Internet zu möglichen Sparmaßnahmen durchführen und die Verwaltung hat die Schauspielsparte am Theater Aachen auf die Liste der „Themenfelder zur Bürgerbeteiligung bei Haushaltskonsolidierung“ (Punkt Ö 23) gesetzt. Nachzulesen hier im Portal der Aachener Zeitung und hier im Portal der Aachener Nachrichten.

Das Ensemble hat prompt mit Aktionen vor dem Rathaus und einem Protestschreiben reagiert, in dem es u.a. heißt:

(…) Wir sind empört, dass wir als arbeitende Menschen in einen Topf geworfen werden, in dem man Kunstrasen und Grundsteuer, Park- und Bustickets, Betriebsferien der Stadtverwaltung und Bettensteuer diskutiert.
Bei der Infragestellung des Schauspiels geht es direkt um Arbeitsplätze. Arbeitsplätze sollen im Internet verhandelt werden? (…)
Bei der Auswahl im Bereich „Streichung von Leistungsangeboten“ (www. ratsinfo.aachen.de) ist die Schließung des Schauspiels der einzige Vorschlag, der für Menschen direkt den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeutet. Ist das den Verantwortlichen der Sparvorschläge überhaupt bewusst? (…)

Auch der Personalrat hat sich zu den Plänen geäußert:

(…) Leider sind jedoch die Konsequenzen der Schließung einer Sparte am Theater kaurn jemandem wirklich bekannt: Die Entscheidung, dass die Sparte Schauspiel zur Schließung freigegeben wird, würde nicht nur bedeuten, dass 18 Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne, sondern darüber hinaus noch circa 22 – 27 mittelbar betroffene Kollegen aus den Bereichen Maske, Ankleider, Technik, Beleuchtung, Requisite, Dramaturgie sowie allen Werkstätten ihren Arbeitsplatz verlieren würden.

Für die Stadt Aachen würde die Schließung der Sparte einen lmageverlust der Elite-Universitätsstadt Aachen, für den Bürger einen Qualitäts- und Quantitätsverlust der kulturellen Vielfalt bedeuten. Ganz zu Schweigen von dem gravierenden Einschnitt in den Bildungsauftrag, den der Bürger von seiner Stadt erwartet.

Bürger, die ohne dieses Hintergrundwissen bei einer Entscheidung zwischen Kindergartenplätzen und Schauspiel entscheiden müssen, sollten zumindest darüber informiert werden, was ihr Entschluss bedeutet. (…)

Vielleicht sollte man die schwarz-grüne Ratsmehrheit an ihre Koalitionsvereinbarung aus dem Jahr 2009 erinnern, in der u.a. geschrieben steht:

Kultur ist ein unverzichtbarer Bestandteil städtischen Lebens. Kultur gibt der Stadt eine Seele. Sie gibt ihr Profil, macht sie lebendig und interessant. Sie stärkt Identifikation und Integration und ist Nährboden für Ideen und Innovation. Das kulturelle Angebot prägt die Lebensqualität und die Außendarstellung der Stadt. Darüber hinaus hat Kultur gesellschaftspolitische und bildungspolitische Aufgaben und ist ein wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor.

CDU und Grüne sehen es als Aufgabe städtischer Kulturpolitik, in Aachen gute Bedingungen für Kultur zu schaffen und die Qualität des kulturellen  Lebens in der Stadt zu erhalten, zu verbessern und weiterzuentwickeln. (…)

Aachen reiht sich also ein und die Theaterschaffenden sind mal wieder Verhandlungsmasse, da die Personalkosten an Theatern in der Regel mehr als 80 % des Gesamtetats ausmachen. Rationalisierungsmöglichkeiten durch sensationelle Entwicklungen in der Robotik sind unwahrscheinlich, Theater braucht Menschen.

Welche Konsequenzen hatte es für die Beschäftigten, wenn ihr Theater in die obige Liste „Aufnahme“ fand? Einige Beispiele:

  • Haustarifverträge mit Gehaltsverzicht gibt es – mit drei Ausnahmen – bereits an sämtlichen Theatern in den Neuen Bundesländern;
  • häufig Kürzung/Streichung des Gästeetats (hier am Deutschen Schauspielhaus, hier am Theater Altenburg-Gera und hier am Theater Vorpommern), was die prekäre Lage der durch fortwährenden Ensembleabbau stark gewachsene Gruppe der Freischaffenden zusätzlich bedroht;
  • Freisetzung aller älteren und erfahrenen Mitarbeiter/innen, um durch Zahlung von Anfängergagen Mittel einsparen zu können (hier nachzulesen im Hamburger Abendblatt am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, dessen Intendant sich hier auf shz.de rühmt, dass dadurch sein Theater ein Haus „für Menschen mit Zukunft, nicht mit Vergangenheit“ sei);
  • Spartenschließungen wie in der Vergangenheit der Tanz am Theater Bonn und vielleicht in der Zukunft die Oper oder das Schauspiel (auch hier soll übrigens eine Bürgerbefragung vorgenommen werden).

Keine besinnliche Zeit also für Theaterschaffende in Deutschland, sondern eine je nach Temperament frustrierende oder kämpferische.

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