Jörg Rowohlt Geschrieben am 9 November, 2017

Kolumne November 2017

HELDEN DES ALLTAGS

Die Show muss weitergehen!

Eines der bekanntesten Klischees aus der Theaterwelt: Egal, was auf oder hinter Bühne passiert, die Vorstellung wird zu Ende gespielt.

Dass dies regelmäßig gelingt, ist im Grunde erstaunlich: Auf vielen hundert Bühnen in Deutschland wird allabendlich gespielt, Zehntausende Menschen wirken also bundesweit an Liveevents mit. Bei aller Professionalität der Akteure ist es ganz undenkbar, dass dabei keine Fehler passieren. Und bei allen Fehlern, die passieren, müssten eigentlich auch einige folgenschwere dabei sein.

Und doch: Vorstellungsabbrüche sind eine absolute Rarität. Es gibt sie wetterbedingt bei Open Air-Events, oder, sehr selten, bei plötzlichen gesundheitlichen Problemen eines unersetzlichen Akteurs. Ansonsten gilt: Die Show muss weitergehen!

Damit das gelingt, haben Theater gute und funktionierende Systeme zum Krisenmanagement entwickelt. Die Verantwortung dafür liegt in erster Linie bei drei Funktionen: der Inspizienz, der Abendspielleitung und der Soufflage.

Spricht man mit den Vertretern dieser Berufe, so hört man von Beinahe-Katastrophen, die während des Abends zum Abbruch hätten führen können. Ralph Hönle, Inspizient am Landestheater Tübingen, Mitinitiator des Inspizienten-Netzwerks und stellvertretender GDBA-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, erinnert sich: „Als während der Vorstellung ein Seiten-Aushang durch einen Scheinwerfer zu kokeln begann, nahm der Schauspieler das Geschehen in seinen Text mit auf und monologisierte zur Freude des Publikums, bis die Gefahr beseitigt war. Der Inspizient und der Bühnenmeister löschten den Schwelbrand. Der Feuerwehrmann schlief oder dachte, das gehört dazu.“

Weniger gefährlich, aber dennoch hochproblematisch sind Texthänger. Iris Möller, Souffleuse am Staatstheater Mainz und im Vorstand des dortigen GDBA-Lokalverbandes, weiß, dass problematische Vorstellungen im Grunde häufiger sind als reibungslose: „Dass die Soufflage in Anspruch genommen werden muss, ist eigentlich der Normalfall, auch wenn alle Beteiligten von einer unproblematischen Vorstellung ausgehen. Das Publikum bekommt davon jedoch meist nichts mit.“

DER 21-SEITEN-HÄNGER

Ihre Kollegin Susanne Kipp von den Münchner Kammerspielen gibt ein Gefühl für das Ausmaß der möglichen Probleme, aber auch die Anforderung und die Verantwortung des Souffleurs: „2008 habe ich bei einem Gastspiel im Rahmen der Ruhrfestspiele souffliert. Die Vorstellung beginnt und alles geht seinen Gang. Wenn ich merke, dass meine Gedanken vom Text abschweifen, zwinge ich mich sofort zur Konzentration auf das tausendfach Gelesene. Und da passiert es: Ein Textsprung geschieht. In mir bleibt scheinbar die Zeit stehen. Ich blättere Seite für Seite vor, um die Stelle zu finden. Es sind einundzwanzig Seiten!“

Wie also umgehen mit Situation? Unterbrechen oder weiterlaufen lassen? „Meine Gedanken jagen: Die Sinnhaftigkeit des Stückes sowie zahlreiche technische Zeichen der Inspizienz, die in den Bereichen Ton, Licht, Video und so weiter in Computern in ihrer Reihenfolge eingespeichert sind, sprechen dagegen, den Sprung einfach geschehen zu lassen. Ich klappe den Seitenberg zurück und höre mich den eigentlichen Text laut und deutlich unaufgefordert in die Industriehalle mit der Bühne hineinsagen. Sofort ernte ich unwillige Reaktionen der Zusachauer um mich herum. Sie hatten den stillen Moment offensichtlich geschätzt. Gleichzeitig startete der Dialog auf der Bühne explosionsartig.“ Das Gefühl, die Vorstellung so zu unterbrechen und wieder auf die Spur zu bringen, sei mit einem Bungeesprung vergleichbar.

Die Akteure auf der Bühne wissen, was sie an den Kollegen haben, auf die sie sich im Moment der Not verlassen können. Dabei geht es manchmal um deutlich drastischere Gefahren, als einfach nur aus der Rolle zu fallen. Ralph Hönle erinnert sich an einen Unfall, der verhindert werden konnte: „Während der Vorstellung „Die Räuber“ löste sich eine Podestplatte auf einer Podesterie, die sich zwei Szenen später schnell drehen sollte. Die Platte wäre aufgrund der Zentrifugalkräfte vom Podest geflogen. Ich habe rasch die Technik bereitgestellt, der Beleuchtung Bescheid gegeben, eine Umbaustimmung vorzubereiten, den Ton gebeten, die Musik zum Szenenwechsel zu loopen und die auf ihren Auftritt beim Szenenwechsel wartenden Schauspieler zurückgehalten. So sind dann beim Szenenwechsel zunächst Helmut und Lars von der Technik aufgetreten, haben die Platte fixiert und gingen ab. Dann erst kamen die Räuber und es ging weiter, als wäre nichts passiert – übrigens ein Satz, den ich mag.“

WERTSCHÄTZUNG WECHSELHAFT

Die Wertschätzung für die Retter in der Not ist in den letzten Jahren gestiegen – zumindest bei jenen, die im Zweifel auf sie angewiesen sind. Im Bereich Inspizienz bewegt sich einiges: „Durch die Arbeit des Inspizienten-Netzwerkes in den letzten vier Jahren wurden Institutionen wie Unfallkassen, Deutsche Theatertechnische Gesellschaft (DTHG), GDBA und Bühnenverein auf uns aufmerksam und beschäftigen sich verstärkt mit dem Beruf des Inspizienten als wichtige Komponente des Produktionsablaufs mit weitreichender Verantwortung. Wir arbeiten zurzeit zusammen mit der DTHG und mit der Unterstützung durch den Bühnenverein an einer Qualifizierung für Inspizienten/Stagemanager. Das zeigt, dass die Wertigkeit des Berufes erkannt wurde.“

Für Souffleure und Souffleusen ist es hingegen schwieriger, die angemessene Anerkennung zu erfahren. „Die Wertschätzung von Seiten der Sänger ist sehr hoch“, berichtet Iris Möller, „die durch die Leitung, auch die musikalische Leitung, eher weniger.“ Kollegin Kipp erläutert das Problem: „Beim Theater greifen unzählige Gewerke ineinander und müssen perfekt aufeinander eingespielt funktionieren. Dass man davon so wenig wie möglich sieht oder hört, liegt dann an der erfolgreichen Arbeit der Soufflage. Daraus folgt natürlich, dass der Posten von außen oft unterschätzt wird. Und zwar nicht nur durch das Publikum, sondern auch innerhalb eines Theaterbetriebes. Ein Paradoxon!“

Im Zuge eines immer stärker werdenden Kostendrucks gibt es dann auch an vielen Häusern Bestrebungen, Personal einzusparen. Gerade jene Funktionen, die im Idealfall gar nicht benötigt werden, bei Fehlern aber unverzichtbar sind, stehen zur Disposition. Nicht selten wird versucht, die Aufgaben der Abendspielleitung, Inspizienz und Soufflage in einer Person zu vereinen. Nach Ansicht der Betroffenen zeugen solche Vorstöße nicht nur von mangelndem Respekt vor ihrer Tätigkeit, sondern gefährden den reibungslosen Theaterbetrieb: „Alle drei Berufsgruppen sind während der Vorstellung ausgelastet“, berichtet Möller. „Ein Inspizient hat buchstäblich alle Hände voll zu tun. Ein Souffleur muss die ganze Vorstellung über voll konzentriert am Bühnengeschehen teilnehmen. Die Abendspielleitung muss ebenfalls die Vorstellung lückenlos überwachen und bei Bedarf eingreifen, zum Beispiel bei vergessenen Requisiten. Heute werden diese Berufe leider nicht mehr besonders wertgeschätzt, was sich auch bei der Höhe der Gagen zeigt. Abendspielleiter und Regieassistenten werden häufig wie Azubis behandelt und bezahlt. Bei Souffleuren neigt man auch dazu, im Krankheitsfall irgendwen als Ersatz in die Vorstellung zu setzen, egal was derjenige sonst so macht.“

GESCHEITERTER VERSUCH

Hönle weiß, welche Probleme dieser Ansatz in der Praxis macht: „Diesen Versuch, durch Komprimierung Ressourcen zu sparen, sehe ich als gescheitert an. Die meisten Kollegen, die in solch einem Modell gearbeitet haben und mit denen ich gesprochen habe, waren unzufrieden, weil die einzelnen Aufgaben nicht mehr optimal, gut und sicher ausgefüllt werden konnten. Überbelastung ist in dem Zusammenhang zu beobachten, und das birgt immer Risiken sowohl für den Einzelnen als auch für die Sicherheit der Vorstellungen und Proben. Ich glaube, dass viele Theaterleitungen inzwischen gelernt haben, wie wichtig Nachhaltigkeit und Qualität auch im Backstage-Bereich sind.“

Diese positive Einschätzung kann Möller so nicht teilen. Sie warnt vor Grenzüberschreitungen, die den reibungslosen Betrieb gefährden: „Verweigerung von tariflichen freien Tagen, Anproben während der Ruhezeiten … Die Einhaltung der Regeln muss immer wieder durch den Spartensprecher eingefordert werden. Das sollte eigentlich nicht nötig sein.“ Sie wünscht sich eine bessere Kommunikation zwischen Theaterleitung und Mitarbeitern. Darin stimmt Hönle ihr zu: „In vielen Bereichen der Theater wird inzwischen auf moderne Betriebsführung Wert gelegt. Das heißt unter anderem, dass wertschätzende und motivierende Kommunikation immer wichtiger wird. Dies, zusammen mit qualifizierten Mitarbeitern, ist meines Erachtens ein richtiger Weg für einen solch komplexen Apparat wie das Theater.“ Denn Wertschätzung und gute Arbeitsbedingungen sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das eherne Theatergesetz auch in Zukunft eingehalten werden kann: Die Show muss weitergehen!

Kai Hirdt

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