Jörg Rowohlt Geschrieben am 30 April, 2018

Kolumne Mai 2018

VON DER AUSBILDUNG ZUM BERUF

Generation Praktikum

Die Ausbildung von darstellenden Künstlern in Deutschland genießt grundsätzlich und zu Recht einen hervorragenden Ruf. Trotzdem gibt es unter den Ausbildungsstätten sowie den kooperierenden Theatern auch schwarze Schafe: Studierende werden immer wieder als billige Arbeitskräfte missbraucht.

Für das am Ballettzentrum Hamburg angesiedelte Bundesjugendballett gilt das sicher nicht: Die Compagnie wurde 2011 von John Neumeier gegründet. In zwei Jahren Zugehörigkeit bereiten sich Tänzerinnen und Tänzer mit abgeschlossener Ausbildung auf den Beruf vor. Gleichzeitig soll die künstlerische Persönlichkeit herausgebildet werden. Nach ihrem Selbstverständnis ist die Kontinuität zwischen Ausbildung und Berufsleben entscheidend – bis die Tänzer und Tänzerinnen sich anschließend auf die großen Compagnien der Welt verteilen.

Im Opernbereich trifft die gleiche Einschätzung für zum Beispiel das Bayerische Opernstudio in München zu. Die Ausbildung dort erstreckt sich über ein bis zwei Spielzeiten und beinhaltet Rollenstudium, Gesangsunterricht, Schauspiel- und Bewegungstraining sowie Sprachunterricht. Die jungen Sänger übernehmen kleinere Partien in den Produktionen der Bayerischen Staatsoper und wirken bei einer Vielzahl von Konzerten und Liederabenden mit. Probenbesuche sowie Workshops und Gespräche mit Sängern, Dirigenten und Mitarbeitern aus verschiedenen Bereichen der Staatsoper runden die Ausbildung ab.

Auch für die Schauspielausbildung findet sich in der bayerischen Landeshauptstadt ein interessantes Modell: Die Theaterakademie August Everding bietet zusätzlich durch Projektarbeiten an der Theaterakademie und gegebenenfalls Praktika am Bayerischen Staatsschauspiel, am Metropoltheater München sowie in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Fernsehen und Film München die Möglichkeit, Berufspraxis zu sammeln. Hier, so die Selbstdarstellung, wird der Ernstfall nicht nur geprobt, sondern auf den Bühnen des Prinzregententheaters und des Akademietheaters praktiziert. In Kooperation mit den vier Münchner Hochschulen und den drei Münchner Staatstheatern werde eine fundierte Vorbereitung auf den Beruf möglich gemacht.

Ausbildungen werden aber nicht nur in den Metropolen geleistet: Insgesamt gibt es auch in kleineren deutschen Städten insgesamt 16 staatliche Hochschulen in unterschiedlicher Trägerschaft, die in der „Ständigen Konferenz Schauspielausbildung“ (SKS) zusammengeschlossen sind und ein ständiges Qualitätsmanagement betreiben. Pro Jahr werden etwa 150 bis 160 Schauspiel-Studierende ausgebildet.

Daneben kommt allerdings eine immer schneller wachsende Anzahl von privaten Schauspielschulen auf den Markt, sagt Titus Georgi, Schauspielprofessor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und SKS-Vorsitzender. Unter denen gebe es „einige wenige seriöse Institute, die entsprechend ihren Möglichkeiten eine fundierte Schauspielausbildung durchführen oder sich auf andere Schwerpunkte wie etwa Jugendbildung konzentrieren“. Die Mehrzahl der Privaten aber betreibe mit dem Traum der jungen Menschen nur Geldmacherei. Andere Experten teilen diese Einschätzung. Vielfach sei deren Qualität derart schlecht, dass nur für die Arbeitslosigkeit ausgebildet werde.

AUSBEUTUNG STATT AUSBILDUNG?

Stellt schon das eine große Problematik dar, droht eine andere weitere Gefahr auch von staatlichen Einrichtungen und den mit ihnen kooperierenden Theatern – Niedriglöhne in einem Graubereich an durchaus renommierten Häusern: Dort wird der Stellenplan für Festengagierte ausgedünnt und die entstehenden Lücken mit Studierenden aus Schauspiel- oder Opernstudios aufgefüllt. Für die Häuser ist das angenehm: Die Opernstudio-Mitglieder sind deutlich günstiger als eigene Ensemble-Mitglieder. Eine Untersuchung der Hamburger Körber-Stiftung aus dem vergangenen Jahr nennt als durchschnittliches Einkommen eines Opernstudio-Mitglieds 1.000 bis 1.500 Euro mit Ausreißern nach oben (2.200 Euro) und nach unten (500 Euro), wobei als Richtwert häufig die Mindestgage des NV Bühne (aktuell 2.000 Euro) gilt. Zusätzlich werden mancherorts noch die Vorstellungen vergütet. Der mangelnde Verdienst ist aber nicht der einzige Grund, aus dem Insider die Schauspiel- und Opernstudios in vielen Fällen nicht mehr als Bindeglied zwischen Ausbildung und professioneller Schauspiel- oder Sängerkarriere sehen, als das sie ursprünglich gedacht waren: Auch die Qualität der Ausbildung leidet mangels Unterrichtskapazitäten in den Häusern, die dort manchmal auch gar nicht vorhanden ist. Gerade in der Fläche scheint es um schlichtes Lohndumping zu gehen, wenn vor allem kleinere Häuser ihre Planstellen abbauen und mit Mitgliedern von Schauspiel- oder Opernstudien kompensieren (müssen), weil sie anderenfalls ihre künstlerischen Vorhaben nicht mehr verwirklichen könnten. Hinzu kommt der betriebsinterne Druck, dem die Studiomitglieder ausgesetzt sind: Jeder von ihnen hofft auf eine Übernahme ins feste Ensemble und ist deswegen weniger bereit, sich über mangelnde Ruhezeiten, überlange Arbeitszeiten und -wege oder stimmliche Überlastung zu beklagen. Dabei hätten manche von ihnen dazu allen Anlass: So taten sich in einem ostdeutschen Bundesland vier Opernbühnen mit einer Musikhochschule zusammen und gründeten ein Opernstudio. Dessen Mitglieder werden als vollwertige Sänger in den vier Häusern eingesetzt, weshalb sie für Vorstellungen Entfernungen von mehr als 150 km zurückzulegen haben. Für die Probe am nächsten Morgen gilt es, die gleiche Distanz dann erneut zu bewältigen. Dieses Procedere wiederholt sich unter Umständen an sechs Tagen in der Woche – von Ausbildung ist bis dahin keine Rede. Denn im eng getakteten Theaterbetrieb gibt es niemanden, der sich um die speziellen Belange der Opernstudio-Mitglieder kümmern kann. Deshalb ist ein Wochentag für Ausbildung reserviert, wohlgemerkt: ein zusätzlicher Wochentag. Der fällt zwar gelegentlich auch aus, aber wenn er stattfindet, ist es der siebte Wochentag. Kaum verwunderlich, dass der eine oder andere dann lieber darauf verzichtet.

LICHT UND SCHATTEN IN SCHAUSPIEL- UND OPERNSTUDIOS

Mitglieder von Opern- oder Schauspielstudios hoffen wie beschrieben auf die Übernahme ins Festengagement, bei öffentlicher Kritik an eigentlich unhaltbaren Zuständen fürchten viele Betroffene um diese Chance. So wird auch verständlich, weshalb sich kaum jemand in diesem Text namentlich wiederfindet oder Theater nicht genannt werden. Dabei sollen die positiven Erfahrungen nicht unter den Tisch fallen: Dass in Opern- oder Schauspielstudios Studenten aus den Abschlussklassen der Hochschulen Einblicke in die Berufspraxis erhalten, indem sie mit kleinen oder größeren Rollen betraut werden, ist zunächst ein sinnvoller Ansatz, der auch vom Nachwuchs vielfach so eingeschätzt wird. Bei entsprechender Realisierung ist das eine sinnvolle Einrichtung, um den Nachwuchs an den Berufsalltag heranzuführen. Beispiel Oper: Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt idealerweise im Bereich Bühne und umfasst vor allem Auftrittscoaching (Bühnenpräsenz, szenische Arbeit) und Meisterkurse durch erfahrene Bühnenkünstler. An einigen Häusern spielt der Deutschunterricht für fremdsprachigen Opernstudio­mitglieder eine wichtige Rolle, darüber hinaus gibt es an verschiedenen Stellen auch Sprachcoachings vor allem für das deutsche Opernrepertoire. Bei den berufspraktischen Aspekten, die grundsätzlich einen geringen Anteil ausmachen, reicht das Angebot von Vertragsgestaltung über Vorsing­-Training bis zu Tipps für Make­up und Outfit. Allerdings werden die Erwartungen der Studierenden oftmals auch enttäuscht. In dem schmalen Büchlein „Vom Ton zum Lohn“1 wird berichtet, „besonders kleine Theater“ hätten sich ihre Studios „unter der Maßgabe angeschafft, „billige Kräfte aus den Hochschulen zu rekrutieren“. Exemplarisch werden die Häuser in Lübeck und Krefeld-Mönchengladbach genannt: „Die jungen Talente bekommen oft nicht mal einige hundert Euro pro Vorstellung, sondern werden mit einer geringen monatlichen Stipendiums-Pauschale abgefertigt.“

Im schlimmsten Fall finden sich die Studierenden sogar in Existenznöten wieder. Beispiel Schauspiel: Zwar räumen auch die Studios ein, dass die Kooperationen zwischen Schule und Theater nicht immer ohne Probleme ablaufe, aber in wenigen Fällen stellt sich die mangelnde Zusammenarbeit so krass dar, wie zwischen einer renommierten österreichischen Schauspielschule und einem westdeutschen Schauspielhaus. Zunächst wurde an der Hochschule ein solides handwerkliches Fundament vermittelt, das Sprech- und Atemtechnik, Rollenstudium, Gesang, Bewegungslehre und vieles mehr umfasst. Im letzten Jahr machen die Studierenden dann Erfahrungen am Theater und sind davon zu Recht angetan. In diesem Fall ist die kooperierende Bühne allerdings ein 800 km entferntes westdeutsches Theater. In welchen Stücken die Studierenden besetzt sind? Erfahren sie erst kurzfristig. Ob es nur ein Stück oder mehrere sind? Erfahren sie erst kurzfristig. Wann genau sie dort sein müssen? Auch das ist erst kurzfristig zu erfahren. Anderweitige Verträge müssen mit dem Haus abgestimmt werden, wodurch zusätzliche Einnahmen wegbrechen. Umzugskosten werden selbstverständlich auch nicht übernommen. Unterricht findet keiner mehr statt. Dafür gibt es in Monatssalär von 500 Euro – wovon niemand leben kann.

Das Theater seinerseits kann so die Mindestgage umgehen, weil die Beschäftigung der Studierenden als Praktikum getarnt wird. Und auch unerfreuliche Nicht-Verlängerungen lassen sich vermeiden, die Mitglieder der Schauspiel- oder Opernstudios werden nach einiger Zeit durch neue Bewerber ersetzt.

Im genannten Fall konnte die GDBA immerhin einen Bewusstseinswandel bei Verantwortlichen der Hochschule durchsetzen: Manche Bedenken der Studierenden seien durchaus begründet. Es habe Irrtümer und Schlamperei gegeben, aber keine ausbeuterische Skrupellosigkeit. Auch der neu gewählte Betriebsrat des Theaters wird sich mit der Sache befassen.
Ein Einzelfall ist das Ganze offensichtlich aber nicht: Der Musicalstudiengang einer niedersächsischen Stadt macht ähn­liche Erfahrungen.

Und nur besonders dreist verhielt sich der damalige Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD), der 2015 erklärte, an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock eine Theaterakademie gründen zu wollen – mit der unverblümten Erklärung, Studierende einzusetzen, wenn Bühnen und Orchester an ihre personellen Grenzen stoßen sollten, die er durch seine verkorksten Theaterfusionen selbst zu verantworten hatte. Durch finanzielle Pressionen hatte er zuvor für den Abbau von Ensemble-Stellen gesorgt, die es nun kostengünstig aufzufüllen galt.

STUDIERENDE ZAHLEN FÜR IHRE AUFTRITTE

2015 wurde an mehreren sächsischen Theatern eine Praxis publik, die ähnlich viel Chuzpe verlangt: Ein Großteil der Besetzungen in Stücken wie „Hello Dolly“ oder der „Zauberflöte“ sollte mit Studierenden aus dem US-Bundesstaat Virgina bestritten werden. Unter anderem waren sie für so anspruchsvolle Rollen wie Tamino, Papageno, die Königin der Nacht oder Sarastro vorgesehen – und sollten dafür jeweils 2.000 Dollar an ihre amerikanische Uni entrichten. Studierende zahlten dafür, dass sie an weltweit geachteten deutschen Bühnen singen durften.

Diese Praxis wurde nach von der GDBA unterstützter Intervention inzwischen eingestellt, das Programm der amerikanischen Uni ist im Internet nicht mehr erreichbar. Aber der Vorfall bestätigt letztlich nur, was 2017 ein Opernstudio-Verantwortlicher anonym der Körber-Stiftung sagte: „Man muss ein Auge darauf werfen, dass die jungen Leute nicht ausgenutzt werden. Sie sind die Generation Praktikum der Oper – da liegt die große Gefahr!“

Aber nicht nur in Extremfällen wie dem Beschriebenen lauert Unerquickliches: Eine junge Stimme, die durch zu frühes Singen eines bestimmten Repertoires, das erst mit einer bestimmten Erfahrung angegangen werden sollte oder durch die schiere Menge an Aufgaben überlastet wird, kann schnell bleibende Schäden davontragen. Insgesamt aber sollten bei einem Opernstudio die Vorteile für die Studierenden die Nachteile überwiegen. Genannt werden unter anderem: Bühnenerfahrung, Vorsingen vor Agenturen, der Professionalisierungsschub für junge Sänger, ein guter Einstieg in den Opernbetrieb in geschütztem Rahmen, Training des Durchhaltevermögens oder Coaching durch Kollegen.

Bei den Tanzhochschulen fehlt es den oft noch sehr jungen Absolventinnen und Absolventen an der ausreichenden Bühnenpraxis zum direkten Einstieg in die Berufswelt. Zudem bieten die Hochschulen zwar eine ausgezeichnete fachspezifische Ausbildung, es fehlt aber oft die Vermittlung grundlegenden Wissens über die unterschiedlichen Aspekte des Berufslebens, deutsche Sprach- und Kulturkenntnisse, die Gesamtbetrachtung künstlerischer Prozesse am Theater oder berufspraktische Fächer. Ergänzend zum Hauptstudium der Hochschulen legt das zweijährige Engagement am NRW Juniorballett neben der praktischen Bühnenerfahrung und der kreativen Erweiterung des künstlerischen Horizonts ein Augenmerk auf die qualifizierte Vorbereitung auf den Berufsalltag – um dieses Ziel zu gewährleisten, erhalten die jungen Tänzerinnen und Tänzer die Möglichkeit, in mindestens zwei Produktionen des Ballett Dortmund je Spielzeit mitzuwirken.

Aber auch für den Tanzbereich gibt es unrühmliche Beispiele, etwa wenn mit Tänzern aus dem Ausland ohne fundierte begleitende Ausbildung, die als Eleven eingesetzt werden, weggesparte Stellen ausgeglichen werden. Nicht die angehenden Künstler werden betrachtet, sondern preiswertes Dienstplan-Füllmaterial.

STUDIOS ALS ERMÖGLICHER

Im Aufgabenkatalog für den Nachwuchs steht mehr als bloß junge Gesichter oder neue Stimmen – es gehören auch die Vermittlung zur Außenwelt, der Schutzraum des Studios, künstlerische und soziale Verantwortung dazu. Letztere aber ist vor allem Sache der Opern- und Schauspielstudios. Die Studierenden sind idealerweise unstillbar hungrig, wollen vor allem singen (beziehungsweise als Schauspieler arbeiten) und nicht nur nebenherlaufen. Die Studios sollten sich als Ermöglicher verstehen, die jungen Leuten eine Chance durch Ausbildung und Bühnenauftritte geben. Davon können die Häuser dann hoffentlich auch profitieren. Wenn auch nicht in Euro und Cent im nächsten Haushaltsplan.

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