Jörg Rowohlt Geschrieben am 29 Dezember, 2017

Kolumne Januar 2018

GEHÄLTER

Kleine Fische, große Fische

Die Gehälter des Leitungspersonals der Theater sind in den letzten Jahren überproportional stark angestiegen, während die Entlohnung der künstlerischen Mitarbeiter bei weitem nicht so deutlich gewachsen ist. Es stellt sich erneut die Frage nach der Angemessenheit der Gagen.

Seit Spielzeitbeginn ist Florian Fiedler neuer Intendant des Theaters Oberhausen. „Wir verteilen von oben nach unten“, hatte er schon vor Amtsantritt im Mai gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) programmatisch erklärt. In der Tat hob er die Mindestgage an seinem Theater freiwillig auf 2300 Euro an. Um Mitarbeitern diese höhere Mindestgage zahlen zu können, kappte er nach Eigenaussage erst einmal selbst sein Gehalt. Das war ohne Zweifel ein beachtens- und begrüßenswertes Zeichen – allerdings kürzte er von einem ziemlich hohen Niveau kommend, selbst wenn seine Bezüge nicht die gleiche Höhe erreichen, wie die seines Vorgängers Peter Carp, die die WAZ mit 180.000 Euro jährlich bezifferte – zum Vergleich: Der Oberhausener Oberbürgermeister erhält 124.000 Euro (allerdings plus diverser Aufsichtsrats-Tantiemen), die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Karin Beier, bekommt auch ’nur‘ 196.000 Euro.

Die Gehaltssteigerung der Oberhausener Neulinge konnte Florian Fiedler auch deshalb finanzieren, weil er das Ensemble verjüngte und so Kosten für ältere Kolleginnen und Kollegen einsparte. Von Kritik und Publikum wird das junge Team dabei zwar bisher nicht durchgängig goutiert – aber er stieß eine neuerliche Diskussion um Intendantengehälter und ihr Verhältnis zu normalen künstlerischen Einkommen an.

AUSGEWOGENE GEHÄLTER MÜSSEN THEMA WERDEN

Die Theater in Heilbronn, Konstanz, Osnabrück und Köln haben wie Oberhausen ebenfalls angekündigt, eine höhere als die tariflich normierte Mindestgage zahlen zu wollen. Das ist gleichfalls löblich, auch wenn es sich um eine unverbindliche Selbstverpflichtung handelt, die von jeder neuen Leitung rückgängig gemacht werden könnte. Eine strukturelle und allgemeinverbindliche Lösung durch Festschreibung im Tarifvertrag ist immer deutlich zu bevorzugen. Außerdem: Durch Gehaltsverzichte von Intendanten wird kein dauerhaftes Finanzierungsproblem gelöst. Einige Zehntausend Euro Intendantenkürzung reichen nicht, um insgesamt für angemessene Gagen sorgen zu können. Ganz zu schweigen von den notwendig werdenden Gagenerhöhungen für ältere Künstlerinnen und Künstler, deren Einkommen ebenfalls wachsen muss, um die bisherigen Abstufungen erhalten zu können.

Abgesehen davon, macht ein Blick auf die Zahlen deutlich, dass es ein Gerechtigkeitsproblem jenseits von Neiddebatten gibt – und zwar nicht allein bei den Mindestgagen. Zieht man nämlich die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins zu Rate, wird deutlich, dass von der Spielzeit 2005/2006 bis zur Spielzeit 2015/2016 das Leitungspersonal der Theater einen Gehaltszuwachs von fast 76 Prozent zu verzeichnen hatte – von durchschnittlich 71.000 Euro auf 126.000 Euro. In diesen zehn Jahren, so hat es die Universität Duisburg-Essen ausgerechnet, stieg dagegen das durchschnittliche Einkommen aller deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um knapp 23 Prozent. Die meisten künstlerisch Beschäftigten lagen – zum Teil deutlich – darunter (siehe Grafik). Die auf diese Weise statistisch belegte sich öffende Schere zwischen den Leitungsgehältern im Verhältnis zu den übrigen Beschäftigtengruppen sorgt aber dafür, dass das Thema Ausgewogenheit aufs Tapet gebracht werden muss.

ES GEHT UM GLAUBWÜRDIGKEIT

Dabei wird über Intendanten-Gehälter schon seit Jahren gestritten und meistens geht es dabei um Debatten, die letztlich zu Lasten der gesamten Theaterfinanzierung instrumentalisiert werden. Schon deswegen müssten eigentlich auch die Theaterleiter ein Interesse daran haben, ihre Beschäftigten anständig zu bezahlen. Am Ende bleibt es nämlich nicht bei der populistischen Kritik an den Intendanten in ihren vermeintlichen Champagner-Etagen. Dass heutzutage allerorten gern genommene Eliten-Bashing wendet sich vielmehr gegen das gesamte Theater und sein Publikum. Beispielhaft dafür ist die Auseinandersetzung um den ehemaligen Generalintendanten des Theaters Bonn, Klaus Weise, zu nennen. Dessen exorbitante Einkünfte von 320.000 Euro wurden öffentlich skandalisiert. Am Ende verließ der Intendant das Theater, das als viel zu hoch empfundene Intendantengehalt war zu einem der Anlässe geworden, Sport oder Soziales gegen die Kultur auszuspielen.

Auch in Stuttgart versuchte der ohnehin als nicht besonders kulturaffin auffällige Steuerzahlerbund 2012 die Theater der Landeshauptstadt insgesamt an die kurze Leine zu legen, weil deren Leitungsebene angeblich zu viel verdiene. Die Stuttgarter Zeitung hatte berichtet, dass die Intendanten am Stuttgarter Staatstheater in Schauspiel, Ballett und Oper zwischen 173.000 und 204.000 Euro bekommen hatten – was sich zusammen mit rund 240.000 Euro für den Generalmusikdirektor auf eine knappe Million summierte.

Dagegen sagten andere Kenner der Szene, die genannten Intendantenbezüge seien sicher nicht schlecht, bewegten sich aber durchaus in einem vertretbaren Rahmen. Immerhin müsse ein Intendant einen Millionen-Etat verwalten, sein Haus sei mit einem mittelständischen Unternehmen zu vergleichen. Und er müsse ein attraktives Angebot erstellen, damit die Zuschauerzahlen weiter stimmten. Dem Theater werde es keinen Nutzen bringen, das Jahresgehalt zu kürzen oder weniger erfolgreiche Intendanten einzukaufen.

In der Tat ist es nicht nur Eitelkeit der örtlichen Politiker, die sich mit berühmten Theaternamen schmücken wollen oder der Wettbewerb unter den verschiedenen Häusern: Es geht auch um die Qualität der Theaterleitungen, die für ein attraktives Angebot sorgen sollen. Klangvolle Namen kosten und ein berühmter Intendant oder GMD mit großer Reputation ist nicht für das Gehalt eines leitenden Angestellten zu bekommen. Die öffentlichen Auftrag- und Geldgeber haben zwischen Kosten und Qualität – teilweise im internationalen Wettbewerb – abzuwägen. Allerdings sorgen die oben beschriebenen unausgewogenen Aufwüchse der Gagen für eine Schieflage, die diskutiert werden muss.

Auf jeden Fall gilt: Wo beispielsweise Bernd Loebe oder Ulrich Khuon Intendanten sind, kann die Mindestgage nicht bei 2000 Euro liegen. Und wenn die Summen in Castrop-Rauxel oder Freiberg-Döbeln andere sein mögen – der Grundsatz bleibt, wonach das Gleichgewicht der Einkünfte (wieder) hergestellt werden muss. Und natürlich müssen Frauen und Männer gleich bezahlt werden. So oder so geht es vor allem auch um Glaubwürdigkeit. Die aber fehlt, wenn Theaterleitungen für sich selbst Spitzengehälter aushandeln und anschließend die künstlerisch Beschäftigten ihres Theaters zum Gürtel-Enger-Schnallen auffordern.

Wie Theaterleitungen sich gelegentlich auch selbst überschätzen, ließ sich 2016 in Trier besichtigen: Die dortigen Kulturpolitiker engagierten den komplett überforderten Karl Sibelius als Generalintendanten für ihr Dreisparten-Haus, der für ca. 130.000 Euro auch die kaufmännische Leitung übernahm. Ergebnis: Ein Defizit von 2,6 Millionen Euro und 300.000 Euro Abfindung für den schließlich gefeuerten Theaterleiter. Die Gesamtverantwortung lag allerdings ziemlich eindeutig bei den höchst unprofessionell agierenden städtischen Politikern.

TRANSPARENZ ALS ERSTER SCHRITT

Insgesamt fällt es aus mehreren Gründen schwer, Gehälter von Intendanten zu vergleichen. Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt. Nur selten sickert etwas durch.

Und selbst wenn die Gehälter überall offen gelegt würden, vergliche man Äpfel mit Birnen: Es gibt Intendanten für Oper, Ballett und Theater sowie Generalintendanten, die für mehrere Sparten verantwortlich sind und oft besser entlohnt werden.

Außerdem ist das Gehalt noch nicht alles, da Honorare für Inszenierungen hinzukommen können.

Peter Schwenkow, Kulturmanager und kommerzieller Klassikveranstalter, meint gar: „Gute Intendanten sollten viel verdienen. Ein schlechter Intendant, der einen Etat von 20 oder 30 Millionen verantwortet, kann mit Missmanagement sehr viel teurer werden als ein gut bezahlter, fähiger Opern- oder Theaterleiter.“ Schwenkow verweist auf andere Spitzenmanager landeseigener Betriebe in Berlin wie Stadtreinigung, Verkehrsbetriebe, Flughafen oder Messegesellschaft. Die verdienen wesentlich mehr als der teuerste Berliner Intendant. Das gilt nicht nur für die Hauptstadt: Der Geschäftsführer des Hamburger Flughafens etwa verdient knapp 410.000 Euro – mehr als jeder Theaterintendant. Auch die Grüne Sabine Bangert, Kulturausschussvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, relativiert: „Wer in einem Kulturbetrieb Chef ist, hat oft Verantwortung für mehrere Hundert Beschäftigte, das ist wie ein mittelständisches Unternehmen. Wenn Sie das mit der freien Wirtschaft vergleichen, kann man in der Kultur sicher nicht reich werden.“ Wenn allerdings Politiker als Vertreter der Rechtsträger landauf landab nach Einsparungen und speziell im Osten nach Haustarifverträgen rufen, dann beginnt die Diskussion hier scheinheilig zu werden.

Wobei das mit dem Reichwerden auf den Standpunkt ankommt. Immerhin könnte mehr Transparenz auch bei den Intendantengehältern einen ersten Schritt zu mehr Angemessenheit der Einkommen darstellen. So hat die rot-rot-grüne Koalition in Berlin verabredet, „die Vergütungen in Spitzenpositionen künstlerischer Institutionen“ offenzulegen. Seither steht Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) „auf der Beliebtheitsskala der Berliner Intendanten ganz unten“ (Welt). In Hamburg gibt es schon seit 2014 ein solches Transparenzgesetz, das die Spitzengehälter aus dem Kulturbereich benennt. Anderswo bleiben Chefdirigenten- und Intendantengagen einstweilen weiter kulturelles Staatsgeheimnis Nummer Eins – nach allem, was man hört, von den Betroffenen auch durch Drohungen gegenüber Politikern verteidigt. Motto: Wenn Sie meine Gage offenlegen, komme ich nicht. Oder: Gehe ich. Oder: Gehe ich vor Gericht!

Die Möglichkeit solcher Drohungen haben die meisten Theaterschaffenden zwar nicht, aber auch abseits der Leitungsebenen gibt es ziemlich gut bezahlte Theaterstars, die ihre Gagen eher ungern in der Zeitung lesen würden. Wie sich in dieser Situation die GDBA verhält? Sie streitet weiter für eine angemessene Bezahlung.

Wahrscheinlich würde kaum jemand die durchaus auskömmlichen Intendantengehälter zum Thema machen, wenn auch überall sonst angemessene Gehälter auf den Gehaltsabrechnungen stünden. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus: Nicht nur, dass die Lohnsteigerungen für die meisten Berufsgruppen an den Theatern unterdurchschnittlich blieben – wann immer die Künstlergewerkschaften Forderungen erheben, verweist der Arbeitgeber reflexartig auf die angeblich ganz und gar unmögliche Finanzierbarkeit der Arbeitnehmer-Wünsche, gerne auch mit Rückgriff auf die klammen Kassen der Rechtsträger. Jeder noch so minimale Fortschritt für die Beschäftigten muss dem Arbeitgeber abgetrotzt werden. Über öffent­liche Empörung muss sich bei den vor­liegenden Zahlen niemand wundern.

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