Jörg Rowohlt Geschrieben am 31 Januar, 2018

Kolumne Februar 2018

KULTURELLE BILDUNG

Junge Weltentschlüsselungskünstler

Teilhabegerechtigkeit setzt kulturelle Bildung voraus – und umgekehrt. Begegnung und Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur sind von prägender Bedeutung für unsere Kinder. Sie beeinflussen die sinnliche Wahrnehmung, die kreativen Fertigkeiten und die Ausdrucksfähigkeit. Aber sind die Anstrengungen der verschiedenen Akteure wirk­lich ausreichend?

In den vergangenen Jahren hat sich kulturelle Bildung auf Kinder und Jugendliche fokussiert. Die Überlegung dahinter: Je früher Kinder mit Kunst und Kultur in Berührung kommen, desto positiver wirkt sich dies auf ihre späteren Kulturinteressen aus – so formulierte es vor zehn Jahren bereits der Enquetebericht Kultur des Bundestages (siehe Seite 14). Wohl zu Recht wird diesem Aspekt ein entscheidender Anteil an der Zukunft des deutschen Theatersystems beigemessen. Es gehe um die Zuschauer von morgen!

Auf diese Erkenntnis reagierten die Stadttheater, in dem sie nicht bloß einmal in der Vorweihnachtszeit für junges Publikum produzieren, sondern schon seit langem ihre Angebote für junge Zuschauer mit Inszenierungen aus dem Abendspielplan und speziellen Produktionen für junge Zuschauerinnen und Zuschauer verstärken. An so gut wie jedem Stadttheater gibt es eine Theaterpädagogin oder einen Theaterpädagogen oder eine entsprechende Abteilung.

Deren vorrangige Aufgabe liegt darin, das Theater für alle unverstellt erreichbar zu machen, insbesondere aber Kindern und Jugendlichen Zugang zu dem, was Weltliteratur genannt wird, und zu unterschiedlichen ästhetischen Möglichkeiten zu verschaffen: In vielen deutschen Städten sind gegenwärtig bis zu einem Drittel der Bewohner nichtdeutscher Herkunft, bei den Kindern, die eingeschult werden, sind es um die 50 Prozent, bei den Kindern unter sechs Jahren bilden Kinder mit Migrationshintergrund fast überall die Mehrheit. Gleichzeitig ist die Gesellschaft mit einer immer größer werdenden Überalterung konfrontiert und mit der Situation, dass die Generationen so gut wie gar nicht mehr miteinander in Berührung kommen. Theater könnte unter diesen Umständen also ein Ort sein, an dem sich Spielräume vergrößern lassen und Grenzen durchlässiger werden.

GRUNDVERSORGUNG MIT KINDER- UND JUGENDTHEATER SICHERSTELLEN

Das Netzwerk der Kinder- und Jugendtheater, Assitej e.V., hat im vergangenen Herbst eine Studie („Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland“) durchgeführt, die die Darstellenden Künsten für junges Publikum in Deutschland in ihrer Verschiedenartigkeit darstellt. Personal, Programm und Publikum von rund 1.000 städtischen und freien Kinder- und Jugendtheatern, Sparten an Stadt- und Staatstheatern sowie Gastspielveranstaltern in ganz Deutschland wurden untersucht – auf assitej.de kann die Untersuchung kostenlos heruntergeladen werden. Laut Deutschem Bühnenverein (DBV) gab es in der Spielzeit 2015/2016 im Kinder- und Jugendtheater einen Besucherzahlen-Anstieg um rund fünf Prozent auf knapp drei Millionen. Assitej schätzt aufgrund von „mutigen“ Hochrechnungen sogar zehn Millionen. Nur rund 550 Mitar­beiterinnen und Mitarbeiter, sagt der DBV, hätten etwa 14.400 Vorstellungen bundesweit gestemmt.

Die Theaterarbeit, das belegt die Studie, die der promovierte Kultur- und Sozialwissenschaftler Thomas Frenz durchge­führt hat, findet in sehr unterschiedlichen organisatorischen Strukturen statt. Vom Stadt- und Staatstheater, über eigenständige Kinder- und Jugendtheater in städtischer Trägerschaft, freie Theater mit eigenen Strukturen, große freie Spielstätten in den Metropolen, über zahlreiche mittlere und kleinere Spielstätten und freie Ensembles bis hin zu Gastspielveranstaltern in Klein- und Mittelstädten – Kinder- und Jugendtheater ist lebendig, vielfältig und vor allem aktiv engagiert.

Aber es müssen auch Defizite konstatiert werden: Abseits der Metropolen fehlt es an flächendeckender Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit altersadäquatem Theater – ein Grund mehr für die Stärkung der Kulturangebote im ländlichen Raum. Die Studienmacher beklagen auch, dass die kulturelle Grundversorgung mit Kinder- und Jugendtheater in Ostdeutschland immer noch erschreckend gering sei. Eine verstärkte Gastspielförderung könnte diese Lücke wenn doch nicht schließen, so immerhin provisorisch überbrücken: Auf diese Weise wäre ein facettenreiches, genreübergreifendes Angebot der Darstellenden Künste auch im ländlichen Raum ermöglicht, das Dialog mit dem Publikum mitdenkt und die geringeren Einnahmen bei einem Familienpublikum oder kleineren Spielstätten berücksichtigt. Mehr Gastspielförderung fordert zum Beispiel auch der Konzertagent Berthold Seliger. Der Vorsitzende der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), Professor Gerd Taube aus Frankfurt am Main, fordert gar die Abschaffung des Kooperationsverbots in der Kulturpolitik und -förderung zwischen Bund und Ländern.

Zu fragen bleibt aktuell aber trotzdem, ob und wie die Ressourcen der verschiedenen Akteure, insbesondere der zahlreichen kommunalen Gastspielorte, optimaler genutzt werden können. Neben einem Ausbau der Theaterpädagogik an Gastspielorten nennt die Studie vor allem auch einen intensiveren Austausch mit Freien Theatern und die Förderung von deren Gastspielen. Dies könnte auch in regionalen Kooperationen verschiedener Kinder- und Jugendtheater mit und ohne eigene Spielstätte oder Ensemble münden. Wenn entsprechend der aktuellen Debatte (auch) kulturelle Infrastrukturen in ländlichen Räumen gestärkt werden sollen, dann gehört das Kinder- und Jugendtheater dazu – nicht unproblematisch vor dem Hintergrund zunehmender Haushaltsprobleme mancher Gemeinden. Die Studie empfiehlt eine „Diskussion, ob Bund und Länder kommunale Finanzlücken schließen oder neue Impulse für Organisationen und Strukturen der Theaterarbeit setzen wollen“.

Auch für freie Theater müsse die Konzeptions- und Infrastrukturförderung intensiviert werden: Der Lebensunterhalt von Künstlerinnen und Künstlern könne so gesichert und die Qualität gesteigert werden. Insgesamt soll deren Zahl steigen: Das Kinder- und Jugendtheater brauche mehr Schauspielerinnen und Schauspieler, die dort nicht weniger verdienen dürfen, als diejenigen, die im „Erwachsenen“-Theater arbeiten.

KUNST UND PÄDAGOGIK SIND KEIN GEGENSATZ

Knüpft man an das Selbstverständnis des traditionellen Kinder- und Jugendtheaters an, so wie es ursprünglich am Beginn des 20. Jahrhunderts gemeint war, dann geht es nicht nur um Theater für junges Publikum sondern auch um ein Theater des jungen Publikums, in dem Kinder und Jugend­liche als Darsteller in Theaterinszenie­rungen und Performances beteiligt werden. Mit solchen Begrifflichkeiten wird zwar der pädagogische Rahmen des Theaterspiels der Kinder hervorgehoben, unter die Räder kommt aber womöglich, was dabei zuvörderst entsteht: die Theaterkunst der Kinder beziehungsweise das Theater der Kinder. Junge Menschen sollten ein Recht und Anspruch auf „zweckfreie Kunst“ haben, auch wenn viele Beteiligte von „der Schule des Sehens“ reden oder in der Debatte um kulturelle Bildung gern mit der Begrifflichkeit „Außerschulischer Lernort“ hantieren. Kunst oder Pädagogik sind aber nur ein scheinbares Gegensatzpaar. Beispiel Musiktheater: Andrea Gronemeyer, Intendantin des Münchener Theaters für junges Publikum, bilanziert, ein Kunstschaffender könne „das Kind als kreativen Partner von ästhetischer Kommunikation durchaus ernst nehmen“. Dazu seien die „jungen Weltentschlüsselungskünstler“ genauso fähig wie Erwachsene.

Auch Musiktheater machen inzwischen spezielle Angebote für eine junge Zielgruppe. Sie tun das, weil der Altersdurchschnitt im Zuschauerraum zunimmt und ein Publikum für die eigene Zukunft entwickelt werden muss. Jüngst behauptete der erwähnte Konzertagent Berthold Seliger im Deutschlandfunk, nur noch „Silberrücken“ seien in Opernhäusern ein treues Publikum. Aus seiner steilen Einlassung leitete er die zutreffende Folgerung ab, möglichst jedes Kind solle nicht nur ein Musiktheater besuchen, sondern auch selbst ein Instrument lernen. In der Tat lassen sich seit Jahren bei vielen Schülerinnen und Schülern Aufmerksamkeitsdefizite beobachten ebenso wie mangelndes Sozialverhalten, Lese-Probleme und Probleme beim logischen Denken. Von ausreichendem Musikunterricht können immer weniger Kinder und Jugendliche berichten, geschweige von einem eigenen Instrument. Dabei gälte es genau hier anzusetzen: Musik ist letztlich emotionale Mathematik, die das logische Denken fördert, dem Sprachverständnis hilft, zur Bewegung motiviert und das soziale Miteinander voraussetzt. Selbst ein Schulsystem, das Kinder nicht umfassend bilden, sondern bloß für den Arbeitsmarkt fit machen wollte, müsste schon aus eigenem Interesse auf den Musikunterricht setzen.

Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil: Der Deutsche Musikrat berichtete im November letzten Jahres, dass 80 Prozent des Musikunterrichts an allgemeinbildenden Schulen ausfällt. Generalsekretär Christian Höppner nannte es einen „Skandal“, dass dies in der viertreichsten Industrienation der Welt möglich sei und beklagte, dass Musikunterricht längst nicht an allen Grundschulen selbstverständlich ist. Diese Entwicklung ist schon seit Jahren zu beobachten: Schon 2009 stellte die FAZ fest, dass kein Unterrichtsfach so oft ausfällt wie der Musikunterricht. Selbst wo dieser noch auf der Stundentafel steht, wird er an Grundschulen selten von ausgebildeten Musiklehrern unterrichtet. Auch bei den Musikschulen gibt es Handlungsbedarf. Bundesweit stünden dort mehr als 100.000 Schüler auf den Wartelisten. Höppner: „Das liegt nicht daran, dass es zu wenige Lehrkräfte gibt. Die Listen gibt es, weil durch Kürzungen Kapazitäten zusammengestrichen wurden.“

Dabei sehen viele Eltern kulturelle Bildung durchaus als Grundlage für den Lebenserfolg ihrer Kinder. Das hat eine Studie des Rats für kulturelle Bildung im vergangenen Jahr herausgefunden. Gleich­­zeitig ist aber immer noch der Bildungshintergrund der Eltern der stärkste Faktor: Kinder aus bildungsferneren Familien haben weniger kulturelle Unterstützung – mithin wäre die Schule für Kinder aus diesen Familien oftmals der einzige Zugang zu kultureller Bildung.

AUCH FÜR AYSE UND MANDY

Unter anderem an diesem Punkt setzt das Förderprogramm „Kultur macht stark“ des Bundesbildungsministeriums an, dessen zweite Phase (von 2018 – 2022) jetzt startete.

Zielgruppe der kulturellen Bildungsangebote sind 3- bis 18-jährige Kinder und Jugendliche, die in Verhältnissen leben, die den Zugang zur Bildung erschweren. Die Angebote sind außer­schulisch und werden von Bündnissen mit mindestens drei lokalen Partnern durchgeführt. Dabei steht die gesamte Bandbreite der kulturellen Bildung offen – von der Alltagskultur über die Literatur und die Musik bis hin zum Theater und Zirkus.

In der ersten Programmphase wurden in den vergangenen vier Jahren bundesweit über 16.000 Maßnahmen durchgeführt. Über 500.000 Kinder und Jugendliche wurden in den Projekten erreicht. Das Programm wurde von 32 zivilgesellschaftlichen Programmpartnern umgesetzt. Das Bildungsministerium hatte insgesamt 220 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Für die zweite Programmphase wurden ebenfalls 32 zivilgesellschaftliche Programmpartner in einem wettbewerblichen Verfahren ausgewählt, diesmal sind 250 Millionen zu verteilen – damit ist „Kultur macht stark“ das größte Förderprogramm zur kulturellen Bildung in Deutschland. Dem Deutsche Bühnenverein (DBV) wurde für die Förderjahre 2018 bis 2022 eine Förderung in Höhe von 5,6 Millionen Euro zugesprochen. Schon seit 2013 hatte der DBV lokale Bündnisse für Bildung organisiert. Das Spektrum reichte vom Schnuppertag in der Theaterwerkstatt über Workshops in der Schneiderei bis hin zu ganzen Theaterinszenierungen und Ferienprojekten an den Theatern und Orchestern.

Diese Angebote von musikalischer und kultureller Bildung stoßen dann hoffentlich nicht nur in Vierteln auf Interesse, in denen Carlotta, Maximilian oder Leo als Kinder wohlsituierter Eltern zu Hause sind, sondern auch bei Ayse und Mehmet oder Mandy, die womöglich keine ganz so gute Bildung genießen.

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