Jörg Rowohlt Geschrieben am 1 Dezember, 2017

Kolumne Dezember 2017

TRANSITION

Ein Leben jenseits der Bühne

Das Ende des Traumberufs vor Augen, wenn bei anderen die Karriere erst richtig los geht: Wer sich für das Tanzen als Profession entscheidet, weiß, dass die Karriere hart ist und meist nicht lange dauert. Doch wie kann es für Tänzerinnen und Tänzer danach weitergehen?

In Deutschland gibt es nach Schätzungen bis zu 4000 Tänzerinnen und Tänzer, davon um die 1400 in festen Engagements. Oft reicht deren Berufswunsch bis in die frühe Jugend zurück, ebenso häufig haben sie große Teile ihrer Kindheit und Jugend im Ballett verbracht und kannten nicht viel anderes. Die mit Studien- oder Schülerjobs verbundenen Berufserfahrungen fehlten vielfach. Die Ausbildung war hart und fordernd. Auf der anderen Seite war damit aber auch ein Leben wie unter einer Glocke verbunden, in einem schützenden Kokon. Gerade bei Tänzerinnen und Tänzern, die fest an einer staatlichen Bühne engagiert waren, setzte sich das fort. Deren Leben bestand aus Trainieren, Proben, Auftreten, Schlafen und dann alles von vorne. Vom „gewöhnlichen“ gesellschaftlichen Leben bekommen viele kaum etwas mit, Freundschaften mit Menschen außerhalb der Ballett-Szene blieben oft auf der Strecke. Zudem handelt es sich bei etwa 70 Prozent um ausländische Tänzer, die hierzulande zunächst auch noch die Sprache erlernen mussten, sehr oft das Engagement wechseln und eine hohe Mobilität aufweisen.

„Wieso haben Sie nichts Richtiges gelernt?“

Solche Vollbluttänzer haben dann später im besten Fall eine klassische Tänzer-Laufbahn hinter sich: Es lief wie am Schnürchen – Halbsolist, Solist, eine Rolle nach der anderen. Und trotzdem gerät die Karriere mit Ende 30 meist an ihr Ende, auch wenn heute viele Compagnien Tänzerinnen und Tänzer jenseits der 40 beschäftigen. Der Körper und seine jahrzehntelange Belastung verlangen ihren Tribut. Das erwartet unerwartet frühe Karriereende ändert aber nichts daran, dass sich viele Betroffene schutz- und hilflos fühlen. Das gilt umso mehr, wenn etwa eine Verletzung eben doch einen plötzlichen Abbruch fordert. Während der aktiven Zeit haben viele das Thema verdrängt, was die Fallhöhe noch verstärkt. Zum Schmerz des Abschieds vom Tanz, von der Bühne und von einem heiß geliebten Beruf kommt dann noch Demütigung hinzu. Denn nicht selten hören Tänzer von den Sachbearbeitern der Arbeitsagenturen Sätze wie „Wieso haben Sie nichts Richtiges gelernt?“ oder „Und was haben Sie tagsüber gemacht?“ Andere haben schon früh begonnen, sich mit dem Übergang in einen anderen Beruf („Transition“) auseinanderzusetzen und beginnen noch während des Tänzerlebens ein Fernstudium oder eine berufsbegleitende Ausbildung. Ohnedies sind freischaffende Tänzer meist schon auf einem dualen Karriereweg – weil sie vom Tanzen alleine nicht leben können. So studierte der Däne Johan Holten, 1994 bis 1998 in Hamburg als Gruppentänzer engagiert, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft und wurde 2011 Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

Seit 2010 hilft die Stiftung TANZ

Die meisten aber haben es mehr oder weniger schwer, nach Abschluss ihrer Karriere in einem anderen Beruf Fuß zu fassen. Ihr Leben bestand all die Jahre zuvor aus Tanz und nichts anderem. Auch wenn Tanz mittlerweile ein akademischer Beruf ist und an Hochschulen studiert wird, werden Betroffene vielfach immer noch wie „Ungelernte“ behandelt.

Anders als bei Athleten der olympischen Disziplinen, denen während ihrer Karriere eine stattliche Anzahl vom Bund bezahlte Laufbahnberater zur Seite stehen und olympische Zentren sich nach der Sportkarriere um die Betroffenen kümmern, konnten sich Tänzerinnen und Tänzer bis 2010 hierzulande noch nicht einmal an einen einzigen kompetenten Berater wenden. Seither gibt es die Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland, die inzwischen um die 900 Betroffene betreut hat. Zum Angebot der Stiftung gehören persönliche Beratungsgespräche durch die Berliner Geschäftsstelle sowie externe Coaches, aber auch per Telefon, E-Mail oder Skype. Es gilt, individuelle Fragen zur persönlichen Transition-Situation zu klären und Informationen zu bürokratischen Fragen oder Finanzierungsmöglichkeiten einer Transition zu vermitteln. Die Diplom-Psychologin Heike Scharpff steht dort Tänzerinnen und Tänzern zur Verfügung. In Einzel-Coachings werden neue berufliche Ziele erarbeitet. Die Stiftung bietet Unterstützung in der Kommunikation mit Behörden wie Arbeitsagentur, Rentenversicherung und Berufsgenossenschaft. Die Orientierung nach außen, in die Gesellschaft hinein, ist oft zwingend notwendig – denn an den Bühnen ist für viele keine weitere Beschäftigungsmöglichkeit vorhanden. Selbst wenn Tänzer heutzutage oftmals Bachelor- und Masterabschlüsse haben, ändert das nichts daran, dass an den Häusern nur wenige Planstellen für Ballettmeister oder Trainingsleiter existieren und auch der Wechsel in Berufsfelder wie Inspizienz, Maskenbild, Dramaturgie oder Physiotherapie nur eingeschränkt möglich ist. Der jeweilige Transition-Prozess wird begleitet, indem die aktuelle emotionale Situation ebenso wie persönliche Interessen, Kompetenzen und Ziele geklärt werden. Eine, wenn auch bescheidene, finanzielle Hilfe ist ebenfalls möglich. Es gibt Stipendien für Tänzerinnen und Tänzer, die eine neue berufliche Ausbildung oder ein Studium von öffentlicher Seite nicht finanziert bekommen. Zusätzlich finden dreimal jährlich in verschiedenen Städten wie München, Hamburg, Berlin, Karlsruhe, Düsseldorf, Dresden oder Mannheim Workshops mit Experten statt. Neben dem Serviceangebot in Berlin wurden 2016 acht 90-minütige Transition-Vorträge wie auch Beratungstage vor Ort in den Deutschen Ballett- und Tanztheaterkompanien wie auch Hochschulen durchgeführt: Bayerisches Staatsballett München, Ballett Ulm, Ballett Gelsenkirchen, Ballett Leipzig, Ballett Mannheim, Tanztheater Braunschweig.

Die GDBA ist im Kuratorium der Stiftung vertreten und bietet ihren Mitgliedern ebenfalls Beratung an.

Hürden gibt es genug

Die Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland haben vor fast acht Jahren Inka Atassi und Sabrina Sadowska ins Leben gerufen. Beide waren selbst Tänzerinnen, Sadowska ist seit vielen Jahren auch Mitglied der GDBA. Dem Kuratorium der Stiftung steht John Neumeier vor. Die tanzstarken Länder Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen fördern die Geschäftsstelle in Berlin über die Kulturstiftung der Länder mit jährlichen Beiträgen und es werden an diversen Theatern Benefizveranstaltungen organisiert. Die Mitarbeiterinnen der Stiftung sind immer wieder mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen konfrontiert: Manche bleiben „irgendwie“ immer Tänzerin oder Tänzer, auch wenn sie nicht mehr auf der Bühne stehen; andere suchen bewusst die Distanz.

Entsprechend breit ist das Spektrum der Berufe, für die sich die „Ehemaligen“ entscheiden: Alles ist dabei, etwa Gärtnerin, Architekten, Lehrer, Industriekauffrau, Juristin, Dramaturg, Journalist oder Yoga-Lehrer.

Beim Übergang zur zweiten Karriere gibt es genug bürokratische Hürden: Wenn der Vertrag eines fest angestellten Tänzers nicht verlängert wird, muss er sich wie jeder Arbeitnehmer spätestens drei Monate vor Ablauf bei der zuständigen Arbeitsagentur vor Ort melden.

Für den Anspruch auf Weiterbildung müssen die Antragsteller entweder eine Berufsausbildung abgeschlossen oder drei Jahre eine berufliche Tätigkeit ausgeübt haben. Auch eine Förderungsmöglichkeit für einen weiteren Beruf kommt infrage, eben weil Tänzer selbst kein anerkannter Ausbildungsberuf ist. In der Praxis können aber verschiedene Probleme auftreten. Haben Tänzerinnen oder Tänzer an einer Hochschule studiert und BAföG bekommen, wird dieses kein weiteres Mal gezahlt. Die Arbeitsagentur unterstützt zudem nur zweijährige Umschulungen, viele Ausbildungen dauern aber drei Jahre.

Der Prozess der Transition ist vor allem für freie Tänzer oftmals mit finanziellen Schwierigkeiten verbunden.

Während eines Engagements an einer deutschen Bühne ist die Versicherung bei der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen Pflicht. Bei dieser für alle Bühnenkünstler als zusätzliche Altersversorgung gedachten Einrichtung können sich Tänzerinnen und Tänzer, die zwischen dem 32. und 44. Lebensjahr ihre Laufbahn beenden, die selbst eingezahlten Beiträge und die Arbeitgeberanteile plus Zinsen als Abfindung auszahlen lassen – etwa für eine nachgewiesene Weiterbildung oder Existenzgründung – und haben so die Möglichkeit, den Transition-Prozess finanziell zu unterstützen. Dann entfällt jedoch die spätere Zahlung von Altersruhegeld.

Lebenslanges Lernen ist entscheidend

Bei allen Schwierigkeiten, darauf verweist Sabrina Sadowska von der Stiftung TANZ, gehört Lernen im Lebenslauf zu den großen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Wissensgesellschaft und globalisierten Welt. Die Verwirklichung des Lernens sei entscheidend für die Perspektive des Einzelnen, den Erfolg der Wirtschaft und die Zukunft von Kultur und Gesellschaft. Die Ausbildung zum Tänzer, Tanzpädagogen und Choreographen hat inzwischen einen akademischen Status erreicht. An vielen Ausbildungsinstituten sind Abitur, Fachabitur, Bachelor und Master als Abschluss möglich. Sadowska verweist darauf, dass mehr als die Hälfte der Stipendienbewerber der Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland inzwischen Abitur hätten, wovon früher nicht zu träumen gewesen sei.

Die Verbindung von lebenslangem Lernen und dem tänzerischen Transition-Prozess war auch einer der Hauptpunkte, derer sich eine Konferenz der FIA (International Federation of Actors) angenommen hatte, die im Juni 2011 in Berlin stattfand. Die Delegierten beschäftigten sich mit der Frage, welchen Beitrag die Gewerkschaften leisten können, um Transition-Projekte zu unterstützen und verwiesen beispielhaft auf mehrere Programme aus EU-Ländern: Das niederländische „Dutch Retraining Program for Dancers“, „What NXT? – Laufbahnunterstützung für professionelle Tänzer“ aus Belgien, die oben bereits erwähnten Regelungen zur Tänzerabfindung bei der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen und der Übergangsfonds des französischen Kulturministeriums.

Als Ergebnis der Konferenz veröffentlichte die FIA ein eigenes Handbuch mit vielen nützlichen Informationen: Dancers’ Career Transition: A EuroFIA Handbook. In dem kostenlos in unserem Blog herunter ladbaren Handbuch (englisch) wurden Daten und Informationen aufbereitet, die durch Recherche unter FIA-Mitgliedsgewerkschaften (darunter der GDBA) gesammelt und analysiert wurden und aufs Neue zeigten, wie wichtig lebenslanges Lernen ist.

Denn auch abgesehen von formaler Bildung ist klar, dass Tanzschaffende vielseitig, flexibel, mehrsprachig und im Besitz vieler Eigenschaften sind, die die Wirtschaft schätzt: Disziplin, Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen, hohe Belastungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Risikobereitschaft. Es gibt ein Leben jenseits der Bühne.

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken