Ludwig BarnayIn der März-Ausgabe des GDBA-Fachblatts haben wir mit Thaisen Rusch gesprochen, der zu jenen vier Künstlerinnen und Künstlern gehört, die ihre Verträge am Theater Altenburg-Gera unter anderem deswegen beenden, weil sie sich wegen ihrer ausländischen Wurzeln diskriminiert sehen:

Herr Rusch, Sie gehören zu den Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Verträge mit dem Theater Altenburg-Gera beenden. Wie ausschlaggebend war die in der Presse als Grund genannte Fremdenfeindlichkeit für Ihre Entscheidung?
Zunächst möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich bei den freundlichen KollegenInnen der TPT bedanken, die mich, vom Techniker bis zum Generalmusikdirektor, im Chor und im Orchester alle akzeptiert und offenherzig in ihren Reihen aufgenommen haben.

Die in der Presse genannten Zwischenfälle kann ich bedauerlicherweise bestätigen und sie waren unter anderem ein sehr entscheidender Grund, meinen Vertrag am Theater Gera über den Sommer 2017 hinaus nicht weiter zu verlängern.

Dass es dann kurz vor Weihnachten zu einer vorzeitigen Vertragsauflösung kam, war auch anderen Gründen geschuldet.

Jedoch stand am Ende eine beiderseitig beschlossene Entscheidung, die im Rückblick auch die richtige war.

Haben Sie konkret unangenehme Erfahrungen gemacht, die sich auf Ihren Alltag auswirken?
Für mich als Deutscher mit einer anderen Hautfarbe gab es einen Punkt, wo es schwierig wurde, einzuschätzen, ab wann laute Rufe in gelebte Aggression gegenüber meiner Person ausufern könnten. Die berechtigte Sorge um mein leibliches Wohl nahm zu. Um Eskalationen zu vermeiden, habe ich auf Beschimpfungen geschwiegen und diese ignoriert, was nicht immer leicht ist und einen natürlich auch verletzt – immer nachzugeben und der Vernünftige sein zu müssen, um ja nicht Ärger zu bekommen.

Bedauerlicherweise häuften sich in letzter Zeit, neben kleineren Alltagsdiskriminierungen wie bösen Blicken beim Einkaufen die lauten, offenkundigen – und nachweisbaren – rassistischen Beleidigungen, zum Beispiel im Wirtshaus „Roberto Blanco, warum trägst Du ein Jacket, denkste Du bist was Besseres?“; zum Arbeitsweg unmittelbar vor dem Theater „Du siehst scheiße aus!“; oder im Zug von Leipzig nach Gera „Scheiß Neger im Viehtransporter“.

Ich habe die heftigsten Zwischenfälle chronologisch in mein Tagebuch notiert, damit es eben nicht, wie bereits öffentlich zu Unrecht vorgeworfen wurde, eine dramatisierende Überempfind­lich­keit des Betroffenen ist. Von polizei­lichen Anzeigen habe ich abgesehen, da erfahrungsgemäß die Verfolgung solcher Zwischenfälle eher selten bleibt.

Als Deutscher mit sri-lankischen Wurzeln kam ich in bizarre Situationen, denn einerseits repräsentiere ich die moderne und bunte Bundesrepublik Deutschland beim Empfang des deutschen Botschafters in der Schweiz und andererseits werde ich daheim in Thüringen als „Scheiß Neger“ beschimpft, der jedoch einer Berufung folgt, welche unsere gelebte „abendländische“ Kultur pflegt und vor deren Untergang ja so vielen Wutbürgern Angst und Bange ist.

Dennoch ist es mir wichtig zu betonen, dass Fremdenfeindlichkeit, aufkeimender Nationalismus und Rechts­populismus keine neuen Wunden unserer demokratischen Gesellschaft sind und nicht ein exklusives Problem der ostdeutschen Bundesländer.

Unsere wiedervereinigte Gesellschaft muss endlich aufwachen und warmherziger werden.

Wie reagieren Sie auf selbst erlebte Diskriminierung?
Als Musiker können wir uns natürlich immer in die Welt der großen Komponisten flüchten.

Neue Partituren studieren, sich mit anderen Musikerfreunden austauschen und deren Aufführungen besuchen oder einfach noch mehr an sich arbeiten.

Vielleicht ist das eine Form von Verdrängung, doch kann sie helfen.

Ich kann von Glück sagen, dass ich die besten Eltern der Welt habe, die mich und meine Schwester in Zeiten des Bürgerkriegs auf Sri Lanka adoptiert haben und uns immer mit viel Liebe und der notwendigen Unterstützung zur Seite standen, damit wir unsere Wege gehen konnten.

Und gerade in schwierigen Zeiten hält unsere Familie zusammen.
Ebenfalls haben die engsten Freunde unterstützt, sei es durch tägliche Telefonate, Chats, usw. und somit Hoffnung auf bessere Zeiten geschenkt.

Als Privatperson finde ich persönlich Kraft im Glauben und da wir Protestanten 2017 das Lutherjahr feiern, bin ich über ein Zitat von Martin Luther gestoßen, was mir geholfen hat, der positive Mensch zu bleiben, der ich bin:

„Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung und nichts eher als eine Wohltat“.

In den mehr oder weniger liberalen, weltoffenen Metropolen ist es leicht, von der Bühne herab Widerstand zu fordern. Sie haben dagegen die Stimmung vor Ort gespürt – hat das Ihr künstlerisches Schaffen verändert?
Auf meinen regelmäßigen Reisen innerhalb Deutschlands und ins Ausland ist es mir glücklicherweise gelungen, über die vergangenen Jahre ein gut funktionierendes Netzwerk aufzubauen. Mein Netzwerk reicht über den Kreis der Berufsmusiker in großen Orchestern in Berlin und Wien hinaus – es sind Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und aus verschiedensten Berufsgruppen. Und mit diesen besonderen Menschen, mittlerweile Freunden, ist es ein besonderes Geschenk, durch die Musik verbunden zu sein.

Ich erzähle das, weil ich der festen Überzeugung bin, dass die verbindende Kraft in der Musik von Bach bis Wagner existiert und sie nach wie vor Menschen miteinander in Kontakt treten lässt.

Mir ist durch die Zeit in Thüringen wieder bewusster geworden, dass in unserer schnelllebigen Gesellschaft und in Zeiten eines großen politischen Wandels die künstlerische Exzellenz oder ein gelungenes Konzert nicht mehr ausreichen, um die Menschen zu erreichen.
Ohne oberflächlicher im Musizieren zu werden, liegt es doch an uns, nach der Aufführung auf unser Publikum zuzugehen, den persönlichen Dialog zu suchen und zuzuhören, was die Menschen bewegt.

Das ist meiner Ansicht nach ein Weg, um langfristig mehrere Kanäle zu haben, sich für eine Sache mit entsprechend sozialem und politischem Rück­halt einzusetzen und Ideen realisieren zu können.

Was kann nach Ihrer Meinung getan werden, der größer werdenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken? Haltung zeigen allein reicht womöglich nicht aus? Was können Politiker tun, was Theater, was jeder Einzelne?
Ein Theater muss auf mutige und sichtbare Weise demokratische Haltung zeigen, wenn es zu politischen Unruhen im unmittelbaren städtischen Umfeld kommt, wie auch die jeweiligen Politiker.

Sich zu beklagen und bestürzt zu zeigen gegen diejenigen, welche sinnlos Anklagen und Angst verbreiten, ist meiner Ansicht nach nicht ausreichend.

Gemeinsam den friedlichen und respektvollen Dialog auch durch Musik zu finden, könnte ein Anfang sein.

Schauen wir in die südamerikanischen Länder, die „El Siestema“ eingeführt haben, seit Generationen durch Musik Kinder aus Problemvierteln holen und diese befrieden, sowie Menschen eine Perspektive schenken.

Blicken wir auch nach Deutschland, wo in Blaibach (Bayern) der Bariton Thomas E. Bauer und die Pianistin Uta Hielscher innerhalb eines Jahres den visionären Bau eines futuristischen Konzerthauses im Herzen des Bayerischen Waldes aus dem Boden gestampft haben. Lebendige Kultur als gesellschaftlicher Kitt und wirtschaftlicher Impuls.

Die Freiheit, die wir alle jeden Tag genießen, ist ein Geschenk und oft ein steiniger Weg zugleich.

Gerade heute müssen wir Künstler wachsamer sein und notfalls unbequem werden, wenn wir für unsere Freiheit in der Kunst und Gesellschaft eintreten. Denn wenn wir dies aus Angst unterlassen oder einer falsch verstandenen Diplomatie verfallen, ris­kieren wir unsere Freiheit von morgen.

———–

ThaisenRuschWEBThaisen Rusch wurde in Sri Lanka geboren und wuchs in Deutschland auf.
Er sammelte erste musikalische Erfahrungen am Institute of Music Tapiola in Helsinki (Finnland), und setzte nach verschiedenen Stationen ab 2010 seine Studien an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin fort.
Thaisen Rusch ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.
Erste Bühnenerfahrungen sammelte der junge deutsche Tenor bereits während seiner Studienzeit, so unter anderem 2009/10 am Theater Kiel in der Neuproduktion von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg, 2012 bei der Uraufführung Neue Szenen an der Deutschen Oper Berlin sowie als regelmäßiger Gast an der Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater.
Seit der Spielzeit 2016/17 war er als Mitglied des Solisten-Ensembles am Theater Gera / Landestheater Altenburg – Theater & Philharmonie Thüringen tätig.
Thaisen Rusch ist insbesondere im Konzert- und Liedfach erfolgreich tätig.
Seine Engagements führten ihn unter anderem zum Bayerischen Staatsorchester, den Münchner Philharmonikern und der Staatskapelle Berlin.
Zum Beginn der neuen Spielzeit 2017/18 wird Thaisen Rusch für die kommenden Jahre als Ensemblemitglied ans Theater Augsburg (Bayern) engagiert.